Sechs pro Jahr

Von Franziska Schuster. Vor dem Hintergrund der Beitrittsverhandlungen mit der EU beschloss das kroatische Kulturministerium 2006, sich der europäischen Filmpolitik anzugleichen und ein neues Gesetz für »audiovisuelle Aktivitäten« zu verabschieden, das die Gründung des kroatischen audiovisuellen Zentrums (Hrvatski audiovizualni centar) beinhaltete. 2008 nahm das Zentrum die Arbeit als nationales Filminstitut und Filmförderungseinrichtung auf und löste das bis dahin zuständige Kulturministerium ab. Gleichzeitig trat Kroatien dem MEDIA 2007-Programm bei. Aufgabe des Zentrums, das über ein jährliches Budget in der Größenordnung von fünf Mio. Euro verfügt, ist neben der Filmförderung die Unterstützung von nationalen Filmfestivals sowie die Repräsentation kroatischer Filme im Ausland. Die wichtigsten Festivals im Land sind das traditionsreiche Pula Film Festival, auf dem neben einem internationalen Programm schwerpunktmäßig kroatische Produktionen gezeigt werden, das Motovun Film Festival für unabhängige Produktionen, das Zagreb Film Festival mit besonderem Fokus auf Debütfilme, Zagrebdox und das Animafest – World Festival of Animation.

Dem Animationsfilm kommt in Kroatien besondere Bedeutung zu, seit der Filmkritiker Georges Sadoul 1959 den Begriff »Zagreb School of Animation« prägte. Damit waren hauptsächlich Filme des Studios »Zagreb Film« gemeint, das mit Werken wie dem ersten nicht-amerikanischen Oscargewinner, SUROGAT (1962) von Dušan Vukotić, oder der Zeichentrickserie PROFESSOR BALTHAZAR (1967 bis 1977) großen Einfluss auf die Ästhetik des internationalen Animationsfilms hatte und 1972 das Animafest aus der Taufe hob.

Eine nationale Filmgeschichtsschreibung beginnt strenggenommen erst mit der Unabhängigkeit 1991, denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird das Filmschaffen der Region zunächst unter der Bezeichnung »jugoslawischer Film« subsumiert. Letzterer genoss, anders als in den übrigen sozialistischen Staaten, eine vergleichsweise große künstlerische Freiheit, die Präsident Titos legendärer Liebe zum Medium, der Blockfreiheit und der Konzentration auf das Fernsehen als Propagandamedium geschuldet war. Mehr als die beim Publikum beliebten Partisanenfilme zogen in den 60er und 70er Jahren vor allem die Werke der sogenannten »Schwarzen Welle« die Aufmerksamkeit internationaler Kritiker auf sich. Die Filme von Karpo Godina, Želimir Žilnik und anderen zeichnen sich neben ihrer sozialismuskritischen Haltung durch ihr avantgardistische Ästhetik aus.

Wachsende ethnische Spannungen nach dem Tod Titos im Jahr 1980 schlugen sich auch in den filmischen Ausdrucksformen nieder, man etablierte eine »Ästhetik des Chaos« als Reaktion auf den zunehmenden Verfall sozialer Strukturen im Vorfeld der Kriege. Zwar überdauerte die staatliche Filmförderung, die bereits vor dem Zerfall Jugoslawiens dezentral organisiert war, den Schritt in Unabhängigkeit und Kapitalismus, doch vor dem Hintergrund der Kampfhandlungen und der darauf folgenden Wirtschaftskrise waren die Rahmenbedingungen für die kroatische Filmproduktion in den 90er Jahren denkbar schlecht. Trotzdem entstanden pro Jahr etwa vier abendfüllende Spielfilme, die mitunter internationale Beachtung fanden. In den Jahren seit der Jahrtausendwende hat sich der Output mit durchschnittlich sechs Filmen pro Jahr nicht bemerkenswert erhöht. Zu den bekanntesten zeitgenössischen Regisseuren gehört Vinko Brešan, der mit Filmen wie HOW THE WAR STARTED ON MY ISLAND (1996), WITNESSES (2003) und WILL NOT STOP THERE (2008), ebenso wie Arsen Anton Ostojić mit A WONDERFUL NIGHT IN SPLIT (2004) und NO ONE'S SON (2008), die jüngste Geschichte des Landes filmisch aufarbeitet. Titel wie ARMIN (2007) von Ognjen Sviličić oder BUICK RIVIERA (2008) von Goran Rušinović spielen sich eher auf privater zwischenmenschlicher Ebene ab. 2009 wurden in Cannes zwei kroatische Produktionen gezeigt: die Kurzfilme CIAO MAMA von Goran Odvorčić (Wettbewerb) und TULUM (PARTY) von Dalibor Matanić (Semaine de la Critique).

Links

Di, 16.03.2010 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Ähnliche Beiträge

29.01.2010 - 12:10
19.02.2010 - 19:18
20.02.2010 - 22:39

Über den Autor

29.01.2010

Thema

Branche

Aktuelle Tweets

[STUDY] Deutsche daddeln krankhaft http://t.co/hGmfDOzS /RT @schwarzesgold
[RANT] Danke! RT @SIMPLIFYmatters: @LABKULTUR interessante Tweets & Anregungen rund um die #Kulturzeit Sendung, top! BG _cR
[JOB] New Job Circus: Impressionen von der KickOff Veranstaltung @CnBConvention http://t.co/hRs6inwh #njc12 /RT @schwarzesgold
[CULTURE] #Kulturinfarkt ITW Teil 4: Die Frage nach dem öffentlichen #Kulturauftrag. http://t.co/ECIDqTFA #LABKULTUR