
Stimmenwechsel - Der 4. Band der Reihe Ruhrgebietspoesie ist eine echte Lyrik-Anthologie
Endlich geht es in der Reihe „Ruhrgebietspoesie“ auch einmal wirklich um Lyrik! „Poesie längs der Ruhr“, so der Untertitel dieses Sammelbandes mit Autoren aus dem Ruhrgebiet, die über das Ruhrgebiet schreiben, und welchen, die über die Autoren, die über das Ruhrgebiet schreiben, schreiben...
Lyrik ist tot. Zumindest was ihre gesellschaftliche und kommerzielle Relevanz angeht. Wer kann schon als Lyriker (über)leben? Wer liest denn außerhalb von Schule und Universität noch Gedichte? Um es noch etwas schwieriger zu machen: Solche, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind? Die Zahl ist verhältnismäßig überschaubar, dafür braucht man keine Hochrechnung, da kann man die „Slam-Poeten“ gerne dazu zählen.
Das Schöne an Lyrik ist dabei eben auch, dass sie trotz dieser Umstände immer entstanden ist, und immer noch entsteht. Wer Lyrik schreibt, setzt sich mit sich selbst, mit „dem“ oder „den“ Anderen, mit seiner Umwelt auseinander.
Wer Lyrik schreibt, macht das aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus, ist damit nicht auf der Suche nach „einem Job“, will nicht „verkaufen“, sucht kein „Marktsegment“.
Vielleicht ist Lyrik also die purste und glaubwürdigste Kunstform, die existiert. Was nicht bedeutet, dass sie immer gut sein muss.
Bewusstseinsströme, Schreibweisen, Traditionen und Perspektiven
Lyrik und Ruhrgebiet, das ist ein echtes Spezialgebiet: Günter Westerhoff, Liselotte Rauner, Hugo Ernst Käufer, Hannelies Taschau, Nicolas Born, Ralph Thenior, Ralph Rothmann - nie gehört? Und die gehören immerhin zur Speerspitze der „Ruhrgebietspoesie“.
In der Sammlung Stimmenwechsel sind sie - vielmehr ihre Texte - präsent und dabei so bunt und vielfältig wie der Oberbegriff, unter dem sie Gerd Herholz für das Literarturbüro Ruhr in Zusammenarbeit mit der WAZ zusammengestellt hat.
„...die Anthologie vermittelt einen Einblick in die unterschiedlichen Bewusstseinsströme, Schreibweisen, Traditionen und Perspektiven einiger Bewohner dieses Landstrichs“, schreibt er zum Ergebnis.
„Traurige Hurras und freche Verse“ nannte man den Gedichtwettbewerb, der vom Literaturbüro Ruhr gemeinsam mit der WAZ ausgerufen wurde und aus dessen Einsendungen sich die Texte der Sammlung ebenso speisen wie aus Gedichtbänden der letzten 50 Jahre und Zusendungen von Lyrikerinnen und Lyrikern, die zuvor kontaktiert worden waren.
So stehen Texte, wie der der 18-jährigen Anna Linke etwa neben dem des 1930 geborenen Komponisten, Malers und Professor der Folkwang-Universität Essen, Heinz Albert Heindrichs, und genau dieses „Treffen der Generationen“ ist es, das Stimmenwechsel ausmacht und zum lebendigen Austausch zwischen Gestern und Heute beiträgt. Lustiges, Trauriges, Banales, Wichtiges, Alltägliches und Außergewöhnliches, alles hat seinen Platz, alles hat seine Stimme.
Die Stimmen sind vielfältig und abwechslungsreich
In der zweiten Hälfte schreiben eingeladene Autoren, Journalisten und Literaturwissenschaftler über ein Gedicht ihrer Wahl. Einzige Vorraussetzung: Der Urheber muss aus dem Ruhrgebiet stammen. Ralf Thenior nähert sich hier beispielsweise in einer sehr klassischen Gedichtanalyse Ralf Rothmanns Regen. Während sich Roger Willemsen Thomas Gsellas (ehemaliger Titantic-Redakteur bzw. Chefredakteur) Tragödie und Chor widmet.
Auch für diesen Teil gilt: Die Stimmen sind vielfältig und abwechslungsreich, mal formal, mal frei oder in Interviewform. Erfahren tut man immer etwas: Sei es über die Region, den Lyriker oder den, der die Lyrik interpretiert.
Sicher, Stimmenwechsel ist so ein Projekt, das nur durch Förderung (in diesem Fall die Kunststiftung NRW) realisiert werden kann, und das nur im Kulturhauptstadtjahr überhaupt ein wenig Aufmerksamkeit bekommen wird. Verkaufsrekorde oder Gewinne erhofft sich wohl keiner der Beteiligten.
Somit trägt jeder einzelne Leser - und man muss sich keine Illusionen machen, das werden auch im Kulturhauptstadtjahr viel zu wenige sein - dazu bei, dass das Interesse an Poesie im Ruhrgebiet verhältnismäßig zunimmt, sie zumindest für einen Augenblick in den Fokus rückt. Und das zeigt schon: Es lohnt sich in jedem Fall!
Die Lyrik-Anthologie Stimmenwechsel ist im Klartext-Verlag, Essen erschienen und kostet 14,95 Euro.
Zur Homepage von Stimmenwechsel.
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Und es geht doch!
Lieber Jens Mayer,
unbekannterweise einen Gruß & Dank für die freundliche Besprechung von "Stimmenwechsel - Poesie längs der Ruhr". Was den Klartext Verlag und mich verblüffte: Im Februar waren die ersten 1.000 Exemplare raus und die Anthologie ging in die zweite überarbeitete (vollkommen unsubventionierte) Auflage. Und auch davon ist schon wieder ein Teil verkauft.
Die Gründe, realistisch:
- viele Beiträger des Bandes verschenken das Buch weiter;
- Gedichte & Interpretationen ausgewiesener Lyriker (Thenior, Rothmann, Poschmann), begabter Newcomer und renommierter Interpreten Prof. Kaiser, Willemsen...) machen neugierig;
- die WAZ(-Gruppe) druckt jede Woche ein Gedicht aus dem Band auf der regionalen Kulturseite; mit Quellenangabe;
- viele Leser meinten, dass sie schon lange nach einer schön gemachten Anthologie auch mit Gegenwartslyrik längs der Ruhr gesucht haben;
- einige Menschen mögen die Interpretationen; auch viele Lehrer sind scharf drauf;
- last, but not least: Die Qualität des Bandes hat sich rumgesprochen; da ist richtig intensiv ausgewählt, korrigiert und lektoriert worden, das hat nicht geschadet.