Rückblick Ruhr 2010 - Mit Petra Engelke

Ein Chat über Urbanität und Metropolentum mit Petra Engelke, freie Journalistin aus dem Ruhrgebiet und seit März 2010 in New York lebend.

Jens Kobler: Ich bin das Kulturhauptstadtjahr - zumindest journalistisch, also vor allem auf der Seite "hier" - sehr ähnlich dem angegangen wie Du arbeitest: Menschen, Projekte, Genre übergreifend, nicht spartenspezifisch. Ich erkläre das manchmal über so etwas wie "Ich muss einen Zugang zu den Themen und den Leuten, Künstlern, Machern haben." Was genau die machen, also in welchem Genre, ist dabei nicht nebensächlich, aber eben nicht die Hauptsache, weshalb ich mich damit beschäftige oder das Thema vorstellen möchte. Ist das bei Dir ähnlich?

Petra Engelke
Petra Engelke
Petra Engelke:
Ja, das ist ähnlich im Sinne von: Ich mag zwar auf den ersten Blick als Generalistin dastehen, aber ich schreibe nicht über jeden. Erstens gibt es Themen, mit denen ich mich besser auskenne und bei denen mir deshalb auch bessere Fragen einfallen. Zweitens gibt es Themen, zu denen ich so recht keinen Zugang finde. Ich drehe mir aber bei der Auswahl eine alte Journalistinnentugend für meine Zwecke hin: "Nichts glauben, aber alles für möglich halten" hält mich dazu an, neugierig zu bleiben - und so ziemlich jedem Menschen und seiner Idee erst mal eine Chance zu geben (zumindest für zehn Sekunden).

Jens Kobler: Ich muss gerade daran denken, dass es natürlich in jeder Sparte auch Shifts gibt, Trends, für die jemand anders dann vielleicht der bessere Ansprechpartner wäre. Aber es sitzt nun einmal Redakteur XY im Stuhl und muss dann äh im Rolling Stone plötzlich über Lady Gaga schreiben - no offend. Im deutschen Rolling Stone, wohlgemerkt. :)

Petra Engelke: Für dieses Thema bin ich, so fürchte ich, nicht die passende Ansprechpartnerin: Ich mag es gerne, wenn jemand ganz frisch und unvorbelastet in etwas einsteigt, das in den Medien überpräsent ist. Und da kann der Redakteur, der über Lady Gaga schreiben muss, obwohl er kein Poppapst ist, eine gute Chance sein, etwas Neues, einen anderen Blickwinkel zu bekommen. Solange es auch noch andere gibt, die das Phänomen Lady Gaga fachkundig in den Popkontext oder was auch immer einordnen, ist doch alles gut. ;)

Jens Kobler: Möglich. Ich meinte etwas in die Richtung von "Der Sessel, der Verantwortungsbereich bestimmt den Blick, und nicht zwingend das Zugehörigkeitsgefühl zum Thema an sich." Natürlich kann auch ... Kerner etwas Unterhaltsames über Yeasayer sagen, womöglich. Nun gut. Damit also auf in die Städtedebatte... :)

Petra Engelke: Stopp, vor der Städtedebatte noch eine Bemerkung zur redaktionellen Arbeit: Ich verankere das Problem nicht in der Zugehörigkeit im Sinne von "da kennt er oder sie sich aus, hat schon viel drüber geschrieben ...". Sondern ich habe den Eindruck, dass viele derjenigen Redakteure, die darüber (mit-)entscheiden, was ins Blatt kommt, eine theoretische, ungeprüfte Vorstellung von der Leserschaft haben. Und darauf baut ein Raster dessen auf, was ins Blatt kommt und was nicht, eventuell, da gebe ich dir recht, ein wenig gefärbt von persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Und dagegen kommen noch so gute Themenvorschläge nicht an.
Und das mag dann dazu führen, dass Kerner die Yeasayer ins Studio geschickt bekommt (weil der Redakteur die jetzt wichtig für die Sendung findet) und sehen muss, wie er damit klarkommt, obwohl er vielleicht andere Gäste ganz anders angehen könnte, und zwar so, dass es den Zuschauern Spaß macht und neue Einblicke bringt. Was jetzt keine Wertung von Kerner und seiner Sendung sein soll. Ich weiß doch nicht, was da gerade im dt. TV passiert. ;)

