
Kleinstatthelden-Regisseur Marc Schaumburg: „Es ist nichts Schlimmes daran unterhalten zu werden!“
Er studierte in Adelaide, drehte in Los Angeles und kehrt mit seinem Debütfilm Kleinstatthelden nun in die provinzielle Enge von Lüdenscheid zurück. Marc Schaumburg sprach vor der Premiere im Essener Lichtburg-Kino über Loser, Filme aus Deutschland und realistisches Fluchen.
Der rote Teppich vor dem Essener Traditionskino Lichtburg ist schon ausgerollt, neugierige Menschen stehen an den Absperrgittern. Der Filmstab um Produzent Felix Kersting und Regisseur Marc Schaumburg trifft sich nur wenige hundert Meter entfernt in der Bar des Essener Hofs. Alle sind aufgeregt, für die meisten ist es die erste große Kinopremiere. Für seinen Debütfilm Kleinstatthelden, in dem der Protagonist und erfolgloser Musiker Janosch in seine Heimatstadt Lüdenscheid zurückkehrt, besetzten Kersting und Schaumburg überwiegend bislang wenig bekannte Jungschauspieler.
Der 33jährige Regisseur feiert auch selbst sein Spielfimdebüt, obwohl er bereits vor einigen Jahren schon Filme in den USA gedreht hat.
Marc, die Hauptfigur in Kleinstatthelden kehrt nach einigen Jahren des erfolglosen Versuchs eine Musikerkarriere zu starten in das miefige Lüdenscheid zurück. Du hast in Adelaide Regie studiert, in Los Angeles gedreht, doch dein Debütspielfilm führt dich nun ebenso zurück in deine Heimatstadt.
Das ganze Losertum ist auch eine Aufarbeitung meiner eigenen Losergeschichte. Und klar, da ist viel Biografisches drin, auch wenn man das natürlich in eine gewisse Form pressen muss. Ich habe selbst durch das Scheitern einen neuen Weg gefunden weiterzumachen, deswegen fand ich es wichtig, dass es eine Geschichte über Loser, über Verlierer ist.
Wenn man sich deine Vita anschaut, die schon sehr international ausgelegt ist, verwundert es, dass dein erster Film dennoch im wahrsten Sinne des Wortes ein „Heimatfilm“ geworden ist. Wie kam es dazu?
Ein Heimatfilm, so habe ich gelesen, mit ausgeprägter Fäkalsprache, was auch stimmt. Die Lüdenscheid-Presse hat mir das übrigens mit den Worten „ja, genauso reden wir“ bestätigt. Wie es dazu gekommen ist? Nun, ich würde sagen es war einfach eine normale Entwicklung. Den Film davor habe ich in Los Angeles gedreht, und der befindet sich momentan in der Postproduktion, was sehr frustrierend sein kann, wenn man so lange warten muss.
Etwas Kleines hatte durchaus seinen Reiz. Ich mag die ganz frühe italienische Schule sehr, Vittorio De Sica ist einer meiner Lieblingsregisseure, und der hat einen Film gemacht, bei dem es einfach nur um Fahrraddiebstahl geht. Es muss nicht immer episch sein, um gut zu sein, und das war einfach mein Versuch das auszuloten. Mit den Möglichkeiten, die wir zur Verfügung hatten...
Du hast also den Neorealismus nach Lüdenscheid gebracht...
Ein bisschen viel Realismus, für manche Herzen, aber nichts anderes wollte ich.

Szene aus Kleinstatthelden
Mit der deutschen Einstellung zu Kunst und Kultur bist du nicht so wirklich glücklich, da scheint es dir oft zu ernst und bieder zuzugehen?
Es wird einfach nicht akzeptiert, wenn man nicht bestimmte Klischees oder ein bestimmtes Rollendenken bedient, was ich sehr schade finde. Ich habe heute noch eine Kritik zum Film gelesen, die sagt, der Film scheitere wie seine Protagonisten und es entstehe Fremdscham. Ja, aber genau das ist was ich wollte! Dieser Fremdscham ist das, was nicht toleriert wird. Und das man nicht übers Scheitern spricht, Scheitern nicht thematisiert finde ich auch so schade. Im Fernsehen spricht keiner über die Zweit-, Dritt- oder Viertplazierten bei Deutschland sucht den Superstar. Aber auch bei denen geht das Leben danach weiter.
Hat sich durch deine Auslandsaufenthalte die Sicht auf Kultur verändert?
