Stadt ohne Geld - Künstler ohne Konzept

„Was hat das mit einer Stadt ohne Geld zu tun?“ Diese eineinhalb Stunden nach Beginn der „Stadt ohne Geld“-Veranstaltung „Streit #1: Kreativwirtschaft“ gestellte Frage aus dem Publikum bringt das Scheitern der Podiumsdiskussion auf den Punkt.

Dass sich deren Bühne, auf der an diesem Abend sieben aus Gründen der Unerheblichkeit nicht allesamt näher vorzustellende Gesprächsgäste und Moderator Fabian Lettow vom kainkollektiv Platz genommen haben, ausgerechnet im 18. Stock des Dortmunder Harenberg City-Center befindet, ist kein Wunder.

Denn hier wird sich aus dem Elfenbeinturm heraus in einer zumeist elitären Dialektik über Gentrifizierung, sowie sozio- und kulturpolitische Entwicklung im Ruhrgebiet unterhalten, dass wenn die zur Sprache gebrachten Thesen an einer Litfasssäule in der gern zitierten und unweit entfernen Nordstadt angeschlagen, diese von der Mehrzahl der Bewohner für Botschaften außerirdischer Herkunft gehalten werden würden.

Dabei fängt die Veranstaltung noch recht vielversprechend an: „Die Botschaft der Kreativen Klasse greift zu kurz und nicht in das Drama, in dem wir uns gerade befinden“, referiert der Hamburger Künstler Christoph Schäfer und lässt auf eine Entzauberung, oder neutraler ausgedrückt auf eine Übersetzung der Kreativwirtschaftsrhetorik, sowie Errechnung des wahren gesamtgesellschaftlich betreffenden Branchenwerts hoffen. Dazu kommt es jedoch mitnichten. Allein, weil sich das im eben zitierten Satz genannte „wir“ Stück für Stück auf einen immer kleiner werdenden Kreis verdichtet.

Während die Kreativen, die so viel lieber Künstler genannt werden wollen, auf der Bühne in ihren Sphären schweben, ist es Christian Esch, Leiter des NRW-Kultursekretariats (das sich unter Zuhilfenahme von reichlich Versalien eigentlich „anders“ schreibt, aber nichts anderes ist), also ist es Esch, der immerhin zwei interessante Aussagen macht.

Zum einen, dass wenn nicht die Kultur sich mittels ihrer antragslyrischen Lobhudelei auf die Kreativwirtschaft aus dem Topf voller Fördergelder bediene, würden halt andere kommen und ohne Skrupel hineingreifen. Zum anderen, dass ein Kunstprojekt wie z.B. „2-3 Straßen“ von Jochen Gerz kein Weltverbesserungskonzept bereit halte.

Vielen Dank für soviel Realismus, denn unter dem Strich dreht sich die gesamte Diskussion nicht um eine Verbesserung der Welt, bzw. konkret der regionalen Lebensqualität, sondern lediglich um eine Verbesserung künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten. Dass dies die Erwartungen eines Großteils des Publikums (Zitat: „Von welchem Raum sprechen sie eigentlich?“) nicht erfüllt, liegt in der Sache begründet.

Einen individuellen Ausweg aus dem Dilemma eisgekühlter Sektflaschen-Plauderei findet zumindest Christoph Schäfer nach einer guten Dreiviertelstunde, als er eine Ladung Pils-Pullen generiert und der Abend damit für ihn gerettet scheint. Allen anderen bleibt nur schwer verdauliche Trockenkost.

Fotos: Michael Blatt (Teaser/Text1); Christoph Schäfer/Spector Books (Text2); 2-3 Straßen (Text3)

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Fr, 29.10.2010 4

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Kommentare

Treffer und versenkt

Hochgeschätzter Herr Feldkamp,
ich habe es aufgrund seiner Haltlosigkeit im Artikel gar nicht erst erwähnt, aber ihre vermeintlichen Partner vom kainkollektiv haben während der Diskussion hinter ihrem Rücken die Authentizität des IfuK verleugnet und sind wie ein Fähnlein im Wind auf den Zug der Boulevardpresse (http://www.2010lab.tv/blog/ifuk-alles-nur-theater) aufgesprungen, die die Seriösität ihres Instituts in Abrede stellt und ihre anerkennenswerte Arbeit in Misskredit bringt.

yuppie-kacke

Nee, das ist aus Bochum South Central, Digga!

Da sich meine treue Leserschaft primär aus dem gehobenen Bildungsbürgertum rekrutiert, greife ich derweil zu gewagten Schachtelsatzkonstruktionen. Ansonsten fühlen sich viele schnell unterfordert und gelangweilt.

Eigentlich war ich insgeheim nur neidisch, nicht auch aufs Podium geladen zu sein und wollte mich durch diesen Beitrag für zukünftige Gesprächsrunde als qualifiziert genug ausweisen.

Stay crex!

Treffer ins Schwarze

Ihr Kommentar, Herr Blatt, trifft ins Schwarze. Die Podiumsdiskussion hat die Probleme insgesamt zu häufig dialektisch gewendet, was eine unnötige Komplexität in die doch einfachen Zusammenhänge gebracht hat. Wir vom Institut für urbane Krisenintervention (IfuK) zeigen uns zunehmend enttäuscht von der Rückwärtsgewandheit der Künstler. Statt tatkräftig an der neuen Gesellschaft mitzubasteln, eine Gesellschaft des Fortschritts, des Aufbaus und des Glücks, verlieren sie sich sorgenvollen Blicken und unnützen Diskussionen. Eine solche Podiumsdiskussion, ohne eine einzige sinnvolle Botschaft oder vermarktbare Idee, ist Rotz! Ich danke 2010LAB für die aufmerksame Dekonstruktion der Veranstaltung. Herzlich, Ihr Hendrik Feldkamp

yuppies raus

kurze frage: ist das foto *yuppies raus* aus dortmund?
ach ja, dein satzbau is übrigens ganz dolle (nichts für nichtschnöseligehochschulabsolventen)

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05.01.2010

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