Jens Kobler: Ich auch nicht, ich guck nur andere Talkshows. Und manchmal Fußball. Gut. - Es ist ja unzweifelhaft, denke ich, dass die Neugierde, das Interesse als Antrieb eine wichtige Motivation für solch eine Arbeit darstellt. Kurz gefragt: Brauchtest Du einen Tapetenwechsel?

Petra Engelke: Nein, ich brauchte keinen Tapetenwechsel. Ich war nicht auf der Flucht, ich mag das Ruhrgebiet, das ist meine Heimat.

Jens Kobler: Kannst Du das anführen, was es war?

Petra Engelke: Das ist gleichzeitig ganz einfach (und doch schwer zu erklären): Es ist New York.

Jens Kobler: Dem wollen wir uns nun ein wenig widmen.



Petra Engelke: Anfangs (vor ein paar Jahren) wollte ich nur endlich wissen, ob ich das hier aushalten könnte. Da war es Hassliebe. Dann habe ich es ausprobiert und ein paar Monate hier gelebt, und es hatte all die Schrecklichkeiten, die ich vorher schon gesehen hatte, und auch die Schönheiten. Am Ende ist es knapp so ausgegangen, dass ich ein I (Herz) NY-T-Shirt mitgenommen habe.

Jens Kobler: Oh.

Petra Engelke: Dann dachte ich, Pendeln sei genau das Richtige, weil ich ja das Ruhrgebiet auch mag. Bis ich dann im Sommer 2009 für sechs Wochen hier war und merkte: Erstens kann man das keinem erklären, wenn ich sage "NUR 6 Wochen in New York" (dekadenter kann ich wohl kaum rüberkommen) und wie sehr es mich stresst, so "kurz" in der Stadt zu sein. Zweitens habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich nicht umziehe (ausgelöst von ein paar Bemerkungen der paar New Yorker, die ich kenne). Und die - gnadenlos ehrliche - Antwort war: Weil ich Schiss hab. Und Angst ist kein guter Ratgeber, finde ich. Im Gegenteil: Sobald ich da mal so rein hypothetisch in Erwägung zog, was denn wäre, wenn ich umziehe, war ich sofort viel entspannter. Also hab ich eine Nacht drüber geschlafen, und am nächsten Tag war das Gefühl immer noch dasselbe, New York, mir geht der Arsch auf Grundeis (darf ich das so ausdrücken im deutschen Internetfernsehen?), aber es ist die richtige Entscheidung.

Jens Kobler: "Angst hat die Menschen aber auch um einiges vorangebracht", sagte da letztens mal jemand in einer Talkshow auf genau diesen Spruch hin. Nur als Anmerkung.

Petra Engelke: Ja, das ist richtig. Angst ist wichtig als Warnsignal und so weiter. Das registriere ich immer, und ich bin alles andere als eine Abenteurerin. Aber in einer Entscheidungssituation würde ich nicht die Angst als den wichtigsten Ratgeber nehmen. Sondern mal genauer hinschauen: Was steckt denn dahinter? Was ist denn das Schlimmste, was passieren kann? Hab ich gemacht. Und weiß jetzt, wovor ich so richtig Schiss hab - und konnte mir überlegen, ob ich dieses Risiko eingehen will.

