
Ruhrgebiet ist Nummer 3 der deutschen Gourmet-Hochburgen
- Serie: Ökonomie
Soeben ist die erste Ausgabe der Fachzeitschrift Gastrotel im Jahr 2010 erschienen. Mit über 100.000 Exemplaren ist das 6x jährlich erscheinende Blatt aus dem GW-Verlag in Essen die auflagenstärkste Fachzeitschrift für Gastronomie und Hotellerie in Deutschland. Wie in jeder Nummer 1 eines Jahres steht auch dieses Mal wieder die „Bestenliste der 1.000 besten deutschen Restaurants“ im Mittelpunkt der Ausgabe.
Seit fünf Jahren kommentiert der Autor dieses Blogs, nebenberuflich auch Redakteur bei Gastrotel, nun schon die gastronomische Entwicklung in Deutschland anhand dieser Bestenliste und stützt sich dabei auf die Auswertung der fünf führenden bundesweit erscheinenden Restaurantguides: Michelin, Gault Millau, Feinschmecker, Aral Schlemmeratlas, Varta-Führer. Die großen Trends der vergangenen Jahre haben sich danach auch in der Ruhrgebietsgastronomie niedergeschlagen; so ist im Großraum der Kulturhauptstadt ein Wiedererstarken gutbürgerlicher Traditionen unter zeitgemäßen Vorzeichen zu beobachten.
Die Renaissance der deutschen Regionalküche und das Wiederentdecken saisonaler und regionaler Produkte und Rezepte gelten als geeignetes Mittel, das manchmal etwas verschüttete Vertrauen der Kundschaft wiederherzustellen und die Gäste durch ein gelebtes kulinarisches Heimatgefühl wieder stärker an die heimischen Lokale zu binden. Tütensuppen und TK-Kost sind (obwohl man beim TV-Kollegen Rach immer wieder schlimme Gegenbeispiele erlebt) beim aufgeklärten Publikum dermaßen unten durch, dass dieses Kapitel hoffentlich bald endgültig beerdigt sein wird. Eine engagierte regionale Frischeküche dagegen ist beileibe nicht „nur“ grundbürgerlichen Häusern wie etwa Overkamp in Dortmund vorbehalten. Auch Küchenchefs mit Stern-Erfahrung wie Stefan Manier in seinem Gasthaus Stromberg in Waltrop oder Mario Kalweit im La Cuisine in der Dortmunder Gartenstadt bieten erstklassige Gerichte mit Heimatbezug, und selbst im Zweisternerestaurant Résidence in Kettwig setzt das Duo Berthold Bühler und Henri Bach längst auf den gezielten Einbau regionaler Akzente – und diese beiden sind nun wahrlich ewige Sucher und Pioniere auf ihrem Gebiet.
Andere Strömungen und Küchentrends haben sich im eher bodenständigen Ruhrgebiet wenig durchsetzen können. Obwohl Molekularpapst Heiko Antoniewicz aus Werne viel beachtete und oft ausgezeichnete Fach- und Kochbücher zum Thema veröffentlichte, ist doch die Avantgardeküche hier nicht allzu verbreitet. Neben Sascha Heitfeld im Gourmetrestaurant George im Pullman Hotel Dortmund, der momentan wahrscheinlich am exotischsten kocht, gibt es dennoch einige Namen, die internationale Produkte und Techniken auf höchstem Niveau ins Ruhrgebiet bringen – die Dorstener Sterneköche Björn Freitag und Frank Rosin, Erika Bergheim im Nero auf Schloss Hugenpoet, Dennis Rother im Dortmunder Turmrestaurant Florians, sicher auch Sascha Stemberg in Velbert, Jörg Hackbarth in Oberhausen und Dirk Brendel in Duisburg kombinieren internationale Kochkunst mit heimatlichem Input. Der allgemeine Trend zum Premium Beef hingegen hat die Kulturhauptstadt durchaus erreicht, siehe Bistecca in Essen.
Doch wie steht das Ruhrgebiet im bundesweiten Vergleich da? Wirklich gar nicht übel! Im Gegensatz zu den Vorjahren, als ich unsere Ruhrgebiets-Großstädte isoliert betrachtete und deren verhältnismäßig dürftiges Abschneiden beklagte – von Essen einmal abgesehen – habe ich dieses Mal die Idee einer gemeinsamen Kulturhauptstadt wörtlich genommen und alle Restaurants der 53 2010-Städte zusammengezählt, die in der Bestenliste aufgeführt sind. Und siehe da: Nach Berlin mit insgesamt 39 Nennungen und Hamburg mit 35 gewerteten Restaurants schiebt sich da das Ruhrgebiet mit 31 Top-Lokalen auf den dritten Platz in Deutschland, noch vor München mit 29 Häusern. Köln, Frankfurt, Stuttgart und das stärker werdende Düsseldorf folgen auf den Plätzen mit 19 bis 14 Nennungen, Sylter Häuser sind 12 Mal vertreten. 7 bis 9 Mal wurden Hannover und Nürnberg, Dresden und Leipzig, die starken Kleinen Mainz und Münster sowie die Sterneoasen Bergisch Gladbach und Baiersbronn genannt. Damit nicht genug: Das „Restaurant des Jahres“ im Feinschmecker heißt Rosin und steht in Dorsten.
