
Rückblick Ruhr 2010 - Mit Stefan Laurin
Ein Gespräch über Kreativwirtschaft und Medien angesichts des zu Ende gehenden Kulturhauptstadtjahres. Der streitbare Journalist und Debattenanreißer Stefan Laurin lebt und arbeitet vornehmlich im Ruhrgebiet.
Jens Kobler: Ich weiß von mir persönlich sehr gut, wie ich das Kulturhauptstadtjahr angegangen bin. Wie hast Du dieses Jahr genutzt, wofür hast Du Dich interessiert? Stellt man sich eine Aufgabe? Geht man mehr auf Veranstaltungen?
Stefan Laurin: In diesem Jahr habe ich deutlich mehr Kulturveranstaltungen besucht als sonst, was aber eher persönliche Gründe hatte. Der Aspekt „Kreativwirtschaft“ lag irgendwie in der Luft und hatte mich vorher schon beschäftigt, auch deshalb habe ich Veranstaltungen wie „Stadt ohne Geld“ gern verfolgt und war auch ein paar Mal in der Bochumer Rottstraße zu Gast. Indirekt hatte das alles eine Wirkung auf mich, ohne dass ich mir nun eine Aufgabe gestellt hätte. Mein Kulturkonsum besteht seit Jahren vor allem darin, dass ich viel lese und viel Musik höre. In diesem Jahr kam dann erstmals verstärkt Theater dazu, und auf das Ruhrmuseum hatte ich mich sehr gefreut – das ja auch toll geworden ist. Auch die Eröffnungsfeier auf Zollverein fand ich charmant, auch wegen des Schnees, und war bei den großen Events dabei, also auf der A40 und bei den Schachtzeichen zum Beispiel. Die „Odyssee“ hätte ich mir gern angeschaut, aber da waren die Karten weg, und das wäre ja auch eine sehr zeitintensive Sache gewesen. Ansonsten habe ich relativ viel geschrieben.
Jens Kobler: Und das auf eine Art und Weise, die Dir den In-Klammern-Titel „Kulturhauptstadtkritiker“ eingebracht hat. Das hat schon fast einen Beiklang wie „Globalisierungskritiker“ und bringt einen auf so manches Podium. Wie geht man mit so etwas um, der „Kritiker vom Dienst“ zu sein?
Stefan Laurin: Ich bearbeite seit Jahren recht viele Wirtschafts- und Immobilienthemen. In verschiedenen Ruhrgebietsmagazinen, bei Capital, der Welt Am Sonntag oder beim Blog Ruhrbarone. Und gerade da ich mich sowohl im Bereich Immobilien auskenne, als auch die viel zitierten Bücher zum Thema Kreativwirtschaft tatsächlich gelesen habe, ergab sich das einfach, dass ich zu einem Hauptthema der Kulturhauptstadt viel zu sagen hatte und habe. Ich bin kein Kulturjournalist und kann nicht beurteilen, ob jetzt eine Intendanz für 2010 sinnvoller gewesen wäre oder so etwas. Aber von dieser Idee, auch mal die kleinen, fusseligen Kreativen zu fördern, war ich komplett begeistert. Da habe ich zu einem Kollegen noch gesagt: „Den besten Job macht der Gorny.“ Aber dann kommt der Punkt, an dem man merkt: Das ist gar nicht so. Und dann kommt hinzu, dass die meisten Journalistenkollegen sich eben gar nicht mit Kulturwirtschaft beschäftigen. Da also kaum jemand sonst Kulturthemen wirtschaftlich betrachtet hat, bin ich in diese Position gekommen.
Jens Kobler: Viele haben ja erst während des Jahres begonnen, sich mit dem Thema zumindest vordergründig zu beschäftigen. – Kurz zum Inhaltlichen: Geht es also darum, eben keine Top-Down-Lösung im stadtplanerischen Sinne anzustreben, sondern schon existierende Kreativzellen zu fördern?
Stefan Laurin: Ich persönlich finde Top-Down gar nicht so schlimm. Ein Punkt ist eher, dass viel zu viel gefördert, also mit dem Gießkannenprinzip gearbeitet wird. Das haben die Herren Gorny und Brauser ja im Grunde auch gesagt: Dass es um ein paar Quartiere in Bochum, Dortmund und Essen geht, weil der Rest eh komplett chancenlos ist. Wenn man das aber weiß, warum verschwendet man dann Energien und Ressourcen auf Standorte wie Dinslaken oder Unna? Das wäre eine solche Top-Down-Lösung, die aus regionaler Sicht vollkommen okay gewesen wäre.