Jens Kobler: Ich habe letztens mal in einem Gespräch - auch zum Thema Urbanität und Metropolentum - gesagt: Warum ziehen eigentlich die Leute meist von einem Ballungsraum in den nächsten? Also gern von der Ruhr nach Berlin - oder New York, London... Warum nicht mal was anderes probieren?^^

Petra Engelke: Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich würde vermuten, weil Stadtkinder zwar aufs Land ziehen, wenn sie Kinder haben - aber dann wohl eher in der Nähe der alten Gegend bleiben (Stichwort: Kinderbetreuung). Aber ansonsten eben keinen Grund sehen, aufs Land zu ziehen. Ist aber nur so eine Vermutung. Bei mir war es anders: Für mich gibt es keine andere Stadt. Also ich werde nicht nächstes Jahr sagen: So, und jetzt ziehe ich nach Schanghai. Oder: Ich hätte vielleicht doch lieber nach London gehen sollen. Und mit Berlin brauchst du mir gar nicht zu kommen. Damit unterscheide ich mich übrigens bisher von sämtlichen deutschen Journalisten, die ich in New York getroffen habe: Für mich ging es einzig und allein um diese eine Stadt. Die anderen sind eher aus beruflichen Gründen gegangen, lieben New York zwar, wären aber vermutlich auch nach Washington oder LA gegangen. Oder nach Kabul. Eine andere Umzugsfrage ist auch die Zeitfrage. Wer beruflich weggeht, tut das meist für einen begrenzten Zeitraum.

Jens Kobler: Ich habe so etwa zwei NYC-kritische Blicke drauf, wenn es sich mal ergibt. Der eine ist vielleicht von meinem Berlin-Verständnis abgeleitet, wo ich immer 80er, Kreuzberg, Mauerdrumrum, geniale Dilettanten sehe. Und das wäre für New York halt Warhol, Brooklyn, Kunstszene, im urban jungle den kleinen Kunst Frank Sinatra geben,... (kommt noch schlimmer.) Der andere wäre etwa: Das ist so der Moloch an typisch westlicher Zivilisation, der sicher ein Extrem darstellt, aber nicht zwingend das erstrebenswerteste. Das hängt beides vielleicht zusammen...

Petra Engelke: Also, zur ersten Kritik: Von außen sieht man die Klischees, und die sind, wie auch im Ruhrgebiet, erstens mit ordentlich Patina überzogen (Warhol ist genauso tot wie die Zechen) und zweitens nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtbild. Ich KANN mich hier in der Kunstszene herumtreiben, in Hipster-Stadtteilen Schnauzbärte zählen und mit Jazzmusikern darüber diskutieren, dass Künstler sich doch bitte nicht ums GELD kümmern wollen. Ich kann aber auch hier leben und gar nicht wissen, dass es das alles gibt (frag mal meine Nachbarin). Im Ruhrgebiet kannst du ja auch leben, ohne je von der Goldkante gehört zu haben (oder, wenn du alt genug dafür bist, Gardinen damit zu verbinden). Das so vorangestellt, sei gesagt: Es stimmt aber schon, dass du, wenn du hier lebst, die Möglichkeiten hast, dich in solchen Kreisen zu bewegen, sie zu lieben, sie zu hassen, versuchen reinzukommen, versuchen, dich davon nicht beeindrucken zu lassen und so weiter.

Jens Kobler: Also, ich hab mir - in Düsseldorf ist gerade eine diesbezügliche Ausstellung - gerade noch den Hit "Sonne statt Reagan" von Joseph Beuys angehört - und ich meine natürlich dieses "jedeR ist ein Künstler"-Ding. Ich finde eher, dass sich das quasi sublimiert hat, es den Leuten eher nicht bewusst ist.

Petra Engelke: Verstehe, das ist ein guter Punkt. Und zwar: New York gibt einem durchaus das Gefühl, man könne hier alles sein, was man will (und zwar nicht nur auf künstlerische Ambitionen bezogen). Diese Freiheit wird einem aber mit dem Zusatz geliefert, dass man dafür dann aber bitte auch was auf die Beine stellen soll - und zwar selbst. Klar triffst du hier Leute mit den absonderlichsten Ideen, du hast kleine Galerien, Pop-Up-Spaces, die nicht unbedingt immer tolle Sachen zeigen. Aber du findest auch Leute, die in dem irren Tempo in New York mithalten können und wahnsinnig hart daran arbeiten, was sie als Künstler sagen wollen, wie sie es sagen wollen und vor allem, dass man sie und ihre Arbeit bemerkt.
Und, ein Letztes noch dazu: Unter acht Millionen Menschen auf einem viel, viel kleineren Raum als die fünf Mille vom Ruhrgebiet ist es wahrscheinlicher, komischen Vögeln zu begegnen, als in einer Stadt mit 300.000 Leuten. Das prägt sicherlich den Eindruck mit, dass hier ganz viele schräge Vögel, Künstler, Kreative etc. rumlaufen - das strahlt nach außen wie auch nach innen die Botschaft: In New York kannst du das machen.



