
SLAM2010: Die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam
- Serie: Quergelesen
Natürlich an der Ruhr und vom 10.-13. November. Ein Gespräch mit Organisator und „Senior-Slammer“ Frank Klötgen über Sprachgrenzen, Kommerzialisierung und andere Entwicklungen im zeitgenössischen Poetry Slam.
Jens Kobler: “Die 14. internationalen deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam". Ist diese Veranstaltung die einzige in ihrem Segment oder gibt es auch ähnliche nationale Wettbewerbe?
Frank Klötgen: Es gibt in jedem Jahr nur eine deutschsprachige Meisterschaft. Dieser Wettbewerb wird jeweils zwei Jahre zuvor beim Meeting aller Slammaster aus Deutschland, der Schweiz und Österreich (das sind die Organisatoren der lokalen Poetry Slams) unter den Städten, die sich um die Ausrichtung des Wettbewerbs beworben haben, per Abstimmung zugesprochen. Die deutschsprachigen Meisterschaften sind der größte Event der gesamten Szene und werden immer von den örtlichen Aktiven ohne professionelle Hilfe selbst organisiert.
Jens Kobler: ARTE überträgt das Finale live, es gibt Slams bei Melez und der Extraschicht und sogar Schulworkshops - man könnte sagen, der Poetry Slam als Genre hat einen langen Marsch hinter sich. Was hat sich verändert seit den Anfangstagen der Slams? Ist der Poetry Slam mittlerweile eine Subdisziplin des Kabaretts?
Frank Klötgen: Ja, der Wandel in den letzten fünf Jahren war enorm. Gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur ein knappes Dutzend Slams, die mehr als 200 Zuschauer im Monat versammeln konnten, pendeln sich die größeren Slams mittlerweile auf 400 Zuschauer bei jeder Veranstaltung ein und auch in einer Kleinststadt sind die Veranstalter enttäuscht, wenn weniger als 100 Leute kommen. Das ist auch nicht völlig spurlos am Charakter der Veranstaltung vorbei gegangen. Gestartet als ein offenes Mikro für alle, gibt es mittlerweile vermutlich um die 50 Poetry Slammer, die Profis sind und von ihrer Kunst bequem leben können.
Entsprechend höher ist die Hemmschwelle geworden, als Unbedarfter bei seinem ersten Auftritt gegen solche Leute anzutreten. Außerdem wächst eine neue Generation an Slammern an, für die der Poetry Slam erst Motivation war, mit dem Schreiben richtig loszulegen und die auch ganz gezielt mit ihren Texten den Weg zu den Slams suchen. Die früheren Generationen haben das Format ja erst noch mitentwickelt, um eine Plattform für ihre ohnehin geschriebenen Texte zu finden, und die Frage, was ein Poetry Slam-Text ist, war noch nicht von so vielen bekannten Namen und Texten "vorbelastet". Gerade die Leute, die sich vom Slammen ernähren, dringen mit ihren Solo-Shows auch in andere etablierte Formate, da wäre neben Kabarett auch Comedy, Songwriterbühnen und der klassische Literaturbetrieb zu nennen.
Jens Kobler: Kann man sagen, dass es beim Poetry Slam mittlerweile nur noch wenig um Gedichte geht, sondern mehr um den persönlichen Stil der Autoren beim Schreiben und beim Vortrag? Inwieweit spielt das Spiel mit Sprache dabei überhaupt noch eine Rolle? Du selbst bist ja sehr sprachorientiert und auch dem Genre Gedicht noch sehr nahe, wenn Du auftrittst.
Frank Klötgen: Es gibt beim Poetry Slam mittlerweile klar erkennbare Trends. Vor rund drei Jahren war es noch die amüsante, schnell vorgetragene, aber abgelesene Kurzgeschichte, die den Ton der Siegerbeiträge vorgab. Jetzt drängen immer auch ernstere und vor allem auswendig gelernte und darüber performativere Slam-Texte nach vorn. Trotzdem kann es natürlich passieren, dass eine mit den richtigen Reizwörtern bespickte Pillepalle-Aneinanderreihung von zusammengeklauten Kalauern von einem sympathisch
erscheinenden Vortragenden alle Beiträge hinter sich lässt. Oder aber eine halbgare Betroffenheitskiste auf Geschenktext-Niveau das Publikum auf der nahe liegendsten Befindlichkeitsebene abholt. Das passiert vor allem dort, wo es ein sehr junges Publikum gibt, das gerade erst seine Begeisterung für den Poetry Slam entdeckt hat. Über die zunehmende Erfahrung mit Slams wächst aber auch ein Bewusstsein, solche Blendtexte zu erkennen. Und für die Autoren selbst ist es irgendwann auch witzlos, ohne größere Anerkennung in der Szene und mit dem einzigen Motiv, Slams zu gewinnen, seine Texte zu verfassen. 