Jens Kobler: Auch bei den Ruhrbaronen gibt es ja eine Meinungstendenz, die dem zentralistischeren Ruhrgebiet, Stichwort „Ruhrstadt“, nicht gerade abgeneigt ist. Gleichzeitig gibt es allein bei der Kulturhauptstadt schon kritische Stimmen, die einwenden, genau Bochum, Essen, Dortmund seien eh schon im Vorteil, und diese Schere dürfe nicht noch weiter auseinander gehen…
Stefan Laurin: Egal, was man macht, Gladbeck, Herne oder Marl werden niemals über einen Vorortstatus hinwegkommen. Also muss man sich für diese Städte andere Lösungen einfallen lassen. Dabei mag es sich um gute Wohngebiete handeln, die nur verkehrstechnisch besser angebunden werden müssen. Aber dazu darf man diese Städte nicht wie Großstädte behandeln, denn es sind Vororte. Auch wenn man sich in Marl viel Mühe mit klassischen Konzerten gibt: Das muss in Marl nicht stattfinden. Vielleicht aber ein gutes Kindertheater, eine Kinderbibliothek oder ein gestandenes Programm für Senioren. Wer hingegen ein klassisches Konzert sehen will, soll doch dazu bitte nach Bochum, Dortmund oder Essen fahren. Die Städte in den Peripherien sehen oft nicht, was zentral und geballt gegeben sein muss und dass in Vororten Programm gemacht werden muss für Zielgruppen, die nicht allzu mobil sind.
Jens Kobler: Mit einem solchen Standpunkt ist man sehr wahrscheinlich nicht weit weg von dem, was bestimmte Leute, nicht nur im Ruhrgebiet, sehr wohl denken, aber nicht in der Öffentlichkeit sagen würden. Insofern ist man in so einer Runde oder im Diskurs also nicht wirklich Opposition, sondern eher der explizite, von Parteien und Gemeinden weitgehend unabhängig agierende Part.
Stefan Laurin: Dieser Standpunkt ist halt wirklich kein exotischer. In Frankfurt zum Beispiel passieren die spannenderen Sachen auch nicht in den Vororten. Ich selbst komme ja ursprünglich aus Gladbeck, einem Spielort der Ruhrtriennale, nämlich in der Maschinenhalle Zweckel. Aber Gladbeck hat nichts davon, weil die Besucher per Shuttle hin und wieder weg gefahren werden und gar nicht im Ort ankommen. Aus so einer Maschinenhalle kann man nämlich auch andere Dinge machen. Ich frage mich immer: Warum frickeln da eigentlich keine Türken an Autos? Warum guckt man da nicht einfach mal nicht so genau hin? In den Achtziger Jahren gab es viele Bunker, in denen Bands spielten und an Autos und Surfbrettern gebastelt wurde. Warum nicht so etwas zulassen?
Jens Kobler: Das bräuchte aber eben keine Förderung und Scheinwerferlicht, sondern ganz einfach Toleranz…
Stefan Laurin: Und das ist genau der Punkt, der in Bezug auf die „drei Ts“ von Richard Florida überhaupt nicht rezipiert wurde: Toleranz. Neben Talent und Technologie. Über den Toleranzaspekt wurde im Rahmen der Kulturhauptstadt so gut wie gar nicht gesprochen. Dabei war das Buch Floridas eben auch eine direkte Reaktion auf die verschärften Einwanderungsgesetze in den U.S.A. nach dem 11. September und behandelte auch die Sorge, dass die Vereinigten Staaten nach der Bush-Ära nicht mehr das attraktivste Land für auswärtige Führungskräfte sein würden.
Jens Kobler: Im Grunde also sogar eine Marktlücke für Europa, Deutschland und nicht zuletzt das Ruhrgebiet.
