
Sitzen auf heißen Kohlen: Kunst-Initiative Freiraum2010 im Interview (Teil 2)
- Serie: Kreativ.Quartier.Ruhr
Bis Mitte März hat die Künstlergruppe Freiraum2010 in der entweihten Essener Lukaskirche einen Ort zum Arbeiten, Ausleben und Ausstellen mietfrei zur Verfügung gestellt bekommen. 15-20 Personen betätigen sich derzeit ohne Heizung aber voller Tatendrang an der Umgestaltung der Innenräume.
Doch wie geht es weiter, wenn der private Eigentümer das Haus im Frühjahr wieder für seine eigenen Zwecke beansprucht? Im zweiten Teil des Interviews mit dem Freiraum-Plenum erörtert die Initiative ihre grundsätzlichen Bedürfnisse und appelliert an Behörden, Politik, Verbände und sonstige Vertreter des Kulturbetriebs, sich endlich für sie einzusetzen.
Was ist euer grundsätzlicher Anspruch an geeignete Räumlichkeiten?
Anna: "Neben Proberäumen suchen wir in erster Linie Arbeitsräume. Derzeit hat jeder beteiligte Künstler einen, aber für mehr ist kein Platz mehr."
Joscha: "Die Situation könnte natürlich noch weitaus idealer sein, als dass man mit 20 Leuten in einem Raum malt. Das ist zwar nett, sozial und wunderbar Community-mäßig, aber für z.B. Theaterproben bräuchte man einen größeren Raum. Wenngleich der Raum, den wir jetzt haben, schon Spaß macht, auch wenn es kalt ist."
Wer sind konkret mögliche Ansprechpartner für die Suche nach neuen Räumen?
Joscha: "Alle, die dafür eine politische Verantwortung haben oder andererseits vielleicht das nötige Geld. Wir richten uns da eigentlich an alle."
Bastian: "Man hat gesehen, dass die städtischen, öffentlichen Kulturinstitutionen bisher nicht so viel getan haben und stattdessen eine private Vermietergesellschaft auf uns zugekommen ist. Wenn jemand das Gefühl hat, er könnte da etwas tun, ist das schön und wir sind auch für alles offen. Ich finde es bezeichnend, dass eine uns unbekannte private Gesellschaft mit dieser Kirche auf uns zugekommen ist. Es wäre geradezu utopisch und wunderbar, wenn das nochmal passiert, wenn wir hier raus sind."
Joscha: "Wir werden weiter den Weg des Papiers, den wir im letzten Jahr erfolgreich aufgegeben hatten, weiter verfolgen. Ich werde auch weiterhin Anträge für den Mülleimer schreiben. Das mache ich ohne Probleme. Es kommt auf den Willen sowohl der Entscheidungsträger in der Politik, in der Wirtschaft, in der Förderung, als auch privater Leute an, dass so etwas hier überhaupt erwünscht ist. Natürlich sitzen wir auf heißen Kohlen.
Wir werden versuchen, zumindest etwas zu finden, wo wir die Kunst, die hier ist, unterbringen zu können. Aber ob wir einen Raum finden, in dem so eine Arbeit wie jetzt hier möglich sein wird, ist fraglich. Die Erfahrungen sprechen dagegen, sonst hätten wir letztes Jahr das DGB-Haus nicht besetzt. Das ist die ganze Zeit die Paradoxie. Wir besetzen ein Haus, um zu zeigen, dass das nicht geht.
Unbefriedigende Situation
Man muss sich in dieser Stadt fragen, ob man unserer Generation an Kunstschaffenden einen Ort zur Verfügung stellen will. Der Essener Kulturdezernent hat während des Besetzungsprozess gesagt, dass das nicht geht und Dieter Gorny hat gesagt, dass er es gut finde, aber nicht mehr tun könne, als ein bisschen zu telefonieren. Das ist eine sehr ehrenwerte Sache, aber das ist doch nicht das Ende der Entscheidungsträger. Hier könnte sich auch die DGB-Führung, das für Kultur zuständige Landesministerium oder der Regionalverband Ruhr ein Statement abgeben, dass das keine befriedigende Situation sein kann.
Wenn wir eine Pressekonferenz haben und dort Dieter Gorny sitzt und mit uns diskutiert, ist das eine andere Situation, als wenn wir wie die Randständigen, die Weggetriebenen behandelt werden. Sollen Herr Pleitgen und Herr Scheytt herkommen und sagen: „Wir finden das top!“ Es gibt Leute, die sind nicht Mitte, Ende zwanzig und wohnen in dieser Stadt seit 30 oder 50 Jahren, die kennen auch andere Leute als wir sie kennen. Es geht eh immer nur um Vertrauen. Man muss es schaffen, dass sich Leute, die gesellschaftliches Vertrauen besitzen, sich für uns einsetzen."
Anna: "Es geht darum, Verständnis für uns zu entwickeln. Ich höre oft Fragen wie: „Seid ihr denn jetzt eine Künstlergruppe? Nehmt ihr alle auf?“ Diese Fragen sind zwar berechtigt, aber auch langweilig. Solange das Bewusstsein für Räume, für Diskussionen über Kunst nicht da ist, ist mir das Gerede darüber zu langweilig. Eine Situation, wie wir sie hier haben, ist komplex.
Falsche Fragen - Keine Antworten
Du kannst hier über jeden einzelnen Künstler debattieren. Über Ursprünge, Techniken und Inhalte. Stattdessen kommen Fragen wie: „Wollt ihr Geld verdienen. Seid ihr Kunststudenten? Arbeitet ihr viel? Wie ernst ist euch diese Sache?“ – Das sind die falschen Fragen und die falschen Vorstellungen!"
Maria: Letztendlich ist es eine neue Situation, die es so noch nicht gegeben hat, dass wir hier diesen großen Raum haben, in dem viele Leute arbeiten können. So war das im DGB-Haus nicht, weil wir da nur einen Tag waren und dann nach Hause geschickt wurden. Deswegen sind es Situationen, von denen wir alle gerade lernen, wo wir alle auch Fehler machen und gute Sachen erleben. Darüber können wir uns in drei Monaten nochmal unterhalten, wie es denn letztendlich gelaufen ist.
Wenn dieser Prozess nicht zugelassen wird – alle großen Bewegungen sind in solch einem Prozess entstanden – was soll dann überhaupt entstehen können? Wo sollen sich Leute, die quer denken, denn überhaupt noch treffen? Dann sitzen alle zuhause rum, haben ihre drei Freunde, die auch so denken und dann ist es vorbei. Es müssen Prozesse zugelassen werden, wenn man eine Entwicklung haben will."
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Sie müssen keine neuen
Sie müssen keine neuen Kunsthäuser bauen, Herr Bomheuer, Sie müssen sie nur aufschließen.
Jede neue Generation braucht ihren Freiraum. Die davor haben ihn entweder gefunden oder aufgehört zu suchen. Bedenklich, dass das in und nach 2010 keinen interessiert.
Lobet den Herrn
Alles gute kommt wie immer von oben ,
so lasset uns den Herrn hier loben,
endlich mal ein schönes Raumschiff,
das man Künstlerisch hier antrifft.
der beKloPte:-)