
Speisenkammerspiel
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Das verborgene Leben der Speisen: Fällt einem eine solche Filmidee beim Essen ein?
Nein, denn in dem Film geht es nur zweitrangig ums Essen. Die Idee kam mir, als ich gesehen habe, welch unglaubliche Mengen an Müll wir produzieren. Es geht also vor allem um die sich gegenseitig bedingenden Prozesse von Konsum und Müllproduktion.
Das Essen sieht fantastisch aus, aber es landet auf dem Müll – der Zuschauer begleitet das Gemüse, die Früchte und das Fleisch bei ihrem letzten Tanz. Wolltest Du ein Bewusstsein schaffen für die Wertigkeit von Essen und für den riesigen Berg, den wir täglich wegschmeißen?
Auf jeden Fall. Das war für mich genauso wichtig wie die ästhetische Seite; es sollte ein Film darüber werden, wie schön dieses Material ist. Ich wollte fließende Bewegungen schaffen mit verschiedenen Objekten – und natürlich wollte ich auch einen visuell ansprechenden, unterhaltsamen Film machen.
GOOD STUFF ist nicht nur unterhaltsam – die Lebensmittel versprühen geradezu ihren Humor.
Das war nicht beabsichtigt – der letzte Tanz der Lebensmittel ist eher tragikomisch. Sie vergnügen sich ein letztes Mal, befinden sich in einem Grenzbereich kurz vor der finalen Zerstörung. Der Humor des Films liegt in dieser Tragödie.
In Deutschland sagt man, mit Essen spiele man nicht. Ist Dein Film auch eine Rebellion gegen solche Konventionen?
Ich habe als Kind diese Regel auch gelernt, und ich habe tiefen Respekt vor Lebensmitteln. Ich sehe aber das Essen in meinem Film nicht als Nahrungsmittel – schließlich haben andere dieses Material als Müll klassifiziert. Wenn es als nicht schicklich gilt, mit Essen zu spielen, muss es erlaubt sein, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, dass es hingegen als schicklich gilt, enorme Mengen gut erhaltener Nahrungsmittel einfach wegzuschmeißen.
Essen wird zu einer formbaren Masse, zu Material. Ist Dein Film auch eine Studie an Oberflächen? Er zeigt, wie Energie Oberflächenstrukturen verändern kann.
Ganz genau – damit beschäftige ich mich sehr gern und das ist ein zentraler Punkt in meiner Arbeit. Es geht mir um die Beschaffenheit des Materials an sich, die Struktur und die Veränderlichkeit von Oberflächen.
Gleichzeitig wirken die Lebensmittel aber wie Charaktere, jeder spielt eine eigene Rolle. Wie hast Du den Lebensmitteln diese Rollen zugeschrieben?
Vieles hat sich einfach aus der Beschaffenheit der Nahrungsmittel ergeben. Die meisten Szenen sind direkt am Set improvisiert worden. Wenn ich eine Einstellung gebaut hatte und wir drehfertig waren, habe ich spontan entschieden, wer agieren wird – das hing vom vorhandenen Material ab und den Farben der unterschiedlichen Materialien. Ich interessiere mich für organisches Material, und ich habe versucht, es so zu benutzen, wie es ist. Ich selbst wollte dem Material keine Eigenschaften andichten – das sollte dem Zuschauer überlassen sein. Die Form eines Objekts und die sich daraus ergebende Form der Bewegung haben teilweise vorgegeben, wer sich wann bewegt – ich musste schauen, wie sich die Objekte am besten animieren lassen.
Die Lebensmittel zum Tanzen zu bringen muss eine Wahnsinnsarbeit gewesen sein.
Ja, es war enorm. Ich habe alles selbst gemacht, angefangen vom Einsammeln des Mülls. Die meiste Zeit am Set ging dafür drauf, das Material zu sortieren und für den Dreh aufzubereiten. Der Biomüll war zu Beginn einfach ein riesiger Berg aus gelbem und grauem Zeug – ich habe mir die guten Sachen herausgepickt. Zum Drehen brauchte ich dann sehr viel Konzentration und Kontrolle, weil nichts, was im Bild zu sehen war, fixiert war: Alles geriet in Bewegung, wenn ein Objekt sich bewegte. Das war natürlich sehr aufwändig und hat teilweise sehr lange gedauert. Die Explosion der Kiwi zum Beispiel: Ich musste mit einer vorsichtigen und leichten Bewegung der Fingerspitzen die Kiwi in jeder Einstellung ein ganz kleines bisschen mehr eindrücken. Millimeter für Millimeter habe ich mich vorgearbeitet, Frame für Frame.
Der Film wirkt perfekt choreographiert. Kann man vorab den Rhythmus eines solchen Films schon festlegen? Wie plant man einen solchen Film?
Die Szenen sind zwar improvisiert, aber ich habe während des Drehs die Bewegungseinstellungen gezählt, damit ich beim Animieren den Rhythmus nicht verliere. Wir haben den Film dann in diesem bestimmten Rhythmus geschnitten und anschließend darauf passende Musik geschaffen. Die Bewegungsabläufe der Objekte habe ich aber vorab grob geplant.
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