Heiner Goebbels stellte die neue Saison der Ruhrtriennale vor, die man vom 17. August bis 30. September 2012 genießen darf. Mit sicherem Gespür und scheinbar mühelos versammelt Goebbels gleich in seinem ersten Jahr als Intendant die Crème de la Crème der darstellenden und musikalischen Künste. Dabei wird es an allen Spielorten nicht elitär, sondern sehr volksnah und menschlich zugehen. Ein ganz besonderer Schwerpunkt liegt in der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen als Künstler und Produzenten.
We don't need no education
Mag sein, dass da jemand viel und gerne Pink Floyd gehört hat. Das No Education Programm und The Children's Choice Award der Ruhrtriennale fordern zu einem anderen Umgang mit jungen Menschen, ihrer eigenen Kultur und der Hochkultur auf. Die Ruhrtriennale bietet keine theaterpädagogischen Programme an, um das Opernpublikum der Zukunft auszubilden. Die Kinderprojekte stehen 
When the mountain changed its clothing © Klaus Grünberg
gleichwertig mit allen anderen Veranstaltungen im Spielplan. Und die offizielle Festivaljury besteht aus 100 Kindern aus der Region Ruhr. In diesem Zusammenhang stellt Heiner Goebbels die entscheidende Frage: „Wie blicken Kinder auf die Dinge, für die wir [die Erwachsenen] keine Begriffe haben?“ In seinem Musiktheaterprojekt mit dem Vocal Theatre Carmina Slovenica When the mountain changed its clothing gibt Goebbels dem Ensemble der Mädchen in einem Alter von zehn bis zwanzig die Freiheit zu ihrem ganz eigenen ästhetischen Ausdruck zum Thema Abschied von der Kindheit.
Baggertanz und Espresso zur Belohnung
Den Schwerpunkt eines anderen Zugangs zu den Kindern und ihrer Welt, nämlich auf gleicher Augenhöhe mit ihnen zu sein und sie nicht nur Ernst zu nehmen, sondern sie auch zu respektieren, ihre Ideen und ihre Meinung künstlerisch umzusetzen, führt auch Enfant von Boris Charmatz vor. Maschinen, Tänzer, Kinder und Dudelsack widmen sich im Nachdenken über Bewegung dem Phänomen Kindheit.

Cesena © Michel Francois
Bei En Atendant in Verbund mit Cesena „können Sie etwas sehen, was Sie noch nie gesehen haben“, empfiehlt Geobbels. Anne Teresa De Keersmaekers ROSAS legt eine Klammer um die Nacht, um den Zuschauer in extreme Bewusstseinslagen zu bringen. Im schwindenden Licht zu Sonnenuntergang und dämmernden Licht zu Sonnenaufgang lassen die Künstler ihren Tanz und Gesang ineinander verschmelzen und hinterfragen subtil die gängigen strengen Orientierungen und Zuordnungen des Körpers mit der Stimme, der Bewegung, Mimik und Gestik mit dem Gesang. Nach dem Morgenstück, das um 5h beginnt, gibt es erst einmal Frühstück.
Der mahnende Spülidrache

Soapéra © Marc Coudrais
Vielleicht ist Mathilde Monniers Soapéra im Bühnenbild von Dominique Figarella das zur Zeit Beste, was der Tanz weltweit zu bieten hat. Es ist das modernste Stück dramatischer Kunst, weil es konsequent eine Bild- und Körpersprache vereint, die locker Motive aus der Archaik mit zeitgenössischer bildender Kunst verbindet und dabei meditativ auf die katastrophalen Folgen des Umgangs des Menschen mit der Erde hinweist. In seinem stummen Aufschrei nach dem menschlichen Verlust, dem selbstzerstörerischen Verlust seiner Natur, steckt aber auch eine brillant anzusehende, selbstkritische tanzwissenschaftliche Analyse von dem, was da noch überhaupt gehen kann im modernen Tanztheater. Dieses Stück, das während der Ruhrtriennale im Salzlager der Kokerei Zollverein läuft, ist ein Muss. Das sollte man unbedingt ansehen, wenn man kann.
Gemeinschaft, nicht Gesellschaft