Jens Kobler: Ja, und das führt mich jetzt quasi zu dieser Vorbildfunktion, dass jede halbwegs große Anballung bzw. deren Beamte meinen, speziell vielleicht wenn es um so etwas wie Kreativität geht, nicht nur New York als Vorbild nehmen zu müssen, sondern auch - ich echauffiere mich - jeder Beamte Projekte abnickt, wenn es heißt: In New York macht man das auch. Und dann sagense: Will ich auch haben! Gab’s durchaus zu beobachten. Und alle reißen sich darum, in der Delegation sein zu dürfen, wenn mal "Ruhr.2010" ein Fleckchen im MoMA hat. Können die nicht mal auch nach... Djnepropetrowsk schielen?

Petra Engelke: Nun ja, New York strahlt eben immer noch diese Faszination aus. Dagegen braucht man ja nicht immun zu sein, und ich finde, egal, wie man dazu steht, man muss schon anerkennen, was für eine fantastische PR-Arbeit Institutionen wie das MoMA machen. ;) Ich denke, ein Ansatz wäre, zu sagen: Okay, wir erkennen die Faszination der Glitzermetropole (so wie wir uns die vorstellen, that is) an, aber gerade deshalb schauen wir auch mal woanders hin. Denn die neuen, coolen Dinge, die Sachen, die vielleicht nächstes Jahr die Kunst- und Kulturwelt in Erstaunen versetzen werden, passieren überall auf der Welt. Vielleicht würde es helfen, auch mal zu schauen, was New York sich so an Kunst und Kultur einlädt.
Eine wirklich große Sache im MoMA dieses Jahr war zum Beispiel Marina Abramovic. Old Europe? ;) Oder, im Guggenheim: Neoklassizismus (endet mit Leni Riefenstahl). Und das sind ja jetzt die in Bronze gegossenen Kulturbewegungen ...

Jens Kobler:
Eine Sache bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen war die folgende: Es liefen halt diese Manhattan-80er-Selbstgedrehten, es waren auch die Filmemacher da. Und die Filmemacher sagen: Nun, wir hatten Langeweile, es war halt nichts los, wir haben mal draufgehalten, John Lurie hat in einer Arztpraxis einen Raumschiffflug improvisiert,... – wonach das der Kurator natürlich erstmal ordentlich und wertigst in einen kunsthistorischen Kontext einbettet. Und dann sehe ich vor meinem geistigen Auge nebenan in der alten Mitte Oberhausens im frisch ausgerufenen "Kreativviertel" plötzlich Leute mit Super8 diesen Müll glorifizieren gehen.

Petra Engelke: Oha!

Jens Kobler: Das so als Beispiel dafür, warum so gewisse Molochhaftigkeiten vielleicht nicht immer erstrebenswert sein müssen, erst recht nicht ohne Not.

Petra Engelke: Egal, wo so etwas passiert, es wirkt immer arrogant, wenn kreative Menschen zu ihren Arbeiten sagen: Och, da hatte ich grad mal Langeweile. Und es ist auch immer gleich dumm, wenn das dann jemand - gleich von wo -glorifiziert, bloß weil er da einem Image nachjagt, Sternenstaub abkriegen will. Ich denke, die Ursache für so etwas liegt zum einen in der erwähnten Masse: Du hast hier mehr Menschen, ergo mehr Möglichkeiten für tolle Ideen - und mindestens für genauso viel Schrott. Da hast du mit der Moloch-These also recht. Zum anderen gibt es immer Künstler, die sich sehr gut vermarkten - und sich zum Beispiel bei Festivals bewerben, bis sie irgendwo eingeladen werden. Wenn vielleicht auch nur deshalb, weil in ihrer Beschreibung der Name "Lurie" fällt ...