Stefan Laurin: Ja, man könnte eine positive Einwanderungspolitik allein an diesem Toleranzbegriff festmachen. Das bedeutet eben, Freiräume zu schaffen und auch mal nicht hinzuschauen. Dieses Laufenlassen und Ausprobieren-Können wäre ein riesiger Wurf gewesen. Stattdessen haben Politiker Projekte wie das U in Dortmund durchgezogen, die eh auf der Agenda standen. Wobei sich die Dortmunder Wirtschaftsförderung aus gutem Grund nie für Kreativwirtschaft interessiert hat: Weil die nämlich im Ruhrgebiet gar nicht so eine große Rolle spielt, wie ihr von einigen angedichtet wird. Aber über dieses Vehikel ließ sich so etwas wie das U einfach leicht installieren, aber auch das Konzerthaus in Bochum. Wobei Florida sich sogar explizit zu Konzerthäusern äußert und betont, dass so ein Haus auch Pittsburgh zum Beispiel keinen Nutzen bringt, im Gegensatz zu funktionierenden Clubszenen, die ähnlichen Städten eine wesentlich größere Attraktivität verschaffen.
Jens Kobler: Einerseits wirbst Du also für zentralistische Entscheidungsebenen, andererseits – so auch in Deinem Buch „Immobilienkompass Ruhr 2011“ – gibst Du den Leuten etwas quasi zur Selbsthilfe in die Hand oder plädierst für mehr Eigeninitiative. Wie geht das zusammen?
Stefan Laurin: Es kommt doch genau an solchen Punkten zusammen, wie wenn die Essener Hausbesetzer aufgrund einer Brandschutzverordnung aus ihrem Haus gekegelt werden. In anderen Städten wird da auch einmal ein Auge zugedrückt, aber das Ruhrgebiet hat nun einmal eine Tradition, die sehr auf Kontrolle, Beherrschbarkeit und Planung ausgerichtet ist. Das zu ändern wäre eine Chance gewesen in diesem Jahr. Aber es hat nun erneut ein Paradigmenwechsel stattgefunden, und damit ist die Kreativwirtschaft weitgehend vom Tisch. Begonnen hat das im letzten Jahr mit einem Vorschlag von einem Roland Berger, Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium, der das neue Thema „Ver- und Entsorgung“ auf den Plan gerufen hat. Dazu passen Projekte wie „Innovation City“ sehr gut, für die Kreativwirtschaft ist es jetzt schon wieder zu spät.
Jens Kobler: Man konnte also 2010 nur einem Thema hinterher rennen, dass eh schon gegessen und nie wirklich gewollt war?
Stefan Laurin: Einige Projekte wie das UZDO konnte man ja aktiv unterstützen – wobei mich besonders freut, dass die ähnlich gelagerte Essener Freiraum-Initiative nun aus der Privatwirtschaft unterstützt wird. Insgesamt war die mediale Unterstützung wie auch die innerhalb der Kulturszene für diese Hausbesetzungsprojekte fast außergewöhnlich stark.
Jens Kobler: Sicher auch weil viele der dort Aktiven – wie Du auch in Deiner Zeit beim Stadtmagazin Marabo – selbst aus ähnlichen Zusammenhängen kommen. Ich habe diese Traditionslinie im letzten Jahr ja in einer Interviewreihe bei den Ruhrbaronen dargestellt. – Eine wie auch immer geartete Fundamentalopposition zur Kulturhauptstadt gab es im Übrigen kaum. Es gab eher so etwas wie die Unprojekte und die AG Kritische Kulturhauptstadt in Bochum, die mehr Ideen und Ansätze für sich übernommen oder hinterfragt haben. Und diese „Opposition“ wird von Kulturhauptstadtvertretern wie Bernd Fischer dann bei Veranstaltungen wie „Les Rencontres“ sogar als positive und gewünschte Begleiterscheinung gewürdigt. Bis hin zur Aussage, die Ruhr.2010 habe eine „Kulturrevolution von unten“ gestartet. Und es gab nicht einmal eine Fuckparade. War also doch alles eitel Freude und Sonnenschein?
