Stettin: Die jüngste Stadt Polens

Grotesk, dass sie an die Gegend mit den wenigsten jungen Leuten in Deutschland grenzt

Ein kleiner Friseursalon gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze – in Lubieszyn bei Stettin (Szczecin): Draußen steht „Friseur“ in zwei Sprachen, „Fryzer“. Ein Deutscher kommt zur Tür hinein: „Kann man sich hier auch die Haare schneiden lassen?“ – „Aber natürlich, mein Herr“, so die betont höfliche Antwort des Haarschneiders. „Vielleicht glaubt er auch, dass wir hier Brot verkaufen!“, sagt er dann auf Polnisch zu einer Kollegin – ohne dabei allerdings die Stimmlage zu ändern.

 

Die hohe Sprachgrenze überwinden nur Polen

An keiner anderen europäischen Grenze sind die sprachlichen und kulturellen Unterschiede größer als hier. Zwischen dem Deutschen und dem Polnischen klafft nun mal eine drastische Lücke, hinzu kommt die schärfste Religionsgrenze auf dem Kontinent, die zwischen Atheisten und radikalen, zuweilen nationalen Katholiken verläuft.

Wegen des Bevölkerungsaustausches bei Kriegsende, der auch diese Gegend hier um Stettin betraf, haben die Menschen beiderseits der Grenze eigentlich nichts miteinander zu tun. Außer ein bisschen Geschäft. Viele Deutsche schimpfen hier auf die Polen, nirgendwo ist die Polenfeindlichkeit höher als in der deutsch-polnischen Grenzregion. Viele Polen wiederum titulieren die Ostdeutschen schon seit den Zeiten, als sie beide noch durch eine aufgezwungene sozialistische Völkerfreundschaft verbunden waren, als die „roten Preußen.“ Man ist sich hier aus einer langen Tradition heraus in Ablehnung verbunden.

 

Nach Polen nur zum Tanken und Haareschneiden

Es gehört zu den Grotesken zwischen Deutschland und Polen, dass sich hier – westlich der Grenze – einer der ärmsten deutschen Landkreise erstreckt (Südvorpommern), der größte noch dazu, mit der niedrigsten Dichte junger Frauen im Land – auf der anderen liegt Stettin, die Stadt mit den jüngsten Bewohnern im Land, das seit der EU-Osterweiterung vor sieben Jahren eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs erlebt.

Und bei jedem Besuch in der Stadt zeigt sich die stetig wachsende alerte Mittelschicht, die sich immer stärker von den Wendeverlierern jenseits der Grenze unterscheidet. Das Einkommensgefälle schrumpft hier zu polnischen Gunsten, das Bildungsgefälle läuft schon längst nach Westen ab. Hüben Brain-Drain, drüben die beste zahnmedizinische Fakultät Polens. Weil Zahnärzte in Deutschland aber noch mehr verdienen, ist sie der größte Exporteur polnischer Zahnärzte nach Deutschland.

 

Stettin ist nah, aber fremd

Nun kuschelt sich der deutsche Kunde also in den polnischen Frisiersessel, den raschelnden Frisierumhang aus Dederon um Hals und Schultern. Das ist ihm vertraut. Dieses Gefühl schafft Behaglichkeit. Dederon, die Kunstfaser aus DDR-Produktion, aus der Schürzen und Hemden gefertigt wurden, unter denen sich schnell ein schweißnasses Klima ausbreitet.

Neben Tanken und Zigarettenkaufen gehört der Friseurbesuch noch immer zu auf polnischer Seite günstigeren Angelegenheiten, derentwegen sich der Vorpommer über die Grenze zum ungeliebten polnischen Nachbarn wagt. Einzig die Aussicht auf ein paar gesparte Euro lockt über die Grenze. Kultur interessiert die allermeisten von ihnen nicht. Dabei müsste es sie dürsten nach großstädtischem Leben. Rostock, Schwerin, die tatsächlichen Städte des eigenen Bundeslandes, sind ziemlich weit weg. Auch im nahen angrenzenden Bundesland Brandenburg gibt es bis runter nach Berlin keine große Stadt – und das liegt über 150 Kilometer entfernt von hier.

Früher, bevor der Krieg Deutschland zerteilte, war der Korridor Stettin – Berlin eine belebte Angelegenheit. Inzwischen trifft das eigentlich nur für eine Richtung zu. Die Stettiner suchen regelrecht die Anbindung an Berlin, zu dem sie ein natürliches Verhältnis haben, die Stadt derart frequentieren, wie es sich für die nächste wirkliche Metropole gehört. Berlin ist den Stettinern längst wieder näher als Warschau, nicht nur geographisch.

 

Pat Metheney im Schloss von Katharina der Großen

Für den Friseurladenbesucher allerdings ist das nahe Stettin immer noch eine fremde Stadt. Nach dem schnellen Schnitt fährt er wieder zurück in Richtung Grenze. Die quirlige Großstadt am Haff, die nur ein paar Kilometer die Straße runter liegt, meidet er. Er verzichtet auf den Auftritt von Pat Metheney im Innenhof des Piastenschlosses, in dem Katharina die Große auf die Welt kam.

Auch die jüngst verstorbene Christa Wolff, die Ikone der ostdeutschen Literatur, wurde vor 82 Jahren hier geboren. Die traditionelle Oper hat kaum deutsche Besucher, auch der Jazzclub nicht – und wer in Vorpommern hört schon polnischen Hip Hop, den sich Lukas Podolski auf seinem iPod reinzieht, und der in Stettin allmählich zu einer starken Marke reift. Die ausgeprägte polnische Hip-Hop-Szene in Berlin jedenfalls, in den Hochhäusern in Gropiusstadt und Rudow, lässt sich von dort inspirieren.

Und ständig strömen die Stettiner nach Berlin, um deutsche Kultur aufzusaugen, um von Schönefeld aus in den Urlaub zu fliegen, um – wie deutsche Besucher auch – über den Potsdamer Platz zu schlendern. Weil sie neugierig sind und Europa selbstverständlich leben.

 

Berlin-Stettin für 10 Euro

Es hat etwas gedauert, bis auch die Deutsche Bahn endgültig auf die volle Freizügigkeit im Reiseverkehr zwischen Deutschland und Polen reagiert hat. Inzwischen kostet die Fahrt Berlin-Stettin nur noch zehn Euro. Das ist eine Einladung!

 

Sa, 10.12.2011 0

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11.02.2010

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