
Rotes Rauschen im Dortmunder U - Kerstin Ergenzinger präsentiert ihr Medienkunstwerk
NRW-Stipendiatin übersetzt Nicht-Wahrnehmbares in Bewegung
Ein Raum, ein Ding. Eine Maschine, ein Yps-Gimmick, ein Kunstwerk – was ist das? Beim Betreten der Installation „Rotes Rauschen“ der NRW-Medienkunst-Stipendiatin Kerstin Ergenzinger ist erst mal Verwirrung angesagt. Auf der 2. Etage des Dortmunder U präsentiert die Künstlerin ein komplexes Werk, für das auch Medienkunstkenner eine technische Einweisung brauchen.
Neugier ist Voraussetzung, um sich in die Welt dieses zunächst sperrig und kaum sinnlich wirkenden Objekts hineinzubegeben. Die ersten Assoziationen gehen von zusammengeklebtem Dämm-Material bis zu einem verkabelten Flügel eines Riesenraben, bevor man sich mangels Verstehen dem Raum zuwendet, in dem das Objekt hängt.

„Es geht darum, den Raum wahrzunehmen, auch die Teile, die wir nicht wahrnehmen können“, meint die Künstlerin. Mit „Raum“ meint Frau Ergenzinger dabei nicht nur den unmittelbaren Raum, in dem ihr Werk hängt, sondern das ganze Dortmunder U und auch den Boden, auf dem es steht. Wie Kerstin Ergenzinger ihre Kunst und die sehr spezielle Mischung aus Technik und Kunst erklärt, verriet sie in einem Interview mit 2010LAB.
Dieses im Rahmen des NRW Medienkunst Stipendium entstandene und nun zum ersten Mal präsentierte Objekt aus Kunststoff hängt an feinen Drahtseilen. Die Drahtseile gehen über in feine Kabel, die Nerven-gleich in den verschiedenen Schichten des auch an einen schwarzen Muskel erinnernden „Ding“ enden. Ohne erkennbare Ursache bewegt sich der schwarze Muskel, spannt sich an, erschlafft, richtet sich auf, senkt sich ab und verharrt wieder in Stille.
Die Musik ist aus, und immer noch da (Die Fantastischen Vier, "Tag am Meer")
Das geschieht nicht durch Zufall, sondern induziert durch das so genannte „Rote Rauschen“, das dem Werk auch seinen Namen gibt. Einfach gesagt ist das "Rote Rauschen" ein 1/f²-Rauschen und bezeichnet das Rauschen mit einem Amplitudenverlauf umgekehrt proportional zum Quadrat der Frequenz (~ 1/f²). Die Rauschleistungsdichte sinkt dabei um 6 dB je Oktave. Alles klar?
Was Frau Ergenzinger auf diese Weise räumlich sichtbar macht, sind die Bewegungen des Raums, des Gebäudes und des Untergrunds, der eben nicht statisch und stumm einfach da steht oder liegt, sondern permanent in Schwingung gerät. Hervorgerufen durch Bewegungen von Besuchern im Gebäude, ein Fahrzeug in der Nähe oder auch ein weit entferntes Ereignis. Um die Schwingungen aufzunehmen und in ihrem schwarzen Muskel sichtbar zu machen, hat Frau Ergenzinger in dem Raum ein Pendel in die Horizontale gebracht und setzt die so gewonnen Informationen in Bewegungen um. Das schwebende Objekt gleicht die aufgezeichneten Bewegungen aus, senkt und hebt sich also vergleichbar einem Seiltänzer, der seine Stange beziehungsweise seine Muskeln benutzt, um das Gleichgewicht zu halten.
Verstehen oder geschehen lassen
Man muss das alles gar nicht verstehen oder wissen. „Wenn der Besucher in eine Art Konzentration auf den Raum und die Bewegung versetzt wird, fände ich das schon sehr schön“, sagte Frau Ergenzinger bei der gestrigen Präsentation.
Einige der Besucher nahmen dann auch sehr eng Kontakt mit ihrem Objekt auf, steckten die Köpfe hinein oder versuchten durch Trampeln rotes Rauschen zu erzeugen und das Objekt zu einer Reaktion zu nötigen. Die blieb aber aus. Zunächst. „Welche Wellen aufgenommen und dann in Bewegung umgesetzt werden, erfährt man erst später. Die Reaktion kommt nämlich verzögert,“ erklärte die Künstlerin.
Nach 25 Minuten Beobachtung stellt sich tatsächlich eine gespannte Erwartung ein, wann und wie das Objekt sich bewegt und was wohl die Ursache für diese Bewegung gewesen sein könnte. Es folgt die (erneute) Erkenntnis, dass fern unseres menschlichen Wahrnehmungsapparates Dinge existieren, die wir nicht sehen, hören oder irgendwie erkennen können – und manchmal nicht mal erklären. Grund genug, an Gott zu glauben. Oder eben an die Kunst.
Das Werk „Rotes Rauschen“ kann noch bis zum 19.2. in der 2. Etage des Dortmunder U besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.
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