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Re:publica 2012: No Fear – Act!On (1)

Wie die Möglichkeiten der digitalen Revolution uns gut tun können – eine Polemik

Die 6. Ausgabe der re:publica zog zum ersten Mal in die STATION ein. Der Bahnhof war früher die Berliner Verbindung nach Dresden und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zum legendären Postbahnhof, der West-Berlin mit Briefen und Paketen aus der BRD und dem Westen versorgte und vice versa. Der berühmte Umschlagplatz des kalten Krieges wurde vom 02. bis 04. Mai 2012 zu einem exzellenten Austauschplatz des digitalen Schlachtfeldes. Hier versammelte sich die internationale digitale Avantgarde, ihre Theoretiker und Aktionisten. Passenderweise stand alles unter dem Motto ACT!ON. Es gab viel Hochkarätiges zu hören und sehen, und es galt in grandiosem Ambiente zu netzwerken.

 

Re-invent Anonymous: Ist Anarchie demokratisch?

Überwachungsmedien sind die Wiege der meisten digitalen Künste. Mit der Kommerzialisierung dieser häufig auch im militärischen Umfeld verwandten Techniken und Methoden wurde sehr vielen Menschen der Zugang zu nutzerfreundlichen digitalen Werkzeugen möglich. Damit machen viele Menschen Kunst. Andere nutzen die gewaltige Technologie in Verbund mit dem (ja auch einst für das Militär designten) Internet längst, um wiederum gegen den Grund ihres Ursprungs vorzugehen. Sie wollen ihre Mündigkeit und Freiheit als Bürger und Konsument zurück, sie wollen nicht länger überall beobachtet und bewertet werden. Anonymous macht so etwas. Anonymous ist mächtiger, als es die Staaten der Welt wahr haben wollen.

 

Rejection of Secrecy

Laut Frank Rieger, einem der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), hat das Bündnis aber jüngst einen Fehler begangen. Anonymous hat sich sogenannter Infotrader bemächtigt. Und seitdem hat man das FBI im Hause. Anons wurden auf einmal fest genommen und kamen und kommen vor Gericht. Rieger glaubt daran, dass es das Netzwerk mit einer neuen Inkarnation schaffen würde, die unerwünschten Gäste samt Nebenwirkungen wieder los zu werden. Wenn das stimmt, beweist das einmal mehr die enorme, fast ungebrochene Macht dieses Netzwerks. Jacob Appelbaum, Entwickler beim Tor Project, macht die brisante Dimension des Anliegens klar und deutlich: „Jeder kann eine Anonymous-Aktion machen.” Braucht Anonymous viel mehr Jedermänner zur neuen Unabhängigkeit und herrscht längst eine Art Bürgerkrieg im Netz? Frank Rieger weiß zu versichern: „Wir sind Hacker, wir machen konstruktive Sachen.“

 

Open Data in der Praxis Transparency international

Während hierzulande noch viel über Open Data geredet und Angst geschürt wird vor Hackern, die nur Böses wollen, zeigte Zuzana Wienk aus der Slowakei, wie effektiv Open Data als Tool gegen Korruption mit öffentlichen Geldern eingesetzt werden kann. Ihre Organisation Datanest Aliancie Fair-Play hat von den Behörden immer wieder Daten über Fördermittelanträge, geleistete Zahlungen und Verwendungsnachweise eingefordert, digital überprüft, ver- und abgeglichen und online für jedermann publik gemacht. In der Slowakei führt das regelmäßig zu einer bürgerlichen Kontrolle der öffentlichen Gelder und es konnten erstaunliche Fälle von Korruption und Geldwäsche aufgedeckt werden, die die Regierungen verschwiegen hätten. So fuhren z. B. in zwei weit voneinander entfernt gelegenen Kommunen scheinbar haargenau dieselben Schneeräumfahrzeuge. Ein digitales Update, ein (im Grunde simpler) Vergleich der Nummernschilder, die in beiden verschiedenen Kommunen allerdings die gleichen waren, brachte zu Tage, dass das eingesetzte Serviceunternehmen jedes Fahrzeug doppelt abrechnete. Mit offen gelegten Belegen und Beweisen konnte man sogar veruntreute EU-Gelder belegen, die die EU dazu zwangen, sich von einem slowakischen Profiteur, der die Ausschreibung gewann, zu verabschieden und projektierte Zahlungen einzustellen. Zuzana Wienks Büro wurde schon häufiger des Nachts unerlaubt besucht und es hagelt häufig Hassreden auf ihre Organisation, denn sie weiß: „Open Data ist für Korruption das, was das Rechnungswesen für Al Capone bedeutete.“ Und gegen Vetternwirtschaft hilft auch digitale Kontrolle, denn „Open Data kann Dich von Quellen befreien.“

 

Digitale Aufklärung tut Not

Dass das in der BRD auch ein Thema ist, zeigt die Digitale Gesellschaft, die für Kommunen das Programm www.opendata-kommunen.de aufgelegt hat. Anstatt sich mit sogenannten Experten um die profitablen Aufträge über die digitale Verwaltung der Daten zu streiten, sollten sich die Kommunen einmal auf der Plattform umsehen. Es herrscht ein enormer Nachholbedarf, weil die digitale Revolution seit langem äußerst unterschätzt wurde. Jetzt wollen auf einmal alle schnell mit und das könnte sehr teuer und gefährlich werden, weil an entscheidenden Stellen Experten fehlen.

 

Hacker für die Gesellschaft

Komisch ist auch, dass hierzulande ein ziemlich harscher Wind gegen Open Data weht, obwohl die Regierung selber auf Vorratsdatenspeicherung setzt. Aber Hand aufs Herz, welcher Politiker hat davon wirklich Ahnung?

Das sind tatsächlich nur wenige Experten und dafür hat die Digitale Gesellschaft ein geniales Rezept erfunden. Sie sucht für jeden der 620 Bundestagsabgeordneten einen Paten, der ihm das neue digitale System erklärt. Jeder Bürger mit digitaler Ahnung und Wissen kann so eine Patenschaft übernehmen. Das könnte die tatsächliche Durchsichtigkeit bringen, die die repräsentativen Mandatsträger im Bundestag dringend benötigen, um emanzipiert über die sehr wichtigen Angelegenheiten wie die Vorratsdatenspeicherung, SOPA, ACTA und PIPA abstimmen zu können. Es ist keineswegs bloßes Pathos, hier von historischen Momenten zu reden, die über die Zukunft eines freien Internets entscheiden werden. Extrem übel stößt dabei immer wieder die Idee einer nationalen Verordnung über das World Wide Web auf. Das sollte eigentlich schon jeder normal tickende Mensch kapieren, dass die nationalstaatliche Verfasstheit hier ein seltsam überkommenes Modell ist, das gar keinen Lösungsansatz für ein internationales, weltweites Phänomen bieten kann.

 

Übrigens fiel traditionsgemäß auch auf dieser re:publica das WLAN wegen Überlastung zumeist aus und man nutzte die gute alte 2G Leitung via Smartphone. Da passte es sehr ins Bild, dass die digitale Konferenz eine analoge, selbst tapezierte Twitterwall bot, die hier über die Top Tweet Fotos nochmals zu ihrer einzigartigen Geltung kommt.

 

Fotos: © Boris Alexander Knop

 

 

Di, 08.05.2012 0

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