Raus aus dem Schatten

Von Tamar Baumgarten-Noort. Es ist Frühling, aber die Temperaturen steigen dennoch kaum über den Gefrierpunkt. Der tiefe Schnee verhindert jeden schnellen Schritt, Schneemobile jagen den Hang hinunter in Richtung Stadt. So kalt und unwirtlich es sein mag in Kautokeino, 450 Kilometer nördlich des Polarkreises – einer lebendigen Kinokultur tut das keinen Abbruch. In Kautokeino befindet sich das bislang einzige Eiskino der Welt. Ein Amphitheater aus Schnee, Sitzplätze, die mit Rentierfellen ausgelegt sind, sogar die Leinwand besteht aus Eis. Und unter dem arktischen Nachthimmel finden etliche Schneemobile Platz: die Lichtspielstätte ist obendrein noch ein Drive-in-Kino.

Einzigartige Kinolandschaft

Norwegen verfügt über eine einzigartige Kinolandschaft: 72,6 Prozent des Marktes entfällt auf Kinos, die in kommunaler Hand sind. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen die Multiplexe mit amerikanischen Blockbustern den höchstmöglichen Umsatz erzielen wollen, besteht hier also die Chance, das heimische Kino explizit zu fördern. Das passiert tatsächlich auch: Spätestens seit Norwegen 2009 mit MAX MANUS einen hauseigenen Blockbuster vorlegte, der im Land alle bis dahin aufgestellten Besucherrekorde sprengte, wittert die norwegische Filmindustrie das große Geld. Der Film war die bislang teuerste norwegische Produktion und in ganz Skandinavien ein großer Erfolg – in Norwegen allein hat etwa ein Viertel der Bevölkerung sich das Kriegsdrama im Kino angeschaut. Der Film erzählt allerdings zwar eine nationale Geschichte – sie dreht sich um einen norwegischen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg – doch der Film, der als Blockbuster angelegt war und demnach konventionellen Erzählmethoden folgt, eignet sich nicht, ein landestypisches Kino bekannt zu machen; so, wie es Schweden und Dänemark seit Jahren erfolgreich tun. Die Frage ist, ob das norwegische Kino überhaupt eine einprägsame eigene Identität hat, die es zu exportieren lohnt. Während das dänische und das schwedische Kino eigene Ikonen wie Von Trier und Bergman bieten, die stilbildend auf das gesamte europäische Kino gewirkt haben, ist der norwegische Film kaum an Persönlichkeiten gebunden. Liv Ullmann gilt zwar weltweit als Leinwandlegende, doch durch ihre enge Verbindung zu Bergman wird die Norwegerin eher dem schwedischen Kino zugerechnet.

Bislang interessierten sich hauptsächlich Norweger für norwegisches Kino - daraus resultierte eine relativ abgeschottete Filmkultur. Thor Heyerdahl gewann zwar 1951 mit einer Dokumentation über seine „Kon-Tiki“-Expedition den Oscar, doch Skandinavien blieb der wichtigste Markt für den norwegischen Film.

Jüngste Festivalerfolge

Seit einigen Jahren bemüht sich das Norwegische Filminstitut vermehrt um eine Internationalisierung der heimischen Produktionen. Großprojekte wie MAX MANUS, die darauf angelegt sind, ein großes Publikum zu erreichen, sind dabei ein möglicher Weg – doch es zeichnen sich auch Bemühungen ab, die eigene Filmkultur zu fördern und im Ausland bekannter zu machen. Mit der Filmschule in Lillehammer (im ehemaligen Medienzentrum des olympischen Dorfes), zahlreichen Festivals und AMANDA, einem Filmpreis, der in verschiedenen Kategorien für inländische Produktionen vergeben wird, soll das norwegische Kino sein Profil schärfen.

Tatsächlich scheint norwegisches Kino im Ausland sichtbarer zu werden: Der Dokumentarfilm BURMA VJ von Lise Lense gewann international zahlreiche Preise und war 2009 für den Oscar und den Europäischen Filmpreis nominiert, und den zweiten Oscar der norwegischen Geschichte heimste 2006 der animierte Kurzfilm THE DANISH POET von Torill Kove ein. Es wird sich zeigen, ob Norwegen aus dem Schatten seiner skandinavischen Geschwister heraustreten kann.

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Mo, 29.11.2010 0

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29.01.2010

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