Raus aus der Abseitsfalle! Um welchen Preis?

Mit Verwunderung nehme ich zur Kenntnis, dass sowohl der hauseigene Twitter-Dienst, als auch LAB-Autor Philip Stratmann den von mir im Anschluss an die Premiere von Schorsch Kameruns Stück "Abseitsfalle" verfassten Beitrag über den fiktiven Abstieg von Rot-Weiß Oberhausen so interpretieren, dass mir die Aufführung nicht gefallen habe.

Mit Verwunderung deshalb, weil ich zu keinem Zeitpunkt die Absicht verfolgt hatte, eine Kritik zur Aufführung zu verfassen. Damit hätte ich mich nur selbst gelangweilt. Ganz bewusst habe ich den Text nun nachträglich nicht im „Kunst-“, sondern im Ökonomie-Channel platziert. Denn es ging und es geht mir konkret um folgende Frage: „Um welchen Preis…?“

Auf sportlichem Terrain wettert insbesondere die Ultra-Fraktion mit dem prägnanten Slogan „Gegen den modernen Fußball“ gegen die fortschreitende Kommerzialisierung ihrer Leidenschaft. Emotional und ideologisch bin ich da ganz auf Seiten der Fans. Ebenso bin ich in diesem Sinne auch weitestgehend auf Seiten derer, die derzeit die Autonomie der Kunst beschwören. Gegen die Schließung und Vereinnahmung von Kulturstätten und –projekten!

Liebe Leute, kämpft um euren Status, verteidigt ihn mit all eurer Energie! Sehr gerne so sympathisch patzig und sarkastisch wie das Theater Oberhausen und sein Ensemble während des Bustransfers im Rahmen der „Abseitsfalle“-Inszenierung.

Verschließt die Augen vor dem drohenden Untergang und ihr habt trotzdem weiter meine Sympathien. Ich möchte auch keine „offensiv“ gesponserten Veranstaltungen, keine „sichtbaren“ Paten, deren Logos auf den Bannern vor den Schauspielhäusern die Titel der laufenden Stücke überdecken.

Ich möchte aber genauso die Fußballkunst eines Lionel Messi live im frei empfangbaren TV sehen, oder an der Stadion-Kasse eines Bundesliga-Clubs für einen Stehplatz nicht zweistellige Beträge ausgeben müssen. Und damit das so bleibt, nehme ich auf dem Sofa und auf der Tribüne drei Dinge in Kauf: Werbung vor dem Spiel, Werbung in der Pause des Spiels und Werbung nach dem Spiel. Da sind die Werbebanden am Spielfeldrand und der Präsentator des Eckenverhältnisses noch nichtmal mit eingerechnet.

Als Gegenleistung erwarte ich ansehnlichen Sport von Menschen, die diesem ästhetisch gewachsen sind. Sind sie es, üben sie ihre Tätigkeit in der Regel professionell, d.h. gegen eine stattliche Entlohnung aus. Immer den Regel des „freien“ Marktes folgend.

In diesem Sinne nochmal zurück zu meinem ersten „Abseitsfalle“-Kommentar. Subjektiver Fakt ist: Die Laienakteure vom "Team RWO" waren einer Theaterdarstellung nicht gewachsen. Zum Glück! Denn sonst hätte das Stück nicht funktioniert.

Aber – und jetzt komme ich wieder auf meine eingangs gestellte Frage zu sprechen – welcher Preis ist es wert, gezahlt zu werden, um weiter all diejenigen satt zu kriegen, die ihr täglich Brot mit dem Lohn ihrer künstlerischen Arbeit auslösen? Nicht nur den Preis von Eintrittskarten und Steuersätzen, sondern vor allem das eigene Bewusstsein betreffend.

Lionel Messi, der für sein Schaffen jährlich einen zweistelligen Millionenvertrag verdient, zauberte am Mittwochabend 90 Minuten im Camp Nou von Barcelona. Ich durfte ihm dabei mehr oder weniger umsonst im Fernsehen zuschauen. Umrahmt von etlichen Werbespots, die hauptsächlich Autokonzerne geschaltet hatten, deren Wagen ich mir sowieso nicht leisten kann.
Deshalb waren sie mir egal und ich schaute lediglich beim Nikon-Spot einmal vom Spülbecken aus ins Wohnzimmer hinüber, weil mir der darin verwendete Song so gut gefällt.