Stefan Laurin: Es wurde zu Beginn ein ganz großer Fehler gemacht, und zwar dadurch, dass eine Riesenenttäuschung produziert wurde, indem man sagte, alle eingereichten Projekte zur Kulturhauptstadt könnten verwirklicht werden. Obwohl also klar war, dass mehr als 90 Prozent der Vorschläge abgelehnt werden würden, hat man das nicht kommuniziert. Es wurde der Eindruck erweckt, alle hätten eine Chance. Gleichzeitig wurde aber nicht auf die freie Szene zugegangen, um diese in das Programm zu integrieren. Wobei ich bei den Unprojekten jetzt nicht das Gefühl habe, dass da viel verloren gegangen ist.
Jens Kobler: Zu meiner Zeit auf Zollverein, als das Thema Kreativwirtschaft mit „Essens Kreative Klasse“ auch mediengerecht gestartet werden sollte, hatte ich schon den Eindruck, dass weder die auswärtigen noch die hiesigen Fachkräfte der Kulturhauptstadt wirklich wussten, an wen sie sich zu wenden haben – und wie. Da wurde dann viel Kennenlernen nach Lehrbuch betrieben, und das auch noch viel zu spät.
Stefan Laurin: Das war auch nicht zu leisten. Man hätte also lieber etwas Strukturelles machen sollen, Freiräume schaffen. Ehrlich zugeben, dass man kein Geld hat, und sagen: Macht einfach mal. Eine Kulturhauptstadt muss auch nicht den Anspruch haben, dass da jeder mitmacht. Ich finde den Festivalcharakter vollkommen okay. Und die „Odyssee“ oder das Henze-Projekt sind gut, auch wenn 90 Prozent der Leute damit nichts anfangen können.
Jens Kobler: Man hatte aber nie das Gefühl, dass auswärtige Besucher nun zu real existierenden Szenen hingeführt worden wären…
Stefan Laurin: Das war der mittlerweile tragische Fehler der Loveparade, bei der nicht auf hiesige Strukturen zurückgegriffen wurde. Oder auf Veranstaltungen wie Bochum Total oder Juicy Beats, die man zusammen genommen als Reihe nach Außen hätte darstellen können.
Jens Kobler: Selbst die Ruhrtriennale wirkte in diesem Jahr neben all den anderen Veranstaltungen eher kleiner als sonst.
Stefan Laurin: Es wäre vielen Leuten ganz einfach damit gedient gewesen, wenn solche Eigengewächse einfach stärker gefeatured worden wären.
Jens Kobler: Eine kurze Idee hierzu?: Ausgerechnet die Ruhr.2010 GmbH wird dicht gemacht…
Stefan Laurin: Das ist vollkommen richtig so. Denn wir haben eine Kultur Ruhr GmbH. Wie viele brauchen wir noch?
Jens Kobler: Was bleibt also von 2010 im Ruhrgebiet? Was trägt man weiter?
Stefan Laurin: Schon das kleine Mädchen, das auf einer Kulturhauptstadtveranstaltung getanzt hat, wird das nie vergessen, so wie insgesamt alle Menschen, die sich engagiert haben. Denn so etwas ist etwas Schönes - das bleibt. Ebenso bleiben Institutionen oder Neuerungen, die im indirekten Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt stehen wie das Ruhrmuseum oder der Folkwang-Neubau. Viele frisch gegründete Netzwerke hingegen werden das Jahr nicht wirklich überleben.
Jens Kobler: Und was beinhaltet die Agenda 2011 für Stefan Laurin persönlich?
Stefan Laurin: Ich arbeite ja nicht in Projekten. Insofern werde ich weiter als Journalist arbeiten, Immobilienbücher schreiben und die Ruhrbarone weiter machen. Die letzten eineinhalb Jahre waren für mich von einer gewissen Umbruchphase geprägt. Ich glaube aber, dass ich mich gut aufgestellt habe. Weiterhin werde ich auch hoffentlich noch länger mit Zeitsprung aus Köln zusammen arbeiten; dabei geht es derzeit um ein Fernsehprojekt für den SWR. Außerdem mache ich einiges für die Welt Am Sonntag, die WAZ-Gruppe und den Klartext-Verlag.
Jens Kobler: Wird das dann immer einen Ruhrgebietsbezug haben?
Stefan Laurin: Die Immobilienbuch-Reihe wird auch über andere Städte wie Köln, Düsseldorf und Frankfurt erscheinen. Ich stelle mich da gern breiter auf, weil das Ruhrgebiet keine Region ist, mit der man ausschließlich verknüpft sein will. Ich bin, was die Entwicklung der Region betrifft, nicht übermäßig optimistisch.
