Jussi Parikka (c) Alick Cotterill / WSA

ReINTERview Transmediale 2012

Interview mit dem finnischen Medienarchäologen Jussi Parikka

Auf dem Transmediale Festival 2012  hielt der finnische Medienarchäeologe Jussi Parikka eine außergewöhnliche Vorlesung über Uncorporated Subversion live unterstützt durch interaktive Netzkunst von Jon Satrom, Michael Dieter and Julio d´Escriván. Parikkas Werk wird in ganz Europa (z. B. the Guardian), Asien und Amerika publiziert. Er ist Autor von Digital Contagions: A Media Archaeology of Computer Viruses (2007) und Insect Media: An Archaeology of Animals and Technology (2010). Sein neuestes Buch What is Media Archaeology? steht kurz vor der Veröffentlichung.

 

 

Herr Parikka, warum schätzen Sie Thomas Pynchon so sehr?

Nun, Pynchon ist einer dieser großartigen Autoren, die eine Art "Theorie-Fiktion" schreiben - er ist in der Lage, die Verbindungen der Technologie mit der Politik des 20. Jahrhunderts zur Sprache zu bringen; Ingenieurskunst hinsichtlich einer Traum-Welt von Fantasien, Wünschen und mehr. Man denke nur mal an die paranoiden Welten von Gravity’s Rainbow! Seine subtile Art und Weise zu untersuchen, wie Wissenschaft unser tägliches Leben durchdringt,  ist selbst wie ein medientheoretischer, ein medienarchäologischer Trip. Das ist der Grund, warum es schon vor geraumer Zeit von einer Reihe von Medientheoretikern aufgegriffen wurde, nicht zuletzt von dem vor Kurzem verstorbenen Friedrich A. Kittler! […]

 

Jon Satrom and Jussi Parikka at Transmediale (c) Boris A. Knop
Jon Satrom, Jussi Parikka auf der Transmediale © Boris Knop

Wie kann die Transmediale einen Wandel in der Gesellschaft beeinflussen?

Derartige interdisziplinäre Festivals und Konferenzen nehmen eine gute Stellung ein, wenn es darum geht, die Geschehnisse an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Technologie auszudrücken. […] Die Idee des Medientheoretikers Marshall McLuhan von Künstlern als Frühwarnsystem vor dem "was kommt" an sich verändernder Technologie-Kultur ist bereits viel zu bekannt; wir müssen die zelebrierende Vorstellung vom Künstler, dem automatisch eine privilegierte Position zugeschrieben wird, abwenden; insbesondere wenn die ganze Auffassung von "Kreativität" von einem depressiven und recht wenig inspirierenden "Kreativindustrie" Diskurs gekidnappt wurde.

[…], das Konferenzthema beschäftigt sich mit Politik der Informationskultur, Glitches und  nicht einfach mit glatten Fantasien von Digitaltechnologie, wie wir sie oft in Marketing-Diskursen finden, sondern mit der "In-/Kompatibilität", die viel genauer beschreibt, was Gegenwartskultur ist: Globaler wirtschaftlicher Zusammenbruch beschleunigt durch die düsteren Praktiken des Finanz-Kapitalismus, der Öko-Krise und der Massen-Ausrottung von Arten und Lebensräumen, allerlei politischer Krisen, aber auch anregende Möglichkeiten vom arabischen Frühling bis zur Occupy-Bewegung. Die Transmediale ist locker eine der international führenden Veranstaltungen in diesem kritischen Gebiet. 

 

Ist Medien-Archäologie das aktuellste Mittel für eine probate Analyse der heutigen komplexen, miteinander verwobenen Gesellschaft?

Für eine Reihe von Theoretikern und Künstlern hat sich dieser Begriff in der Tat als nützlich erwiesen. […] Er zielt auf eine Gegenwart ab, die kontinuierlich von der Zukunft angezogen wird, jedoch auf ihrem Weg durch die Vergangenheit geleitet wird - es ist ein gutes Werkzeug, um den Mythos vom Fortschritt zu hinterfragen und um Ideen zu entwickeln, wie man mit interdisziplinären Praktiken an den Grenzen von Kunst, Sozialwissenschaften und Ingenieurswesen interagieren kann. In meinem bald erscheinenden Buch What is Media Archaeology? versuche ich Medienarchäologie als Beispiel für eine humanitäre Disziplin des 21. Jahrhunderts zu erläutern.

 

Wird Technologie die Herrschaft der Menschen über die Erde ergreifen?

Auditorium Screen at Transmediale (c) Boris A. Knop
Screen im Auditorium der Transmediale © Boris A. Knop
[…] Technologie ist vollständig mit den menschlichen Wünschen, Auffassungen, mit der Politik und mit Ideen vernetzt, selbst wenn man sie nicht auf menschliche Absichten reduzieren kann. Technologie tut nur nicht immer (jemals?) das, was wir möchten, das sie tut. Viel genauer wird sie durch eine lange Geschichte von Fehlern und Unfällen beschrieben als mit dem Mythos vom Fortschritt. Wenn es niemals einen Menschen gegeben hätte, der kein technologischer, Werkzeug-nutzender Mensch gewesen war – wie eine Bandbreite anthropologischer Studien gezeigt hat - dann kann unsere Zukunft nicht außerhalb dieser Vergangenheit erdacht werden. Über was wir jedoch mehr nachdenken sollten, sind die ökologischen Konsequenzen unserer modernen Medien-Technologie - die gefährlichen Materialien, Komponenten, Energieverbrauch und so weiter. […]

 

Sind Sie der Meinung, dass Deluze/Guattari die führenden Denker des 20. Jahrhunderts sind?

[…] Meiner Meinung nach wurden Deleuze und Guattari immer in Verbindung mit und in Relation zu Denkern wie Michel Foucault und der sogenannten deutschen Medien-Theorie gelesen - Kittler und andere Denker, die wirklich in der Lage waren, Methodik und Ideen zu offerieren, wie man Technologie und Medien-Archäologie anders begegnen kann. Sie haben eine andere Art und Weise bereit gestellt, wie wir Materialität denken.

 

 

Jussi Parikka ist Doktor der Kulturgeschichte (Universität Turku). Bis Mai 2011 war Parikka Direktor des CoDE (Cultures of the Digital Econonomy) Forschungsinstituts an der Anglia Ruskin Universität Cambridge. Zur Zeit ist er außerordentlicher Professor für Medien & Design an der Winchester School of Art (Universität Southampton)  und außerplanmäßiger Professor für digitale Kulturtheorie an der Universität Turku.

 

LABKULTUR.TV ist Medienpartner der Transmediale.

Di, 20.03.2012 0

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08.03.2010

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