Ich glaube, der Blick hat sich insgesamt in meiner Generation verändert. Wenn man andere Filme sieht, die haben auch dieses Leichtere, diese Leichtigkeit im Traurigen, wie in Renn, wenn du kannst oder Vincent will Meer. Das ist eine Generation von Filmen die sagt, so jetzt lasst uns mal bitte nicht mehr alles allzu biernernst nehmen. Wir können mal anfangen über uns selbst zu lachen. Aber wir Deutschen neigen eben dazu uns selbst sehr ernst zu nehmen und deswegen haben wir wohl auch ein ganz großes Problem mit Startum. So jemanden wie beispielsweise Brad Pitt haben wir nicht, weil wir danach gieren, siehe DSDS, aber man lässt ihn nicht zu, gerade im Film. Das finde ich schade. Wir sollten mal cool sein und uns auch mal amüsieren. Wir sollten auch einmal Filme machen, die nicht ganz so die pädagogische Schiene fahren.
Das heißt aber auch, dass du aktuell eine Reihe siehst, die in die richtige Richtung geht, mit den von dir erwähnten Beispielen?
Ja, eine wunderschöne Richtung! Ich glaube, dass jetzt die Zeit des Befreiens kommt. Das wird manchmal auch etwas weh tun und wird nicht für alle angenehm sein. Wir sollten uns dabei freuen und akzeptieren, dass die Leute nicht didaktisch unterhalten werden müssen, sondern einfach unterhalten werden. Es ist nichts Schlimmes daran unterhalten zu werden!
Siehst du es dementsprechend als großen Vorteil nicht hier in Deutschland studiert zu haben?
Ich denke es ist immer ein Vorteil seine Bücher am Strand zu lesen und zu studieren (lacht). Ein außergewöhnlich guter Vorteil! Aber auch sonst glaube ich, dass mich die Sicht befreit hat.
Ich musste zwar als Zwischenprüfung Mutter Courage von Brecht aufführen, was ziemlich seltsam war, da es auf Englisch war, aber es war eine sehr gute Erfahrung.
Danach hast du in Los Angeles gearbeitet. Eigentlich ja das Mekka der westlichen Filmemacher. Möchtest du wieder dorthin?
Also drehen, klar, wenn der Film stimmen würde. Leben auf keinen Fall. Ich glaube aber auch, dass es sich von L.A. weg entwickelt. Das ist viel zu oberflächlich und glamourös, aber zum Arbeiten natürlich interessant.
Du hast es am Anfang erwähnt, dich interessiert das Scheitern, dich interessiert der Loser. Ist es nicht ohnehin so, dass der sympathische Loser eine wichtige Hauptfigur in Film und Literatur ist?
Ja, sicher. Der Hauptcharakter sollte relativ sympathisch sein. Verlierer sein, das charakterisiert ja auch ein wenig den Charakter des Nerds, der momentan ziemlich in ist, mit Mark Zuckerberg angefangen.
Wobei Mark Zuckerberg, zumindest oberflächlich betrachtet alles andere als ein Loser ist. Würde es dich nicht auch einmal reizen eine Erfolgsgeschichte zu verfilmen, wie es die von Facebook und The Social Network zumindest zu einem gewissen Grad ja auch ist?
Nein. Obwohl, doch. Dann aber eher soetwas wie der erste Rocky. Eine Erfolgsgeschichte die mich reizt. Weil er am Ende eigentlich auch nur in den Herzen erfolgreich war und nicht Champion geworden ist. Ich mag persönlich eher Geschichten, die danach anfangen. Wie beispielsweise bei The Wrestler. Mich persönlich interessiert mehr das danach als der Weg nach oben, dieser typisch amerikanische Traum. Es gibt diesen deutschen Film, der Schule heißt. Dort gibt es einen Charakter, den ich super fand. Der Ältere, der zu Hause geblieben ist, der immer noch versucht hat an die Schulmädchen ranzukommen. Der hatte gleichzeitig eine super Traurigkeit in sich. Das wäre der interessante Part für mich gewesen, da hätte ich angefangen.
Warum ist es dir eigentlich so wichtig, dass in Kleinstatthelden so explizit geflucht wird?
Haupteinfluss für mich für diesen Film war Kevin Smiths Chasing Amy, vor allem was den Umgang mit der Sprache angeht. Wenn mir jemand die vielen Schimpfwörter vorhält entgegne ich, dass es nun einmal bei Streits so ist, es tut mir weh und ich heule hinterher. Und sage nicht „Buschibär ich bin böse auf dich“, das ist für mich nicht realistisch.
Kleinstatthelden ist seit dem 21. Oktober 2010 in den Kinos zu sehen.
Portraitfoto: Jennifer Fey
weitere Fotos: kleinstatthelden.de, Jens Mayer
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