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
Jens Kobler: Ich weiß von mir persönlich sehr gut, wie ich das Kulturhauptstadtjahr angegangen bin. Wie hast Du dieses Jahr genutzt, wofür hast Du Dich interessiert? Stellt man sich eine Aufgabe? Geht man mehr auf Veranstaltungen?
Stefan Laurin: In diesem Jahr habe ich deutlich mehr Kulturveranstaltungen besucht als sonst, was aber eher persönliche Gründe hatte. Der Aspekt „Kreativwirtschaft“ lag irgendwie in der Luft und hatte mich vorher schon beschäftigt, auch deshalb habe ich Veranstaltungen wie „Stadt ohne Geld“ gern verfolgt und war auch ein paar Mal in der Bochumer Rottstraße zu Gast. Indirekt hatte das alles eine Wirkung auf mich, ohne dass ich mir nun eine Aufgabe gestellt hätte. Mein Kulturkonsum besteht seit Jahren vor allem darin, dass ich viel lese und viel Musik höre. In diesem Jahr kam dann erstmals verstärkt Theater dazu, und auf das Ruhrmuseum hatte ich mich sehr gefreut – das ja auch toll geworden ist. Auch die Eröffnungsfeier auf Zollverein fand ich charmant, auch wegen des Schnees, und war bei den großen Events dabei, also auf der A40 und bei den Schachtzeichen zum Beispiel. Die „Odyssee“ hätte ich mir gern angeschaut, aber da waren die Karten weg, und das wäre ja auch eine sehr zeitintensive Sache gewesen. Ansonsten habe ich relativ viel geschrieben.Jens Kobler: Und das auf eine Art und Weise, die Dir den In-Klammern-Titel „Kulturhauptstadtkritiker“ eingebracht hat. Das hat schon fast einen Beiklang wie „Globalisierungskritiker“ und bringt einen auf so manches Podium. Wie geht man mit so etwas um, der „Kritiker vom Dienst“ zu sein?
Stefan Laurin: Ich bearbeite seit Jahren recht viele Wirtschafts- und Immobilienthemen. In verschiedenen Ruhrgebietsmagazinen, bei Capital, der Welt Am Sonntag oder beim Blog Ruhrbarone. Und gerade da ich mich sowohl im Bereich Immobilien auskenne, als auch die viel zitierten Bücher zum Thema Kreativwirtschaft tatsächlich gelesen habe, ergab sich das einfach, dass ich zu einem Hauptthema der Kulturhauptstadt viel zu sagen hatte und habe. Ich bin kein Kulturjournalist und kann nicht beurteilen, ob jetzt eine Intendanz für 2010 sinnvoller gewesen wäre oder so etwas. Aber von dieser Idee, auch mal die kleinen, fusseligen Kreativen zu fördern, war ich komplett begeistert. Da habe ich zu einem Kollegen noch gesagt: „Den besten Job macht der Gorny.“ Aber dann kommt der Punkt, an dem man merkt: Das ist gar nicht so. Und dann kommt hinzu, dass die meisten Journalistenkollegen sich eben gar nicht mit Kulturwirtschaft beschäftigen. Da also kaum jemand sonst Kulturthemen wirtschaftlich betrachtet hat, bin ich in diese Position gekommen.
Jens Kobler: Viele haben ja erst während des Jahres begonnen, sich mit dem Thema zumindest vordergründig zu beschäftigen. – Kurz zum Inhaltlichen: Geht es also darum, eben keine Top-Down-Lösung im stadtplanerischen Sinne anzustreben, sondern schon existierende Kreativzellen zu fördern?
