CLUBRAUM 74 - Nachtlebensqualität

Im Bauch des Dortmunder Westfalenstadions hat ein neuer Club eröffnet: Der Clubraum 74 war für das schmelzende Nachtleben der Stadt ein Zeichen zur rechten Zeit.

Man könnte sie als Guerilla-Stadtentwickler oder Party-Archäologen bezeichnen: Jan Möller und Philip Winterkamp haben sich als Geschäftsführer der Muto Heimatgastronomie die Eröffnungen von „Clubs auf Zeit“ auf die Fahnen geschrieben. Dafür suchen sie nach aufregenden, leerstehenden Objekten in denen sie neue Konzepte ausprobieren. Mit großem Erfolg: Das Bosch Bobby zählte während seiner einjährigen Existenz zu einem der angesagtesten Clubs des Ruhrgebiets. Und ihre Bar Balke im Dortmunder Kreuzviertel
ist immer noch ein Publikumsmagnet. Nun, in Zusammenarbeit mit dem BVB, ist als Nachfolger des Bosch Bobby ein neuer Club entstanden: „Es ist ein bisschen wie ein unerwartetes Geschenk – und eine Zeitreise“, meint Möller. „Es gibt aus dieser Ära mit ihrem extravaganten Design kaum noch Locations in gutem Zustand“. Dabei handeln Möller und Winterkamp vollkommen antizyklisch, vor allem wenn man das Umfeld in ihrer Stadt betrachtet:

Dortmund, vor noch wenigen Jahren eine Hochburg des NRW-Nachtlebens, ist auf diesem Sektor nahezu völlig erodiert. Thier-Gelände, Live Station, Versteck und Solendo folgten dem legendären Cosmotopia in die ewigen Jagdgründe der Clubkultur. An deren Stelle schmücken nun ein wunderbarer Rewemarkt und – derzeit im Bau – ein spektakuläres Shoppingzentrum sowie eine superbe Bahnhofsmall mit Verwaltungstrakt die an kulturellen Attraktionen nicht gerade überreiche Stadt. Auch im Hafen vermoost die beliebte Strandbar Solendo wegen von Differenzen zwischen Eigentümern und Verwaltung – wobei letztere noch nie in den Verdacht geraten ist, den ideellen und ökonomischen Wert von freien Szenen zu verstehen und wohlwollend zu unterstützen. Und so treibt auf den Trümmern eines veralteten Malocherethos (Motto: „Wer viel feiert kann nicht arbeiten“) im Rathaus eine Ideologie ihr Unwesen, die durch Ignoranz oder Absicht die lokale Lebensqualität für Bürger unter 40 Jahren sabotiert.

Ein Weckruf für die Stadtoberen

Logisch, dass mit dem Opening des Clubraums eine der wenigen guten Nachrichten aus einem Kraftfeld stammt, das mit städtischer Bürokratie so gar nichts zu tun hat: Trotzdem ist sie ein Signal für die Zukunft Dortmunds. Und hoffentlich ein Weckruf für die Stadtoberen, die Vitalität der Szene zu begreifen (und nicht weiter zu zerstören), gerade bei leeren Kassen. Denn der Clubraum mit seinen zwei Dancefloors (einer im originalen 70er-Chic mit grünem Cord und Mahagoni, der andere im modernen Design) und seiner Mixtur aus House- und Funkmusik könnte in die Fußstapfen legendärer Clubs wie dem Bungalow treten – und Nachtschwärmer aus ganz NRW ziehen. „Der Reiz für die Gäste: sie wissen, dass die Party hier morgen schon vorbei sein kann“, sagt Jan Möller. Und hofft dabei insgeheim, dass der Abpfiff für den Clubraum 74 noch ein wenig auf sich warten lässt.

Clubraum 74
Fr-Sa (außer Spieltags) ab 23 Uhr
Strobelallee 50
44139 Dortmund

So, 09.05.2010 0

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10.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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