Aus der Arbeit zu "La Santa Muerte" © Lia Dansker

radius of art: Interkultur und Intervention (2)

Eine Konferenz zu internationalen Aspekten von Kunst im öffentlichen Raum

„Kreative Politisierung des öffentlichen Raums / Kulturelle Potentiale für soziale Transformation“ hieß es im Untertitel der zweitägigen Konferenz in Berlin. Sie war Teil des Projektes „research-based art // art-based research“ unter Leitung der Heinrich-Böll-Stiftung und der Muthesius Kunsthochschule in Kooperation mit internationalen Kunst-Institutionen. (Hier der erste Teil des Berichtes.)

 

Was sind „gute“ internationale Interventionen?

„Art is not the solution, but still part of the problem“, so sieht es auch Helmut Draxler. Christine M Merkel, sozusagen die personifizierte UNESCO-Deutschland-Delegation dieser Konferenz, findet so auch nur wenig Beifall für ihren Filmclip von „Kinshasa Symphony“: Jemand in Afrika gibt an, afrikanische Rhythmen in der „Ode an die Freude“ gefunden zu haben, und Deutschland schickt gleich etwas Infrastruktur, um das mal zu realisieren und abzufilmen. „Kolonialisierung“ nennt es jemand aus dem Publikum, „De-Kolonialisierung“ nennt es Merkel.

Aber das sind Extreme, spannender wird die Verquickung von Kunst und Politik bei Projekten wie denen von Alia Rayyan und Lia Dansker, und auch hier geht es zum Teil um das Filmgenre. Der „ausgesprochene Wunsch“ im Falle von Rayyan war der eines Palästinensers in einem Flüchtlingscamp, er würde gern die Geschichte seiner Sippe erzählen, filmisch und so dass sie auch gehört wird. Dies hat zum einen zur Folge, dass vielfältige künstlerische Filmwerke aus dem Camp zu sehen sind, aber auch, dass es nun viele palästinensische Filmemacher gibt. Nicht so viele, dass die Geschichte des Camps nun eher die einer weiteren Flucht wäre, nämlich in die Filmwelt, aber doch…

Lia Dansker hingegen hat zwar auch ein politisches Subjekt als Thema, nämlich die Frage der Religionsfreiheit in Mexico am Beispiel des Kultes von La Santa Muerte. Aber sie trägt dies filmisch nicht auf dem Marktplatz, als Kunst im öffentlichen Raum, aus, sondern sogar in Abwesenheit von Personen in den Gefängniszellen der Angehörigen des Kultes. Zufall oder einfach künstlerisch wie diskret genau richtig gemacht, eben ohne „Revolutionäre“ zu „Popstars“ zu machen?

In eine ähnliche Richtung weisen Teile der Arbeit von Eda Yücesöy, die wie Dansker an „Global Prayers“ beteiligt ist, einer Auseinandersetzung mit religiös geprägten Sphären im öffentlichen Raum: Sie beobachtet den säkularen und den islamisch geprägten Teil von Istanbul. Ein spannender Aspekt hierbei ist, wie das Kopftuch vielerorts nicht mehr Symbol der unterdrückten Bauernschaft, sondern auf Titelbildern von Hochglanzmagazinen Ausdruck selbstbewusster, wohlhabender Musliminnen geworden ist.

 

Lokale Interventionen: Kunst in der Nachbarschaft

Fiona Whelan ist – wie Alia Rayyan – schon kaum mehr als Künstlerin zu verstehen, sie sieht sich aber dennoch so: Zusammen mit Sozialarbeitern hat sie in einem acht Jahre langen kommunalen Projekt versucht, Konflikte zwischen Jugendlichen und der Polizei zu entschärfen. Erstere schreiben zum Beispiel Geschichten, die die Polizisten dann der Jugend vorlesen. Und natürlich gibt es auch eine Ausstellung, aber das sind nur Momentaufnahmen einer Arbeit, die nur bedingt mit Kunst zu tun hat, aber viel mit Pädagogik und Erziehung. Und mit Politik? Wie Rayyan sagt auch Whelan: „You have to avoid politics, because it’s getting dangerous then.” Kunst als Politik funktioniert dann am besten, wenn die Politik dabei vergessen wird. Ruth Wilson Gilmore sprach in diesem Zusammenhang von „Quangos“: Quasi non-government organizations.

Und es gibt natürlich auch in Deutschland Kunst im öffentlichen Raum zwischen Politik, Sozialarbeit und Stadtentwicklung. So in der Arbeit der „Werkstatt für Veränderung“ von Seraphina Lenz in und für Neukölln (bzw. den Senat von Berlin): Ein unschöner Park oberhalb einer „Autobahnmaßnahme“ wird jahrelang unterschiedlich bespielt. Lenz versteht sich als Künstlerin und nicht als Eventmanagerin, aber sie könnte auch Architektin sein: Als solche macht Patrizia di Monte in Saragossa nämlich ähnliches. Sie formt öffentliche Räume – mit einem Anfangsbudget von einer Million Euro! – so um, dass die Anwohner Gefallen an ihnen finden. Rainer W. Ernst, Präsident der co-gastgebenden Muthesius Akademie, wusste schon in seinem Vorwort zu den Präsentationen dieser beiden Künstlerinnen, wo er einigen Vorrednern zu wiedersprechen hatte: Autonomie eines Künstlers dürfe nicht Autoreferentialität bedeuten. Auch das westliche, individualistisch geprägte Künstlerverständnis muss hinterfragt werden, um die eigenen Grenzen zu erkennen und neue Gemeinschaften zu formen.

 

Fazit

Wie aber sollen Künstler den Spagat schaffen, sich von Institutionen nicht vereinnahmen und benutzen zu lassen, aber gleichzeitig den Ansprüchen nicht nur ihres Kunstverständnisses, sondern gleichzeitig auch noch denen von Medien, Wissenschaften, Theorie und verschiedenen Kulturen zu genügen? Auch von dieser Konferenz bleibt der Eindruck zurück, dass Künstler (und auch Theoretiker und Journalisten) nicht all das leisten können, was anderweitig permanent hintertrieben wird: echte kulturelle Vielfalt nahe zu bringen und zu erhalten. Bildung und auch „Politisierung“ sind keine Einbahnstraßen, sonst gerät Kunst (und Politik) mit anderen Menschen zu Menschenexperimenten. Intervention darf nicht nur Landschafts- und Nachbarschaftspflege sein, es bedarf immer und vor allem der Arbeit gegen ausbeuterische Verhältnisse und des Hinterfragens der eigenen Rolle in kulturpolitischen Machtstrukturen. Dem Sponsor und der Welt schöne Projekte und entsprechende Bilder schenken, das reicht längst nicht. Das, was früher einmal Kulturimperialismus hieß, ist gerade in der hochtechnisierten westlichen Welt ein großes Problem. Nicht nur international betrachtet bedeutet Nachhaltigkeit also vor allem „empowerment“ und das rechtzeitige Aufgeben von Einfluss, und Intervention meint nicht zuletzt die Kunst der Zurückhaltung, der Empathie und des (sich selbst) Weglassens. Und das ist schwer, ist doch das hochgezüchtete Ego Kapital nicht nur im westlichen Kunst-, sondern ebenso im Wirtschafts-, Medien-, Bildungs-, Wissenschafts- und Politmarkt.

Do, 16.02.2012 0

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04.12.2009

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