Denis Bartelt, Boris Janek, Guido Sandler, Lothar Lochmaier © C. Müller-Girod

re:publica 2012: Wird der Kunde endlich König? (1)

TwINTERviews zur Co:Funding während der Berliner Leitmesse für digitale Technologie und Politik

Die Leitmesse für digitale Technologie, Kommunikation und Politik re:publica 2012 ging gerade im ehemaligen legendären Postahnhof, der STATION in Berlin Kreuzberg zu Ende. Anlässlich der Subkonferenz Co:Funding organisierte LABKULTUR.TV ein Twinterview (Interview per Twitter) mit eingeladenen Sprechern. Daraus zitieren wir ausgewählte Experteninterviews.

Wie sieht das Crowdfunding der Zukunft aus und was ist Crowdinvest? Passen Micropayment und tagesaktueller Journalismus zusammen? Alle diese Modelle des Crowdsourcings bergen eine enorme Chance sowohl für die Zeitungen und Verlage wie auch für die Banken selbst. Wenn es diese Institutionen durch ihre Öffnung zum Social Web endlich schaffen, die Leser und Kunden auf einer Peer to Peer Ebene einzubinden, können wir in Zukunft von einem ganz anderen Verhältnis zwischen Produzenten, Geldgeber und Finanziers träumen. Das Internet und die digitale Kommunikationstechnologie haben heute schon das Zeugs dazu, aus Lesern und Kleininvestoren emanzipierte und mündige Teilhaber werden zu lassen. Spannend bleibt, ob sich Zeitungen und Verlage einerseits und Banken andererseits darauf wirklich einlassen und in Zukunft tatsächlich auf ihre Kunden hören, weil sie sie in Gestaltungsprozesse einbinden.

 

TwINTERview mit Matthias Urbach, Online Chef der taz: @urbach

 

Sie sind ein Urgestein bei der taz im Onlinebereich. Wie kamen Sie dazu bei der taz die Internetredaktion mit aufzubauen?

Meine Chefredaktion hat mich nach zwei Jahren Elternzeit zurückgeholt, mit dem Angebot taz.de aufzubauen. Sie suchten, wie sie sagten, jemanden mit journalistischem Gespür, technischem Know-how – und vor allem Durchsetzungsvermögen.

Bezahlschranke oder komplett umsonst – die taz wählt die Alternative des „taz zahl ich“, der freiwilligen Spende für guten Journalismus.  Das ist ja eher das Flattr-Modell als Crowdfunding, oder? Funktioniert das für den Verlag?

Es ist umgekehrt: Wir machen eigentlich Crowdfunding. In 20 Jahren haben wir 11.800 Menschen dazu gebracht, als Genossen in die taz zu investieren. Inzwischen sind das 11 Mio. Euro. Diese Idee übertragen wir nun auf taz.de. Mit taz-zahl-ich fordern wir die Onliner auf, ebenfalls guten Journalismus zu unterstützen.

Ist Crowdfunding der dritte Weg für einen guten Journalismus?

Crowdfunding setzt auf die Idee der Solidarität für eine gute Idee.Wer etwas übrig hat, der gibt, damit alle etwas davon haben. Das kann man schon einen dritten Weg nennen.

Könnten Sie sich als Journalist allein vom Crowdfunding finanzieren?

Es wird sicher Leute geben, die das können. Ich würde aber in den Zeiten des Medienbruchs nicht allein auf ein Pferd setzen.

Welche Pläne gibt’s bei der taz für die Zukunft, auf was für Projekte kann man sich freuen?

Wir arbeiten derzeit an einem Relaunch, wo es unter anderem um eine bessere Einbindung unserer Userinnen und User geht. Wir feilen an unseren erfolgreichen Formaten wie berlinfolgen oder dem Live-Ticker. Und dann haben wir auch noch das ein oder andere Projekt in Planung, worüber ich aber noch nicht reden kann.

 

TwINTERview mit Lothar Lochmaier, freier Fach- und Wirtschaftsjournalist und Betreiber des Blogs Social Banking 2.0: @lotharlochmaier

 

Sie sind Journalist, beschäftigen sich mit Wirtschaftsthemen. Könnten Sie als Journalist sich vorstellen, vom Crowdfunding zu leben oder vielleicht Ihr nächstes Buch damit zu finanzieren?