Stefan Laurin: Ich persönlich finde Top-Down gar nicht so schlimm. Ein Punkt ist eher, dass viel zu viel gefördert, also mit dem Gießkannenprinzip gearbeitet wird. Das haben die Herren Gorny und Brauser ja im Grunde auch gesagt: Dass es um ein paar Quartiere in Bochum, Dortmund und Essen geht, weil der Rest eh komplett chancenlos ist. Wenn man das aber weiß, warum verschwendet man dann Energien und Ressourcen auf Standorte wie Dinslaken oder Unna? Das wäre eine solche Top-Down-Lösung, die aus regionaler Sicht vollkommen okay gewesen wäre.Jens Kobler: Auch bei den Ruhrbaronen gibt es ja eine Meinungstendenz, die dem zentralistischeren Ruhrgebiet, Stichwort „Ruhrstadt“, nicht gerade abgeneigt ist. Gleichzeitig gibt es allein bei der Kulturhauptstadt schon kritische Stimmen, die einwenden, genau Bochum, Essen, Dortmund seien eh schon im Vorteil, und diese Schere dürfe nicht noch weiter auseinander gehen…
Stefan Laurin: Egal, was man macht, Gladbeck, Herne oder Marl werden niemals über einen Vorortstatus hinwegkommen. Also muss man sich für diese Städte andere Lösungen einfallen lassen. Dabei mag es sich um gute Wohngebiete handeln, die nur verkehrstechnisch besser angebunden werden müssen. Aber dazu darf man diese Städte nicht wie Großstädte behandeln, denn es sind Vororte. Auch wenn man sich in Marl viel Mühe mit klassischen Konzerten gibt: Das muss in Marl nicht stattfinden. Vielleicht aber ein gutes Kindertheater, eine Kinderbibliothek oder ein gestandenes Programm für Senioren. Wer hingegen ein klassisches Konzert sehen will, soll doch dazu bitte nach Bochum, Dortmund oder Essen fahren. Die Städte in den Peripherien sehen oft nicht, was zentral und geballt gegeben sein muss und dass in Vororten Programm gemacht werden muss für Zielgruppen, die nicht allzu mobil sind.
Jens Kobler: Mit einem solchen Standpunkt ist man sehr wahrscheinlich nicht weit weg von dem, was bestimmte Leute, nicht nur im Ruhrgebiet, sehr wohl denken, aber nicht in der Öffentlichkeit sagen würden. Insofern ist man in so einer Runde oder im Diskurs also nicht wirklich Opposition, sondern eher der explizite, von Parteien und Gemeinden weitgehend unabhängig agierende Part.
Stefan Laurin: Dieser Standpunkt ist halt wirklich kein exotischer. In Frankfurt zum Beispiel passieren die spannenderen Sachen auch nicht in den Vororten. Ich selbst komme ja ursprünglich aus Gladbeck, einem Spielort der Ruhrtriennale, nämlich in der Maschinenhalle Zweckel. Aber Gladbeck hat nichts davon, weil die Besucher per Shuttle hin und wieder weg gefahren werden und gar nicht im Ort ankommen. Aus so einer Maschinenhalle kann man nämlich auch andere Dinge machen. Ich frage mich immer: Warum frickeln da eigentlich keine Türken an Autos? Warum guckt man da nicht einfach mal nicht so genau hin? In den Achtziger Jahren gab es viele Bunker, in denen Bands spielten und an Autos und Surfbrettern gebastelt wurde. Warum nicht so etwas zulassen?Jens Kobler: Das bräuchte aber eben keine Förderung und Scheinwerferlicht, sondern ganz einfach Toleranz…
Stefan Laurin: Und das ist genau der Punkt, der in Bezug auf die „drei Ts“ von Richard Florida überhaupt nicht rezipiert wurde: Toleranz. Neben Talent und Technologie. Über den Toleranzaspekt wurde im Rahmen der Kulturhauptstadt so gut wie gar nicht gesprochen. Dabei war das Buch Floridas eben auch eine direkte Reaktion auf die verschärften Einwanderungsgesetze in den U.S.A. nach dem 11. September und behandelte auch die Sorge, dass die Vereinigten Staaten nach der Bush-Ära nicht mehr das attraktivste Land für auswärtige Führungskräfte sein würden.
Jens Kobler: Im Grunde also sogar eine Marktlücke für Europa, Deutschland und nicht zuletzt das Ruhrgebiet.
