Bühnenbildmodell für Europeras 1&2 © Klaus Grünberg

Ruhrtriennale 2012: Vom Sprengen des institutionellen Rahmens (1)

Heiner Goebbels treibt mit dem neuen Programm der Ruhrtriennale die Neugierde und Partizipation aufs höchste Niveau

Heiner Goebbels stellte die neue Saison der Ruhrtriennale vor, die man vom 17. August bis 30. September 2012 genießen darf. Man mag das Glück kaum fassen, dass Kultusministerin Ute Schäfer und das Land NRW mit diesem neuen künstlerischen Leiter und aktuellen Preisträger des International Ibsen Award verbindet, denn es ist ein hochkarätiges Festivalprogramm, das auf der Welt seinesgleichen suchen dürfte. Mit sicherem Gespür und scheinbar mühelos versammelt Goebbels gleich in seinem ersten Jahr als Intendant die Créme de la Créme der darstellenden und musikalischen Künste. Dabei wird es an allen Spielorten nicht elitär sondern sehr volksnah und menschlich zugehen. Der eigene Anspruch ist kein geringerer als die Avantgarde für alle. 

 

Eigentlich wollte er in Ruhe komponieren und dann rief ihn Ute Schäfer an und er sagte spontan ja. Das klingt nach einem Märchen, aber in Wahrheit ist die Ruhrtriennale für Heiner Goebbels „das einzige Festival, für das sich die Absicht komponieren zu wollen, zu unterbrechen lohnt.“ Die Ruhrtriennale ist kein klassisches Repräsentationsfestival und anstatt Krawattenzwang steht der experimentelle und zeitgenössische Anspruch im Mittelpunkt. Da fühlt sich Heiner Goebbels sofort wie Zuhause.

 

Und das Beste an dem Programm ist, dass ein Drittel aus der Region Ruhr stammt. Künstler, Professionelle,  Leute, Amateure, Publikum, Laien und Anwohner werden in viele Projekte mit einbezogen, sind integraler Bestandteil. Goebbels Credo lautet: „Vor dem Neuen sind wir alle gleich!“

Auch die gewohnte Spartentrennung wird in den allermeisten Projekten aufgehoben und bildende Kunst mit darstellender Kunst und Musik in ein Kunstwerk gebracht. Das wird u.a.  mit einer neuen Kooperation mit dem Museum Folkwang Essen realisiert. Das Projekt 12 Rooms macht innerhalb des Festivals den Auftakt dafür. Und eine ganz neue Säule der Ruhrtriennale bringt Urbane Künste Ruhr mit seiner künstlerischen Leiterin Katja Aßmann. Als Highlight wird nach den Aufführungen in der Jahrhunderthalle Lozano-Hemmers Pulse Park auf dem Westparkgelände Bochum in ein pulsierendes Licht versetzen.

 

Europeras 1&2

Die kommenden Musiktheaterpremieren zeigen das, was die festen großen Häuser nicht machen wollen. Das sind großartige Opern von namhaften Komponisten, um die eigentlich kein Weg herum führt, aber die Behäbigkeit der Apparate hat ihnen längst den Stempel `unspielbar´ verpasst. Von so etwas lässt sich Heiner Goebbels nicht beeindrucken: „Wir haben hier die Möglichkeit Opern zu machen, die im Grunde im Repertoire wenige Chancen haben.“ Europeras 1&2 von John Cage in Regie von Heiner Goebbels verspricht ein ganz großer Wurf dieser Intendanz zu werden. Diese erste Arbeit Cages mit und an der Oper überhaupt trifft in Bochum auf die Jahrhunderthalle. Sämtliche Gewerke und Künstler werden sich hier ganz neu erfinden müssen und man darf zurecht sehr gespannt sein, wie 128 Opern in 32 Bildern an einem Abend die Bandbreite des gesamten Opernfundus der vergangenen letzten Jahrhunderte in ein Stück bringen werden. Der Mut und der Willen zu diesem riesigen Experiment auf höchstem künstlerischen Niveau zollt schon im Vorfeld größten Respekt. Auch hier sind – wie selbstverständlich - zweierlei Dinge vorrangig: Der lokale Bezug zur Bevölkerung und den Zuschauern und dem Raum und seiner Geschichte, der Umnutzung der Industriearchitektur.

 

Prometheus

Der gute alte Prometheus ist nicht erst seit Heiner Müllers bekanntem Text Die Befreiung des Prometheus ein Dauerthema auf dem Theater. Aber Carl Orffs Oper Prometheus kennen nur wenige. Das wird die diesjährige Ruhrtriennale ändern. Über die gesamte Länge der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord wird Carl Orffs Prometheus in der Einrichtung und Regie Lemi Ponifasios gezeigt. Mit dabei sind 20 Schlagzeuger im Orchester und das Chorwerk Ruhr wird viel Wert auf das gesprochene Wort in dieser Oper legen. Und natürlich fehlt hier Tanz als Element auch nicht, denn Ponifasio bringt die Tänzer der samoanischen MAU Company mit an die Ruhr.

 

Sonntag 12h

Ganz neue Vermittlungsformate stellen die sonntäglichen Tumble Talks dar. In den Gesprächen kann jeder fragen und den beteiligten Künstlern näher kommen. Daneben gibt es die altbewährte Bandbreite an Lern-, Info-, und Austauschformaten, wie der Festivalcampus, das ZEIT Forum Politik, das KWI Symposium und das Symposium Urbane Künste Ruhr.

 

Schon jetzt kann man sich auf der hervorragend multimedialen Webseite der Ruhrtriennale viele Videointerviews und Statements von Künstlern ansehen, die in die Gewerke, Künstler und Inhalte der meisten Veranstaltungen einführen.

 

Spielzeitmotto war Gestern

Vom plumpen Nachfragen nach einem gemeinsamen Thema und rote Fäden ziehen, zeigte sich Heiner Goebbels zurecht unbeeindruckt.

Es ist Prinzip der neuen Intendanz, dass es kein Spielzeitthema gibt und geben wird. Goebbels findet es bei weitem viel spannender „dass sich Themenblöcke bilden, die so gar nicht beabsichtigt waren.“ So gesehen, steht für ihn die Frage nach dem Kollektiv im Mittelpunkt. So wie ein gutes Kunstwerk nicht nur einem einzigen und alleinigen Thema folgt, lässt sich  auch die neue Ruhrtriennale nicht in einem aufgepropften Slogan zusammen fassen. Goebbels  appelliert an eine neue Intermedialität, die dem Individuum die Freiheit gestattet, selber Themenblöcke auszuwählen, denn „es gibt nicht einen roten Faden. Das wäre mir zu langweilig.“

 

Damit bei über 30 Produktionen – davon sind 20 Uraufführungen, Eigenproduktionen oder Deutschlandpremieren – auch noch Platz für Programmeinblicke in die Musik, den Tanz, das Theater und den spezifischen pädagogischen Aspekt der diesjährigen Ruhrtriennale bleibt, berichtet an dieser Stelle ein zweiter Teil davon.

 

Di, 14.08.2012 0

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08.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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