Crowdfunding sehe ich als sinnvolle Ergänzung, nicht als vollständigen Ersatz für unternehmerisches Handeln, um als Journalist damit Geld zu verdienen. Mein nächstes Buch würde ich wahrscheinlich wieder in Eigenregie schreiben und finanzieren. Aber bei einem kollaborativen Projekt mit anderen Autoren kann es sehr sinnvoll sein.

In „Bank 2.0“ führen Sie 10 Killerapps auf, die die Banken in Zukunft benötigen werden – welche drei sind davon besonders wichtig?

Erstens: Social Media stellt das bisherige Machtgefüge in Frage, gibt dem Kunden mehr Möglichkeiten, schlechte Produkte und Berater zu demaskieren. Zweitens: Es braucht neue Alternativen, das professionelle Crowdfunding ist definitiv eine herausragende Option unter den 10 kreativen Killerapps. Und generell stellt die dritte "informelle Finanzapp" von Seiten des mündigen Kleingedruckten jenes neue Geschäftsmodell dar, das in der Lage ist, das überkommene Provisonsmodell durch neue Alternativen zu beleben oder gar zu ersetzen.

Von Ihnen stammt der Satz, dass das mündige Kleingedruckte die AGBs der Bank verändert. Werden Banken in Zukunft mehr auf den Dialog im Netz achten müssen, anstatt starre Regeln vorzugeben, an die man sich zu halten hat?

Sofern die Banken den offenen Dialog mit dem Kunden nicht nur vordergründig in Gang setzen, sondern ernsthaft pflegen. Insofern gilt die starre Regel in umgekehrter Reihenfolge: Schweigen ist nur mehr Silber, über die Vor- und Nachteile bei der Geldanlage stattdessen offen reden, wäre dann Gold wert.

Wenn eine Bank einen Twitter- und Facebook-Account hat, genügt das schon, um sie als Social Bank zu deklarieren?

Definitiv nein, das wäre nur eine billige Marketingkulisse, die früher oder später als Trojanisches Pferd enttarnt wird. Lippenbekenntnisse reichen nicht aus. Aufgeklärte Kunden wünschen sich einen ernsthaften Dialog, zu dem die Bankenbranche bislang nur bedingt bereit erscheint. Das begünstigt aber auch neue Alternativen.

Nur wenige Banken nutzen die Möglichkeiten und Chancen Sozialer Netzwerke, woran liegt das?

Die meisten Banken fürchten Social Media wie der Teufel das Weihwasser, das diesen freilich von seinem bisherigen Sündenfall heilen kann. Dazu muss die Branche wie Adam aber in den sauren Apfel reinbeißen. Anders ausgedrückt: Wer die Produkte nicht ändern will, der lässt auch die Chancen sozialer Netzwerke achtlos am Wegesrand liegen.

Datensicherheit spielt eine große Rolle in Ihrem Buch „Schattenbanken“ - welche Gefahren sehen Sie für die Social Banks der Zukunft?

Mir kommt es nicht so sehr auf Datensicherheit an. Sie nimmt vielmehr eine Art Symbolcharakter ein. Was ich in dem Roman "Schattenbanken" vielmehr zeige, ist dass die alte Festungsmentalität in der Finanzbranche in Form einer "geistigen Firewall" ausgedient hat.

Kurzum, es sind nicht nur "böse Hacker", die von außen in das Netzwerk eindringen, auch das Neue und Bessere, das sich möglicherweise dahinter verbirgt, wird von den Etablierten in den selben kriminellen Topf geworfen, um hernach mit Scheinargumenten den Wandel zu blockieren: Wir können uns doch gar nicht für den Dialog öffnen, weil dann durch die aktive Beteiligung der Nutzer dem Chaos Tür und Tor geöffnet wird. Für diese Zusammenhänge jenseits von Schwarz und Weiß-Kontrasten möchte ich die Leser sensibilisieren.

                                                                     Twinterviews: Christoph Müller-Girod @schwarzesgold

Mo, 07.05.2012 0

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27.05.2011

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