Jens Kobler: Was wären denn die klar benennbaren Vorteile, jenseits von, sagen wir, Geschmack und Vielfalt in Bezug auf Kunst und Lifestyle? In der Infrastruktur?

Petra Engelke: Die Vorteile liegen auch in der Masse begründet, ja. Also nicht nur. Okay, ich formuliere es so:
1. Weil es hier sehr viele Menschen und eben auch diesen Anteil an kreativen Menschen aller Sparten (inkl. Werbung usw) gibt, kursieren hier viele Ideen, die man aufschnappen kann, und Leute, mit denen man drüber sprechen kann (wenn man, das kann ich nicht oft genug betonen, sich darum kümmert).
2. Auch wegen dieser kritischen Masse an Kreativen, aber genausogut am Außenbild von New York als der Stadt, die niemals schläft, gibt es hier eine gute Infrastruktur, was Auftritts-/Ausstellungsorte angeht. Das will schließlich auch das Tourismusbüro vorweisen können, und es finden sich Sponsoren dafür.
3. Eine weitere Rolle spielt vielleicht die Anonymität: Du kannst dich hier leichter als in kleineren Städten zum Narren machen, weil die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass du den Leuten, die Zeuge dabei waren, noch mal über den Weg läufst. Das ist an allen Orten, die nur eine geringe Anzahl an Veranstaltungsorten haben, anders, weil es da dann so eine mehr oder weniger eingeschworene Jüngerschaft in den jeweiligen Sparten gibt, da kennt man Namen, vielleicht auch Gesichter.
4. Ich weiß (noch?) nicht so ganz, woran es liegt, aber du findest hier eine stärkere Tendenz, etwas auf die Beine zu stellen und sich ggf. dafür auch zusammenzutun, als ich es aus Deutschland kenne. Es gibt Designer, die gemeinsam einen Laden betreiben. Initiativen, bei denen man Theaterstücke in einem frühen Entwicklungsstadium zeigen und diskutieren kann. Und so weiter. Meine These ist, dass das mit der stark individualistischen US-Politik zusammenhängt: Du musst dich um dich selbst kümmern, und deshalb findest du es normal, andere zu unterstützen (weil du das selbst auch manchmal brauchst).

Jens Kobler:
Ich habe da drei kleine Anmerkungen. Zum einen: Nahezu trotz dieses ja auch modischen Hangs zum Networking sehe ich hierzulande oft noch eher eine Art von Vereinswesen durchschimmern. Wo die Einzelnen sich eben nicht genug einbringen und dann nur die "spokesmen" den Rahm der Netzwerke abschöpfen (wollen).

Petra Engelke: Dieses Problem hast du hüben wie drüben. ;)

Jens Kobler: Beruhigend.^^ Nach dem was du schriebst, aufgrund der unterschiedlichen ... Dispositionen der Menschen hier vielleicht mehr.

Petra Engelke:
Vielleicht ist hier der Druck aber stärker: New York ist sauteuer (deshalb ziehen viele Künstler ja seit Jahren von hier nach Berlin).

Jens Kobler: Und dieser kreative Aspekt der anderen Art von "freierem"(?) Leistungsdruck. Das individualistische Ding?

Petra Engelke: Oh, Leistungsdruck ist ein gutes Stichwort: Natürlich kannst du nach New York gehen, weil du denkst: Klasse, ganz viel Kunst und Kultur, da bin ich doch zu Hause. Stimmt ja vielleicht. Und klar gibt es hier viele Galerien und Clubs usw. Aber eben auch eine ganze Menge Konkurrenz, die in dieselben Galerien und Clubs will. Wenn du als Künstler oder Kulturschaffender hierherkommst, brauchst du eine Menge Durchhaltevermögen. Und Arroganz kannst du dir nicht leisten. Genausowenig wie deine Miete.

