Songfestival in Tallinn: Nach der Klangdusche

Das größtmögliche Folklorefest eines kleinen Landes ist zu Ende. Trotz des Kulturhauptstadtjahres nahm die Weltöffentlichkeit nur wenig Anteil am "Laulupidu" der 30.000 jugendlichen Sänger, Musiker, Tänzer, der 100.000 Zuschauer und bestimmt 50 Dirigenten und Dirigentinnen. Doch für die gibt es in Estland sogar Casting-Show-Gekreische!

Für Dirigenten kann es wohl nichts Schöneres geben als das hier: Eine Kurkonzertmuschel auf der 20.000 Sänger plus großem Orchester plus Popband Platz finden. Hinter einem haushohen Dirigentenpult sitzen etwa 100.000 Zuschauer, beschallt von moderner Tontechnik und optisch versorgt mit Leinwänden, die den Klangkörper bei der Arbeit zeigen. Vor und nach jedem Lied kreischen Chorsänger und Musiker vor Begeisterung für den Auftritt des Impressario. Blumen gibt es, auch Komponisten und Arrangeure werden gefeiert, herzliche Umarmungen für die musikalische Leitung.

Finale für dicke Backen

Und was muss es für ein Gefühl sein in dieser Klangdusche, vor der Klangdüse aus 20.000 Kehlen zu stehen? Begeisterte Kinderaugen, talentierte Jugendliche, präzise Profimusiker die aufgehen im Pathos flott arrangierter Heimatlieder mit Dudelsack, Holzbläsern, flüsterleisen Passagen, Lautmalerei und Schlussakkorden für dicke Backen und Tränendrüsen. Wer Dirigent ist, muss Estland lieben. Erst recht: Dirigentin!


Und das tun sie. Kein Wunder, dass das 1,3 Millionenland so viele bedeutende Taktgeber hervorbringt. Ganz weit vorne Neeme Järvi mit den Söhnen Paavo und Kristjan. Noch herausragender aber Estland als Land der Dirigentinnen; Anu Tali, Kaiso Roose oder Kristiina Poska. Bestimmt ein Ergebnis des Liederfestes, Laulupidu. Denn hier stehen Frauen ganz selbstverständlich vorm Pult, auch die musikalische Direktorin des 2011 Festivals ist eine Frau.   

Krim oder Kalifornien?

An den drei Tagen haben sich gut fünfzig MusikdirektorInnen ans Pult geschwungen, die meisten mit überschäumendem Temperament und sichtbar viel Spaß auf den Wangen - der ja eigentlich genauso wenig nach Estland gehören soll wie dieser Sommer 2011, der hell und heiß das Land verzaubert nach Kalifornien oder an die Krim. Je nachdem, ob Este oder eben russisch-orientierter.


Russisch hörte man im Festivalgrund nur wenig. Estnische Trachten und Trikolore dominierten. Drei Farben: blau, schwarz, weiß. Die übrigens - wie die deutsche Flagge - aus der Studentenschaft stammen. Eine Burschenschaft in der Universitätsstadt Tartu im Landesinneren hatte sich nationale Frage und die drei Farben auf die Fahne geschrieben; Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch nicht nur die Trikolore blieb, es blieben auch Burschenschaften als Keimzelle Estlands vor allem in den Zeiten der estnischen Sowjetrepublik. Kaum ein Student - mittlerweile gibt auch Corps-Studentinnen - der nicht Mitglied in einer der Verbindungen ist, die einem mit Kappe, Scherpe, Mensur und Gelagen ziemlich bekannt vorkommen.

46 mal Vaterland

Auf dem Songground sind singende Burschenschafter so selbstverständlich wie Blumenkränze, Trachten, Nationalfähnchen und am Sonntag allein 46 Lieder, die mehr oder weniger das Vaterland, Isamaa zum Thema haben. Was trotzdem komplett fehlt - vielleicht ist Estland dafür zu klein, vielleicht weil kein Bier ausgeschenkt wurde, vielleicht eine Mentalitätssache - ist das schrille, laute, nationalistische. Hätte nie gedacht, dass mich einmal singende Burschenschafter rühren würden ...

Fotos: Christoph Schurian


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Mi, 06.07.2011 0

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17.03.2011

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