Liste der Schauspiele der Ruhrtriennale © B. A. Knop
Liest man sich durch die Liste der exzellenten Theaterkünstler, die die Ruhrtriennale dieses Jahr zeigen wird, bekommt man endlich wieder Lust auf Theater. Lust auf das, was Theater nämlich im Eigentlichen ist: Gemeinschaft. Es ist eigentlich unfassbar, dass noch keiner dieser Künstler jemals bei der Ruhrtriennale aufgetreten ist. Das wurde höchste Zeit und wird nun nicht einfach so nachgeholt, sondern unter besonderer Einbeziehung von Künstlern und Publikum ins Kunstwerk gezeigt. Romeo Castelluccis allzeit bahnbrechende Socìetas Raffaelo Sanzio befragt mit FOLK die Rituale einer möglichen Gemeinschaft. Anhand dieser Frage nach den Bedingungen des menschlichen Zusammenseins werden die Grenzen zwischen dem Publikum, 100 Statisten aus der Region und den Künstlern aufgehoben sein. Es entsteht ein ganz neues freies Theaterformat.
Auf Gemeinschaft und die Frage „Was verbindet uns?“ setzt auch Jan Lauwers & Needcompany, die mit Marketplace 76 die Schicksale und Geschichten eines Dorfes herausfordern, indem sie die Jahrhunderthalle zu einem Dorfplatz machen, auf dem ein Boot vom Himmel fällt.
Pik As

Screenshot aus Präsentation SPADES © B. A. Knop
Nochmal: unfassbar: Robert Lepage und Ex Machina waren noch nie zu Gast bei der Ruhrtriennale! Das ändert endlich diese deutsche Erstaufführung. Eine 360°-Bühne im Salzlager bietet Robert Lepages erstem Teil des Kartenzyklus Playing Cards 1: SPADES Platz und Raum. Das Theaterstück ist von den Schauspielern selbst geschrieben. Es verbindet die Spielhölle Las Vegas mit der Kriegshölle Bagdad im Jahre 2003. Der Clash of Cultures erfährt hier einen ganz neuen künstlerischen Ausdruck. Die folgenden Teile werden diese Absicht im Lichte der Spielfarben des Quartetts vertiefen.
Klassik und audiovisueller Remix

Halde Haniel © Stadt Bottrop
Musik, Theater und Schaupiel sind der Halde Haniel in unmittelbarer Nähe Bottrops keine Unbekannten. Im Bergarenatheater hoch über dem Pott befragen die japanischen Performer der Boredoms die Verwandschaft ihrer Musik mit der nächtlichen Kraterlandschaft der Halde.
Die Bochumer Symphoniker spielen unter der Leitung von keinem geringeren als Kent Nagano Werke von Ligeti und Schostakowitsch. Nagano kümmert sich aber auch mit dem Mahler Chamber Orchestra ausführlich um Charles Ives in den beiden als Uraufführungen zu hörenden Bearbeitungen von Georg Friedrich Haas und Toshio Hosokawa.

Christian Marclay © Jana Chiellino, Provided by Faster Than Sound, Aldeburgh Music
Musikalische, akustische und visuelle Leckerbissen dürfte aber auch Christian Marclays Everyday in der Jahrhunderthalle erzeugen. Dabei fehlen neben dem Jazz Trio Beresford-Butcher-Sanders weder Videoskulpturen noch die Bläser der Bergkapelle Niederrhein und natürlich steht Marclay selbst am DJ-Deck.
Mit dem Ensemble Modern wagt sich Carsten Nicolai mit utp_ an ein visuelles Konzert. Er verbindet als alva noto seine Videoprojektionen mit Ryuichi Sakamotos Klavier und Elektronik.
Hier ist nur für eine Auswahl der 30 Produktionen – davon sind 20 Uraufführungen, Eigenproduktionen oder Deutschlandpremieren – Platz. Programmeinblicke in das Musiktheater, die bildenden Künste, sowie den spezifischen künstlerischen Fokus auf den urbanen Wandel, bietet an dieser Stelle der erste Teil dieses Berichts.
Übrigens verwies Heiner Goebbels schon Anfang März dieses Jahres in seiner Rede auf dem Forum d'Avignon Ruhr darauf, dass es jedem Bundesland gut zu Gesicht stünde, wenn es sich ein Festival wie die Ruhrtriennale leisten würde. Na denn mal los!