Jens Kobler: Dazu passt vielleicht in etwa mein Punkt 2: Du hast Anonymität als positiven Faktor genannt. Im Diskurs hier wurde meist eher dieses Kiezhafte, Schrebergartenmäßige als erstrebenswert dargestellt. Vielleicht auch so ein typisches Ruhr-Problem, beides mitteilbar übereinander zu bekommen, auch aufgrund der dezentralen, teils vorstadthaften, teils eben doch weit auseinander liegenden Szene-Anlaufpunkte.

Petra Engelke: Ich würde einen großen Unterschied machen zwischen Kiezkultur (wie in Berlin und Hamburg) und dem, was man im Ruhrgebiet findet. Vielleicht alles Vorurteile ,-) : In, was weiß ich, Neukölln ist man so stolz auf seinen Kiez, dass man ihn nicht verlässt. Das Ruhrgebiet besteht ja aus verschiedenen Städten, die auch alle eine unterschiedliche Stadt-, nicht nur Stadtteilgeschichte haben. Das kann ein großer Vorteil sein. New York aber hat auch seine Stadtteile. Und da gibt es auch dieses Phänomen, dass viele Menschen in ihrem Kiez bleiben. Sehr lustig übrigens: Aus Deutschland höre ich oft "Brooklyn" mit so einem schwärmerischen Unterton. Brooklyn ist riesengroß. Und da gibt es Gegenden mit Cappuccino-zum-Luxuskinderwagen-Appeal ebenso wie, wie sagt man so schön, soziale Brennpunkte, "too cool for school (and daddy pays for it)"-Stadtteile und Ecken, wo Pferde über die Straße laufen. Und glaub mal ja nicht, da gäbe es viele Grenzübergänge.

Jens Kobler: Auch da war ich noch nicht. :) Dritter Punkt: Die Sprache. Und die Tatsache, dass nicht nur viele, viele Menschen verschiedener Herkunft ihre eigenen Einflüsse permanent hinterlassen haben, sondern auch dass New York permanent mehr verschiedenen Input hat, immer. Braucht also das Ruhrgebiet einen Flughafen, der hier mehr Input an Menschen und Ideen garantiert? ;) (Letztens las ich noch, Berlin müsse seine Intelligenz ja auch permanent importieren.)

Petra Engelke: Ha! Liebes Ruhrgebiet, bitte vergiss doch mal dieses Kirchturmdenken, besonders wenn es um so geringe Entfernungen geht: Du hast doch Düsseldorf, das dir die Malessen mit der Flughafenverwaltung abnimmt. Jetzt mal so zum Vergleich: Ich bin früher von Bochum aus ca. 40 Minuten unterwegs gewesen zum Flughafen. Hier brauche ich über eine Stunde zu JFK. Oder ich fliege von Newark, was - shocking! - nicht nur nicht in New York City liegt, sondern sogar noch in einem anderen Bundesstaat! ;) Also: Das Ruhrgebiet hat einen Flughafen. Auf der Metaebene würde ich sagen: Ideen einfliegen lassen ist aber eine gute Idee. Vielleicht doch mal die Migranten einbeziehen. ;)

Jens Kobler: Vielen Dank für den Chat!

Petra Engelkes Blog "Moment New York": http://ny.p-eng.de
Petra Engelkes Homepage: http://www.p-eng.de

Alle Fotos: Petra Engelke
Großes Foto: Mary Ellen Scherl, "Commando"-Skulptur auf Governors Island


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Sa, 18.12.2010 1

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Kommentare

Kommt das jetzt jede Woche?

Hey Petra, Tach Jens! Ich hab das gestern schon gelesen und gerade noch mal. Das hat echten Flow, das möchte ich öfter lesen. Wunderschön gemacht! Wenn Ihr nicht freiwillig ab sofort eine Wochenschau NYC vs. Ruhr macht, werfe ich Euch jeweils drei Stichworte hin und darüber müsst Ihr dann rappen. Hoot up!

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04.12.2009

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