Küchenchef Frank Rosin erfuhr eine Aufwertung im Gault Millau und hat nun 18 Punkte auf dem Konto – schon Rang 14 in der Bestenliste. Und am Südrand des Ruhrgebiets, in Essen-Kettwig, hat sich Erika Bergheim auf Schloss Hugenpoet ihren ersten Michelinstern erkocht. Sie machte einen Riesensatz von 21 Plätzen im Ranking und steht aktuell auf Rang 29.
Die vollständige Bestenliste mit über 1.000 Restaurantnamen, mein ausführlicher Kommentar dazu sowie 20 Porträts aktuell spannender und interessanter Küchenchefs aus ganz Deutschland sind hier anzusehen:
Foto: kinpsermann (Lizenz "Some rights reserved")
Weitere Links:
- Ruhrgebiet ist Nummer Drei der deutschen Gourmet-Hochburgen
- BULLSHIT BINGO! Kantinenrestaurant
- JA zum Fleisch: Premium-Beef
- La Bufala - Little little Italy
- Neulich im Mezopotamiengrill - Bilder von Gine Selle
- Literaturtheater: Nicht immer Zirkus mit dem Essen
- Madame Chocolat - Kalkulierte Stilbrüche
- Rohrmeisterei Schwerte - Ein Paradebeispiel für Nutzung alter Industriegebäude
- Out - (Fast) geheime Ausgehtipps in Dortmund
- Kulinatische Blogs im Ruhrgebiet (1): Der Kompottsurfer
- Drama um die berühmteste Currywurstbude des Ruhrgebiets
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Ansichtssache
Wie die Metropole Ruhr gesehen wird und sich selber sieht, ist doch vor allem eine politische Frage.
Wäre bei der letzten Gemeindegebietsreform aus den viiiiielen Kommunen eine einzige entstanden, würde das Ruhrgebiet inzwischen sicher mit den Weltstädten Paris und London auf Augenhöhe spielen. So aber, weil 53 Häuptlinge, 53 Kämmerer, 53 Verwaltungschefs alle auf ihrem Machtpöstchen sitzen, ist es weder im Inneren, noch in der Ansicht von außen so, dass die Metropole Ruhr als Einheit gesehen wird. Mithin ist es auch nur logisch, dass z.B. ein Münchener von oben herab auf uns Ruhris guckt, weil München im Vergleich zu jeder einzelnen Stadt an der Ruhr größer ist und mehr zu bieten hat.
Im Vergleich zur Metropole Ruhr aber, sieht das doch alles ganz anders aus.
Also: Wir sollten immer ganz selbstbewusst kommunizieren, dass die Metropole von allem viel mehr hat!
@Jörg
Ich bin Dortmunder, ein KNEIPENsterben kann ich SO nicht wirklich beobachten, das DISCOsterben war und ist hingegen schon mehrfach Thema in Lokalpresse und diversen Blogs gewesen. Ich stimme Dir dennoch zu: Auch neue Kneipenkonzepte wie Herberts haben Schwierigkeiten – offenbar aber nicht in deren Konzept begründet, sondern in "anderen" Misslichkeiten wie Anwohnern, Vermietern etc, Leider gilt auch hier (oder hier besonders), dass die Leute angesichts der gefühlten Krise eher am Ausgehen sparen als an anderen meines Erachtens weniger lebenswichtigen Dingen wie Autofelgen oder Flachbildschirmen. Was sollen wir tun? Die Kneipe ist essentiell fürs Ruhrgebietsgefühl. Wir müssen da dreimal wöchentlich hin!
haute cuisine vs. kneipe
... und in dortmund machen die kneipen zu!!!
ist das der strukturwandel wie wir ihn wollten?
ziel schon erreicht??
leute, neben den jakobsmuscheln das bierchen nicht vergessen!!!
weitermachen!!!
Haben wir es nicht immer gewußt?
War einfach nur eine Frage der Zeit, bis sich so ein dicht besiedelte Region bis an die Spitze vorkämpft.