[Ganz im Gegensatz übrigens zum katastrophalen "Ruhrgebiet"-Jingle des RUHR.2010-Medienpartners Media-Markt, der mich seit kurzem regelmäßig anbrüllt, wenn ich mein (ja, ja kostenloses) Mailpostfach schließe.]

Was ich, auf den Punkt gebracht, aber eigentlich nur sagen will:

Solange sich jeder für sich die Liebe zum Sport, die Liebe zum Theater, die Liebe zur Kunst im Allgemeinen bewahrt, ist das Spiel nicht verloren.

Teaserfoto (Team RWO): Axel J. Scherer

Fr, 19.03.2010 5

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Kommentare

da macht ihr ein fass

da macht ihr ein fass auf...
ich glaube, das entscheidende ist, dass kulturelle projekte zunächst autonom wachsen und sich festigen müssen. dann nämlich haben sie das nötige rückgrat und selbstbewusstsein, um mit eventuellen werbepartnern auf augenhöhe zu verhandeln und ganz klare bedingungen zu formulieren. das wichtigste gut in der kunst wie im sport ist authentizität. das sieht man schon daran, wie empfindlich in den beiden bereichen auf den vorwurf des sellout bzw. dopings reagiert wird...

Das hat doch Geschmäckle

Wer betreibt denn Kunst kommerziell? Vielleicht ist es dann ja zu spät. Dass es ab einem gewissen Kostenrahmen nicht mehr anders geht, ist ja nun keine Frage. Darum gehts auch nicht. Aber nehmen wir das Beispiel der Ausstellung "Werbung über Strom". 2010-Projekt, mit RWE hat sich ein scheinbar passender Förderer gefunden. Der außenstehende Besucher steht vor einem Henne-Ei-Dilemma, weil er nicht weiß, was zuerst war. War (wie in diesem Fall) zuerste eine Ausstellung geplant, die RWE den großzügig unterstützt? Wer das nicht ganz genau weiß, sieht in der Ausstellung im schlimmsten Fall nur noch eine Werbeaktion für Strom getarnt als Kunstausstellung, ohne dass es so sein muss. Wie sagt man so schön: Es hat so ein Geschmäckle ;-)

Willkommen in der Gegenwart

Wie viele Kunst-Ausstellungen, Musik-Konzerte, Kino- und Literatur-Festivals werden bereits jetzt von Big-Playern der Industrie gesponsert? Wie sehe das RUHR.2010-Programm ohne finanzielle und strukturelle Unterstützung der Privatwirtschaft aus?
Lässt sich nicht mit willigen Unternehmen kooperieren, ohne gleich die künstlerische Seele dabei zu verkaufen?
Anstatt vorschnell nach staatlicher Unterstützung zu rufen, sollten Kulturbetreiber lieber Konzepte entwickeln, die ihnen die Möglichkeit lassen, "Stopp" zu rufen, wenn denn wirklich von externer Seite Einfluss auf Inhalte genommen werden kann.
Ist der Betrieb erstmal geschlossen, hilft nämlich nichtmal mehr Pfeifen im Walde.

Wer Kultur kommerziell betreibt, muss auch mit etwaigen ökonomischen Konsequenzen rechnen.

html ist ja nicht so die

html ist ja nicht so die große stärke von dem kommentarbereich.
dieses hier http://www.hamburgergalerie.de/slides/Andy_Warhol_-_Campbells_Soup.jpg

beim fußball mag man das

beim fußball mag man das vielleicht ja noch verschmerzen, aber stell dir mal vor, andy warhol wäre von einem großen suppenhersteller unterstützt worden. wie würde man dann dieses hier bewerten... (muss man nicht drauf klicken, jeder weiß, was da kommt)

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05.01.2010

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