Refugium im fremden Regelwerk

Von Tamar Noort. Wenn der Mensch kein soziales Wesen wäre, bräuchte er kein Wertesystem. Aber er lebt nun mal nicht allein auf der Welt, und so erarbeitet er sich Regeln, die das Zusammenleben erleichtern sollen. Diese Regeln betreffen unter anderem die Zuordnung von Nähe und Distanz, sie legen fest, welche Grenzen einzuhalten sind in menschlichen Beziehungen. Einem Fremden komme ich nicht zu nah, auf die Bedürfnisse und Wünsche einer Person, die mir lieb ist, nehme ich Rücksicht. Wenn alle sich an diese Regeln halten, entsteht so etwas wie ein gesellschaftliches Gleichgewicht – doch kaum jemals lässt sich diese Balance perfekt halten.

Julien Rouyet spielt in MAID TO OUST die Kettenreaktion durch, die entsteht, wenn dieses Gleichgewicht aufgebrochen wird. Stephanie hat in ihrer Wohnung mit einer Gruppe von Rumhängern zu kämpfen, die ihr Freund angeschleppt hat und die ihr Zuhause nicht mehr verlassen wollen. Sie resigniert – und sucht ihr eigenes Refugium in der Villa ihrer Arbeitgeberin. Das Haus der reichen Anwältin, das Stephanie täglich als Putzfrau sauber hält, ist zwar ein Rückzugsort, aber mehr und mehr eignet Stephanie sich den Ort als ihr eigenes Zuhause an – und übertritt nun ihrerseits alle Regeln des üblichen Zusammenlebens. Wie stark dieses Wertesystem die Gesellschaft bestimmt, wird an der absoluten Hilflosigkeit deutlich, die das jeweilige Opfer an den Tag legt. Wie wehrt man sich gegen ein Verhalten, das bislang als unvorstellbar galt? Für einen solchen Konflikt gibt es keine Regeln – und somit auch keine Lösungsansätze. Wird das starre Regelwerk jedoch aufgebrochen, ist auf einmal Platz für etwas gänzlich Neues da. Wenn sich die festen Konturen des Alltags auflösen, ist plötzlich eine Befreiung von Lebensumständen möglich, die zuvor noch wie in Beton gegossen schienen. Ein Leben ohne diese festen Regeln, so suggeriert Rouyet, bietet die Chance auf eine Neuerfindung des Selbst. Identität ist ein flexibles Gebilde, das sich jederzeit umformen lässt – man muss nur eben selbst den Mut dazu aufbringen.

Für Stephanie aber bleibt der Rollentausch ein Spiel. Sie testet aus, wie weit sie gehen kann. Je tiefer sie eindringt in ein fremdes Leben, desto mehr Regeln bricht sie zwar – doch sie sucht sich keine neue, keine eigene Identität. Sie eignet sich immer mehr einer fremden Identität an. Und begibt sich damit unwillkürlich in das nächste starre Regelwerk.

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Sa, 20.02.2010 0

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29.01.2010

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