Stefan Laurin: Ja, man könnte eine positive Einwanderungspolitik allein an diesem Toleranzbegriff festmachen. Das bedeutet eben, Freiräume zu schaffen und auch mal nicht hinzuschauen. Dieses Laufenlassen und Ausprobieren-Können wäre ein riesiger Wurf gewesen. Stattdessen haben Politiker Projekte wie das U in Dortmund durchgezogen, die eh auf der Agenda standen. Wobei sich die Dortmunder Wirtschaftsförderung aus gutem Grund nie für Kreativwirtschaft interessiert hat: Weil die nämlich im Ruhrgebiet gar nicht so eine große Rolle spielt, wie ihr von einigen angedichtet wird. Aber über dieses Vehikel ließ sich so etwas wie das U einfach leicht installieren, aber auch das Konzerthaus in Bochum. Wobei Florida sich sogar explizit zu Konzerthäusern äußert und betont, dass so ein Haus auch Pittsburgh zum Beispiel keinen Nutzen bringt, im Gegensatz zu funktionierenden Clubszenen, die ähnlichen Städten eine wesentlich größere Attraktivität verschaffen.
Jens Kobler: Einerseits wirbst Du also für zentralistische Entscheidungsebenen, andererseits – so auch in Deinem Buch „Immobilienkompass Ruhr 2011“ – gibst Du den Leuten etwas quasi zur Selbsthilfe in die Hand oder plädierst für mehr Eigeninitiative. Wie geht das zusammen?Stefan Laurin: Es kommt doch genau an solchen Punkten zusammen, wie wenn die Essener Hausbesetzer aufgrund einer Brandschutzverordnung aus ihrem Haus gekegelt werden. In anderen Städten wird da auch einmal ein Auge zugedrückt, aber das Ruhrgebiet hat nun einmal eine Tradition, die sehr auf Kontrolle, Beherrschbarkeit und Planung ausgerichtet ist. Das zu ändern wäre eine Chance gewesen in diesem Jahr. Aber es hat nun erneut ein Paradigmenwechsel stattgefunden, und damit ist die Kreativwirtschaft weitgehend vom Tisch. Begonnen hat das im letzten Jahr mit einem Vorschlag von einem Roland Berger, Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium, der das neue Thema „Ver- und Entsorgung“ auf den Plan gerufen hat. Dazu passen Projekte wie „Innovation City“ sehr gut, für die Kreativwirtschaft ist es jetzt schon wieder zu spät.
Jens Kobler: Man konnte also 2010 nur einem Thema hinterher rennen, dass eh schon gegessen und nie wirklich gewollt war?
Stefan Laurin: Einige Projekte wie das UZDO konnte man ja aktiv unterstützen – wobei mich besonders freut, dass die ähnlich gelagerte Essener Freiraum-Initiative nun aus der Privatwirtschaft unterstützt wird. Insgesamt war die mediale Unterstützung wie auch die innerhalb der Kulturszene für diese Hausbesetzungsprojekte fast außergewöhnlich stark.
Jens Kobler: Sicher auch weil viele der dort Aktiven – wie Du auch in Deiner Zeit beim Stadtmagazin Marabo – selbst aus ähnlichen Zusammenhängen kommen. Ich habe diese Traditionslinie im letzten Jahr ja in einer Interviewreihe bei den Ruhrbaronen dargestellt. – Eine wie auch immer geartete Fundamentalopposition zur Kulturhauptstadt gab es im Übrigen kaum. Es gab eher so etwas wie die Unprojekte und die AG Kritische Kulturhauptstadt in Bochum, die mehr Ideen und Ansätze für sich übernommen oder hinterfragt haben. Und diese „Opposition“ wird von Kulturhauptstadtvertretern wie Bernd Fischer dann bei Veranstaltungen wie „Les Rencontres“ sogar als positive und gewünschte Begleiterscheinung gewürdigt. Bis hin zur Aussage, die Ruhr.2010 habe eine „Kulturrevolution von unten“ gestartet. Und es gab nicht einmal eine Fuckparade. War also doch alles eitel Freude und Sonnenschein?
Stefan Laurin: Es wurde zu Beginn ein ganz großer Fehler gemacht, und zwar dadurch, dass eine Riesenenttäuschung produziert wurde, indem man sagte, alle eingereichten Projekte zur Kulturhauptstadt könnten verwirklicht werden. Obwohl also klar war, dass mehr als 90 Prozent der Vorschläge abgelehnt werden würden, hat man das nicht kommuniziert. Es wurde der Eindruck erweckt, alle hätten eine Chance. Gleichzeitig wurde aber nicht auf die freie Szene zugegangen, um diese in das Programm zu integrieren. Wobei ich bei den Unprojekten jetzt nicht das Gefühl habe, dass da viel verloren gegangen ist.
