Rock im Park – Das etwas andere Festival (Teil 2)

‚Rock am Ring‘ ist nicht gleich ‚Rock im Park‘. In Nürnberg ticken die Uhren anders. Es spielen dieselben Bands, aber es herrscht eine andere Atmosphäre: Deutlich entspannter und weniger stressig. Selbst Lagerkoller kommt nicht auf, wenn Franken feiern.

Saturday Night’s Alright For Fighting?

Ein Festival, das bereits am Donnerstag beginnt, eskaliert erfahrungsgemäß am dritten Tag. Der Lagerkoller kommt, Alkoholmissbrauch und Schlafmangel haben ihn eingeladen. Nicht so an diesem Wochenende. Ob es damit zu tun hat, dass sich die Veranstalter aufgrund des Jubiläums besondere Mühe gegeben haben? Zwar fand schon 1994 parallel zu ‚Rock am Ring‘ ein Open Air-Konzert in Bayern statt, damals aber noch in München und unter anderem Namen: ‚Rock in Riem‘ war auch die letzte Großveranstaltung auf dem alten Flughafengelände draußen in Riem, das danach Zug um Zug erneuert wurde und heute Messegelände ist. 1995 zog man deshalb in das Olympiastadion, daher auch der Namenswechsel zu ‚Rock im (Olympia)Park‘. Aber die Stadt München zeigte sich alles andere als liberal, harmlose Kiffer wurden verhaftet, der Veranstalter mit Strafen belegt. So verlegte man das Festival 1997 nach Franken. Hier scheint man sich wohl zu fühlen. Erfahrung macht klug. Die Ordner sind gut vorbereitet, kennen sich sogar auf dem Gelände aus, halten Tore auf, sind gut gelaunt – fast alles so wie in Skandinavien oder Benelux. Kein mürrischer Ton, keine Beleidigungen. Man muss aber auch sagen: Sie werden vom Publikum nicht provoziert.

Hällo, Deutschländ!

Der dritte Festivaltag spannt den Rockfan auf die Folter: Zwischen Ex-Guns N’Roses-Gitarrist Slash und den Headlinern Kiss spielen die Rapper Cypress Hill und Jay-Z. Welten prallen aufeinander. Aber auch das funktioniert. Die Zuschauer wechseln friedlich ihre Plätze. Die australischen AC/DC-Kopisten Airbourne sorgen für das erste Highlight: Sänger Joel O’Keeffe klettert die Verstärkertürme hinauf und spielt weiter Gitarre. Das wollen die Leute sehen. Szenenapplaus. Dann erscheint ein Zylinder auf der Bühne, und eine Zeitreise beginnt. Slash, seit einigen Jahren schon nicht mehr bei Guns N’Roses, hat ein neues Soloalbum auf dem Markt. Es sind aber die alten Hits wie „Nightrain“, „Civil War“, „Sweet Child O‘ Mine“ und vor allem „Paradise City“, bei denen die Menge tobt. Sänger Myles Kennedy (Alter Bridge) lässt Axl Rose beinah vergessen, trifft sogar die höchsten Töne. Glamour-Alarm dann später, als US-Rapper Jay-Z mit Ehefrau Beyonce Knowles auf dem Gelände eintrifft. Der Backstage-Bereich wird zum Hochsicherheitstrakt. Alles halb so schlimm, Beyonce ist nicht Mariah Carey, sondern echt nett. Gene Simmons von Kiss auch. Diesmal nimmt er nicht 10 Dollar für ein Autogramm, sondern lässt sich sogar mit 10-Jährigen fotografieren. Umsonst. Die Kiss-Show ist genauso wie die in Oberhausen am 1.6.: Durchgestylt, berechenbar, mit zu vielen Soloparts. Trotzdem feiert der ganze Platz Hits wie „I Was Made For Lovin‘ You“ oder „Rock And Roll All Night“. Auch hier, wie bei Rammstein am Abend zuvor, ein komisches Gefühl, die SS-Runen im Schriftzug der Band auf diesem Gelände zu sehen. Und den in Haifa geborenen Gene Simmons (ursprünglich: Chaim Witz, später Eugene Klein) Ansagen auf Deutsch machen zu hören.

Wind Of Change

Sonntag, der letzte Tag. Der Enthusiasmus lässt spürbar nach, die Sonnenstrahlung nicht. Von Hellyeah, einer texanischen Metal-Band aus Mitgliedern von Pantera und Mudvayne, kommt die Ansage des Festivals: „We’re a bunch of drunks and alcoholics!“. Das kommt besonders gut bei den Trägern der schwarzen T-Shirts an, denn die Alternastage steht heute im Zeichen der Gitarre: As I Lay Dying und Lamb Of God lärmen und grunzen, dass die Mitarbeiter des nahegelegenen Stands der ‚Rock Antenne‘ verzweifeln („Werden da Kinder geschlachtet?“). Stone Sour, die andere Band des Slipknot-Sängers Corey Taylor, spielen sogar drei Songs des neuen Albums „Audio Secrecy“, das im September erscheint. Die Menge frisst dem kurzhaarigen, tätowierten 37-Jährigen aus der Hand. Denn auch der Mann aus Des Moines/Iowa spricht einige Brocken Deutsch, erinnert aber nicht an seinen eine Woche zuvor verstorbenen Slipknot-Bassisten Paul Gray. Im Interview mit dem Autoren eine Stunde vor dem Auftritt sagt er nur, dass seine Priorität zurzeit bei Stone Sour liegt. Die sind zwar auch hart, aber wesentlich melodischer als Slipknot. Die Ballade „Through The Glass“ singen alle mit. Währenddessen wird auf der Hauptbühne bei Gossip getanzt, bei Jared Letos Band 30 Seconds To Mars geschmachtet und bei Muse gesungen und Ausdruck getanzt. Bevor der große Wind kommt, feiern die Grunge-Überlebenden Alice In Chains auf der Nebenbühne ihr Comeback mit alten Hits und einer neuen Platte, begeistern Volbeat aus Skandinavien mit ihrem „Elvis-Metal“, während die Thrash Metal-Veteranen Slayer danach so viel Gas geben, dass das Konzert in Bochum am 8.6. ausfällt. Was zu erwarten war: Frontmann Tom Araya gibt schon in Nürnberg keine Interviews, „wegen der Stimme“. Lemmy und Motörhead („Ace Of Spades“) beenden das Festival auf der einen, Alkaline Trio auf der anderen Bühne. Ein entspannter Sonntag, ein würdiger Abschluss. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Open Air-Festivals nicht ausschließlich wetterabhängig sind, sondern mit dem Esprit der Veranstalter respektive der Ordnungskräfte zum Erfolg werden oder eben nicht. Das 15-jährige Jubiläum von ‚Rock im Park‘ war ein Erfolg. Wiedersehen macht Freude.

Fotos: Reiner Pfisterer

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Sa, 12.06.2010 0

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17.02.2010

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