Rückschau 2011: Kreative Köpfe im Ruhrgebiet (c) Peter Hesse

Rückschau 2011: Kreative Köpfe im Ruhrgebiet

Vieles ist erlernbar - eine gewisse Begabung wird vorausgesetzt, aber Fleiß gehört unbedingt dazu

Kunst soll eine Gesellschaft prägen, ihr Wege aufzeigen, wo die Reise hingehen soll. Denn sie verkörpert Werte wie Respekt, Persönlichkeit, Kreativität und Leidenschaft. Das gilt natürlich überall auf der Welt, aber im Besonderen auch für die Macher, die das Ruhrgebiet täglich ein Stückchen lebenswerter machen.

 

We Will Rock You
Das Gegenteil von ’lebenswert’ geht so: Eine Qualitätszeitung widmete vor ein paar Wochen einem narzisstischen Politiker (Freiherr zu Guttenberg) eine große Titelstory. Herausgekommen ist dabei ein mehr als fragwürdiges Gespräch, welches ein paar Allgemeinplätze striff, sowie diverse Eitel- und

Lächerlichkeiten auswalzte. Aber es konnte nichts anbieten, an dem die Bürger sich ideell festhalten könnten. Dabei gibt es brennende Fragen, die die bundesdeutsche (somit auch die des Ruhrgebietes) Wirklichkeit in der Zukunft betreffen: wie bekommen wir die Finanzkrise, die Erderwärmung und die Überalterung in Griff, welche Rolle wird Europa in einer globalisierten Welt spielen, wie verfahren wir mit dem Thema Migration, welche Industriezweige haben Zukunft, wie sehen die Energiequellen im Jahr 2020 aus, warum kann man noch immer nicht das Meerwasser des Atlantik oder des indischen Ozeans in Trinkwasser (einem Gut, das immer knapper wird) verwandeln? Gibt die Politik keine Antworten, müssen wir uns auf die Kunst verlassen.

 

It’s A Hard Life
Eine Antwort lautet: „Es ist hier im Ruhrgebiet ein bisschen so, wie 'Phoenix aus der Asche', die Leute boxen sich selber durch und kämpfen. Man kann da selber nur seinen Beitrag leisten, indem man zum Beispiel Aktionen macht, wie zum Beispiel eine Ausstellung“, sagt die Grafikerin und Illustratorin Stefanie Levers. Sie lebt in Bochum und arbeitet in Dortmund, ihre Grafiken zieren Projekte wie Streetwear Today, die Luups-Gutscheinbücher oder das Online-Musikmagazin Getaddicted.org. Die von Ihr skizzierte „Do-It-Yourself“-Mentalität steht für viele Menschen, die im Kulturbereich in Essen, Bottrop, Schwerte, Hattingen, Duisburg, Recklinghausen oder Lünen tätig sind. Denn der Mainstream gibt einem leider keine Ideal-Vorstellungen oder Blaupausen zur Hand, im Gegenteil. Das was Guttenberg, Christian Wulff, Silvana Koch-Mehrin, Claudia Roth, Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine vorleben, stößt zu oft übel auf.

 

Friends Will Be Friends

Der in Kiel lebende Autor und Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat einen besonderen Blick für die Menschen, die in dieser Emscher-Region wohnen, deren Städte von der A40 fast wie von einem unsichtbaren Band verbunden werden: „Die Leute sind nicht herzensgut, aber viele legen Wert auf gutes Benehmen, auf die Wahrung gewisser Formen. Und es gibt die Kultur der Schmähung, die ich sehr mag. Und eine Abneigung gegen Angeberei. Darüber hinaus sind Frauen hier echte Frauen, und keine Mädchen. Festgestellt habe ich auch einen gewissen Stolz, eine Würde der gewesenen Arbeiter.“ In diesem Jahr veröffentlichte Zaimoglu den Roman „Ruß“, der in Duisburg-Ruhrort spielt.

 

Bohemian Rhapsody
Paul Wallfisch, der musikalische Direktor des Schauspielhaus Dortmund, postuliert einen kultur-imperialistischen Allgemeinplatz: „Zur Zeit der Weimarer Republik beherrschte die deutsche Kultur die Welt, ein wenig so wie die amerikanische jetzt.“ Der Multiinstrumentalist ist Chef der Band Botanica; Kay Voges, der Intendant  des Dortmunder Schauspielhauses, holte Wallfisch in sein Haus. Das war nicht die einzige Großtat von Voges. Unter anderem holte er auch den Berliner Trash- und Horrorfilmer Jörg Buttgereit in die schwarz-gelbe Ruhrmetropole, wo der das Theaterstück „Green Frankenstein & Sexmonster“ aufführte – das Stück wurde in diesem Jahr im Feuilleton mit Lobeshymnen überhäuft.

 

Under Pressure
Theater soll spannend sein, wenn es sein Publikum erreichen soll. Für den in Bochum wohnenden Schauspieler Atef Vogel steht dabei die Sensibilität an erster Stelle: „Man muss erkennen: Was sind die brisanten Themen in einer Stadt, was kann man aufnehmen, wie spiegelt das Theater mir als Zuschauer gerade die Situation, in der ich mich befinde, wieder? Ich würde mich freuen, wenn noch mehr auf das Publikum zugegangen wird.“ Eine ähnliche Haltung wird auch von Melissa Silverstein gefordert: „Ich möchte, dass es um die Inhalte geht, nicht um das Geschlecht, “Agenda not Gender”, und propagiere ein fortschrittliches, differenziertes Denken jenseits von Klischees“, so die Worte der feministischen Stimme Amerikas zum Thema Frauen in der Popkultur und der Filmindustrie.

 

I Want To Break Free
An erster Stelle steht der Gedanke, der eine Vision vermitteln soll. Die Künstlerin Dorothee Bielfeld

schaffte schon mal 126 Birkenstämme auf den Essener Kennedyplatz. Auf einem 500 Quadratmeter großen Podest erschuf sie für vier Monate in der Installation "stattwald" einen künstlichen Wald. Eine beeindruckende Aktion, weitere folgten. Über ihr Selbstverständnis sagt sie: „Es ist spannend. Alles was ich mache ist eine Bühne." Auch über andere Werktätige sind darüber dankbar, sich selbst verwirklichen zu können: „Ich bin sehr glücklich und stolz darauf, das zu machen, was ich immer wollte. So kann es weitergehen. Ich bin sehr positiv und kann es kaum erwarten, morgen früh wieder aufzustehen.“ – das ist die Haltung von dem in Oberhausen geborenen Malers Alpay Efe.

 

One Vision
Dabei ist ein Broterwerb für Kunsthandwerker oft nicht einfach. Der Essener Illustrator Jamiri weiß davon ein Lied zu singen: „Ich sage zu reinem Geldverdienen immer „Büffeljagen“, weil es sich letztlich nicht groß davon unterscheidet. Aber manchmal muss ich auch Büffel jagen. Leider. Das sind dann so Sachen wie Katzenfutter oder Waschmittelkartons malen.“ Danke für ein großartiges, aber auch manchmal sehr anstrengendes 2011 – ab dem 1. Januar 2012 machen wir direkt weiter.

 

Denn (wie sang einst Freddie Mercury so schön): The Show Must Go On.

 

So, 01.01.2012 0

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22.06.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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