Jens Kobler: Zu meiner Zeit auf Zollverein, als das Thema Kreativwirtschaft mit „Essens Kreative Klasse“ auch mediengerecht gestartet werden sollte, hatte ich schon den Eindruck, dass weder die auswärtigen noch die hiesigen Fachkräfte der Kulturhauptstadt wirklich wussten, an wen sie sich zu wenden haben – und wie. Da wurde dann viel Kennenlernen nach Lehrbuch betrieben, und das auch noch viel zu spät.Stefan Laurin: Das war auch nicht zu leisten. Man hätte also lieber etwas Strukturelles machen sollen, Freiräume schaffen. Ehrlich zugeben, dass man kein Geld hat, und sagen: Macht einfach mal. Eine Kulturhauptstadt muss auch nicht den Anspruch haben, dass da jeder mitmacht. Ich finde den Festivalcharakter vollkommen okay. Und die „Odyssee“ oder das Henze-Projekt sind gut, auch wenn 90 Prozent der Leute damit nichts anfangen können.
Jens Kobler: Man hatte aber nie das Gefühl, dass auswärtige Besucher nun zu real existierenden Szenen hingeführt worden wären…
Stefan Laurin: Das war der mittlerweile tragische Fehler der Loveparade, bei der nicht auf hiesige Strukturen zurückgegriffen wurde. Oder auf Veranstaltungen wie Bochum Total oder Juicy Beats, die man zusammen genommen als Reihe nach Außen hätte darstellen können.
Jens Kobler: Selbst die Ruhrtriennale wirkte in diesem Jahr neben all den anderen Veranstaltungen eher kleiner als sonst.
Stefan Laurin: Es wäre vielen Leuten ganz einfach damit gedient gewesen, wenn solche Eigengewächse einfach stärker gefeatured worden wären.
Jens Kobler: Eine kurze Idee hierzu?: Ausgerechnet die Ruhr.2010 GmbH wird dicht gemacht…
Stefan Laurin: Das ist vollkommen richtig so. Denn wir haben eine Kultur Ruhr GmbH. Wie viele brauchen wir noch?
Jens Kobler: Was bleibt also von 2010 im Ruhrgebiet? Was trägt man weiter?
Stefan Laurin: Schon das kleine Mädchen, das auf einer Kulturhauptstadtveranstaltung getanzt hat, wird das nie vergessen, so wie insgesamt alle Menschen, die sich engagiert haben. Denn so etwas ist etwas Schönes - das bleibt. Ebenso bleiben Institutionen oder Neuerungen, die im indirekten Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt stehen wie das Ruhrmuseum oder der Folkwang-Neubau. Viele frisch gegründete Netzwerke hingegen werden das Jahr nicht wirklich überleben.
Jens Kobler: Und was beinhaltet die Agenda 2011 für Stefan Laurin persönlich?
Stefan Laurin: Ich arbeite ja nicht in Projekten. Insofern werde ich weiter als Journalist arbeiten, Immobilienbücher schreiben und die Ruhrbarone weiter machen. Die letzten eineinhalb Jahre waren für mich von einer gewissen Umbruchphase geprägt. Ich glaube aber, dass ich mich gut aufgestellt habe. Weiterhin werde ich auch hoffentlich noch länger mit Zeitsprung aus Köln zusammen arbeiten; dabei geht es derzeit um ein Fernsehprojekt für den SWR. Außerdem mache ich einiges für die Welt Am Sonntag, die WAZ-Gruppe und den Klartext-Verlag.
Jens Kobler: Wird das dann immer einen Ruhrgebietsbezug haben?
Stefan Laurin: Die Immobilienbuch-Reihe wird auch über andere Städte wie Köln, Düsseldorf und Frankfurt erscheinen. Ich stelle mich da gern breiter auf, weil das Ruhrgebiet keine Region ist, mit der man ausschließlich verknüpft sein will. Ich bin, was die Entwicklung der Region betrifft, nicht übermäßig optimistisch.
Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch!
Porträt & Cover: Stefan Laurin
Fotoreihe „U Glitter“: Jens Kobler
Fotoreihe „U Glitter“: Jens Kobler
Sa, 25.12.2010
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