Man kommt auf Dauer nicht umhin, eine Linie zu definieren, die man mit seinem Schreiben verfolgen möchte - das kann dann auch den Abschied vom Slam bedeuten. Für mich steht der Slam-Wettbewerb an sich allerdings nicht, wie es viele Menschen aus dem Literaturbetrieb monieren, einem literarischen Anspruch entgegen. Keine Frage: Sprachintensivere Gedichte, die dem Anspruch genügen, in der verschriftlichten Form zusätzliche Deutungen und Formspielereien zu bieten, haben es schwer. Sie müssen die Flüchtigkeit des Vortrags und die begrenzte Aufnahmefähigkeit des Publikums im Auge haben. Das ist für mich aber die eigentliche Herausforderung: Das Publikum einige Zentimeter über den üblichen Standards bei der Stange zu halten, gleichsam zu füttern wie zu überraschen, es an die Hand zu nehmen und zu seltsamen Orten zu locken. Dabei versuche ich, äußerst genussreiche Sprache zu verwenden und diese in akrobatische Spielereien zu verwickeln, im besten Falle Sprachkunst erfahrbar zu machen. Das klappt mal, mal geht’s daneben, mal hat man einen schlechten Tag, mal scheint das Publikum zu doof. Aber oft ist da auch ein Optimierungsbedarf des Textes, dem ich in etlichen Versionen nachgehe - im eigentlichen Sinne die Popularisierung des Textes vorantreibe. Das betrachte ich allerdings auch als einen literarischen Gewinn. Die verquasten Texte, die uns der Literaturbetrieb als aktuelle und preiswürdige Gedichte unterjubeln möchte, sind zu weiten Teilen einfach Mist und altbacken. Was mich daran ärgert, ist, dass man es sich leistet, über seine Selbstbezüglichkeit alle Subversivität ruhen zu lassen. Bei aller berechtigten Kritik am Format Poetry Slam bleibt doch das Ergebnis: Die besseren zeitgenössischen Gedichte habe ich auf Slams gehört.
Jens Kobler: Poetry Slam ist schon durch die (in diesem Falle deutsche) Sprache sehr territorial organisiert. Gibt es auch internationale Wettbewerbe, in denen man sich in verschiedenen Sprachen misst oder für die man seine Texte übersetzt?
Frank Klötgen: Ja, die gibt es schon seit einigen Jahren: Weltmeisterschaften und in diesem Jahr erstmals Europa-Meisterschaften. Natürlich sind reisekostenbedingt nicht alle Länder, in denen Slams stattfinden, mit ihrem nationalen Gewinner dort vertreten, aber doch schon eine ganze Menge. Selbst Madagaskar hat in den letzten Jahren an den Weltmeisterschaften teilgenommen - wobei das vermutlich mit der Kolonialvergangenheit und dem Austragungsland der letzten WMs, Frankreich, zusammenhängt. Manche Slammer schrieben hierfür englischsprachige Texte oder machen Übersetzungen - grundsätzlich werden aber die Übersetzungen der Texte während des Vortrags eingeblendet.
Jens Kobler: Die Zuhörer küren im Regelfall die Sieger. Ist das beim Finale dann ausschließlich das Publikum im Saal oder habt Ihr eine Hotline eingerichtet?
Frank Klötgen: Es wird auch bei den deutschsprachigen Wettkämpfen nicht darauf verzichtet, das Publikum entscheiden zu lassen. Allerdings wird auf die Bewertung einer zuvor zufällig im Publikum zusammengestellten Jury zurückgegriffen, da die Applauslautstärke in so großen Räumen ein recht schwammiger Wert ist. Die Jury bewertet jeden Beitrag mit Punktetafeln und bestimmt in der Summe den Sieger. Und wer mit dem Ergebnis der Jury nicht zufrieden war, kann anschließend noch auf www.arte.tv/slam über die Finalbeiträge neu abstimmen. So sehr sich der Gewinner über seinen Sieg freuen wird und Ausgeschiedene Frust schieben - der Slam2010 ist für die Szene vor allem ein großes Familienfest, auf das man sich ein Jahr lang freut. Muss man miterlebt haben - ob bei den offiziellen Wettbewerben, den Aftershow Slams am Mittwoch und Donnerstag im Bochumer Freibeuter, den Open Mic-Aktionen in Bus und Bahn(höfen) am Donnerstag, das Slam-Fußballturnier am Freitag oder den Rapper gegen Slammer-Showdown am Donnerstag.
Jens Kobler: Allerdings! Vielen Dank für das Gespräch!
http://www.slam-2010.de
Großes Foto: Hendrik Schneller
Profilfoto: Tim Jockel
Fotos von der Auslosung: Carsten Wohlfeld
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Interessanter Beitrag mal
Interessanter Beitrag mal wieder.
Dem ist wenig hinzuzufügen.
Ich möchte diesen Beitrag mal nutzen, um ein Lob im Allgemeinen ans LAB rauszuschicken:
In der 2. Hälfte des Jahres habt Ihr Euch zu einem interessanten Medium mit oft guten Texten und überraschenden Inhalten entwickelt, welches mittlerweile zur Startseite taugt.
Im Speziellen möchte ich mal hier die Texte von Herrn Kobler und Herrn Mayer herausstellen.
Auch die Videoauftragsarbeiten sind eines WEB.TVs würdig.
Das hat mittlerweile ein Niveau, das zu Beginn des Jahres noch utopisch war und wird irgendwann auch an so per se kritischen Geistern wie den Kollegen Ruhrbaronen nicht mehr vorbeigehen.
Weitermachen!