
Querbeet. 72 - Walter Gödden erkundet 400 Jahre westfälische Literaturgeschichte
Zwischen Kleinstadtmuff und Avantgardeambitionen
In Walter Göddens Aufsatzsammlung zur westfälischen Literatur, „Querbeet. 72 literarische Erkundungen in Westfalen“, stehen sie ungezwungen und gleichberechtigt nebeneinander: die Klassiker, die Newcomer und die Unterhaltungsschriftsteller der westfälischen Literatur. Dass der Verfasser mit dem Titel „Querbeet“ auch augenzwinkernd auf die ländliche Grundsituation der hiesigen Literatur anspielt, ist zu vermuten.
Provinz scheint einer literarischen Kultur aber nicht abträglich zu sein. Im Gegenteil: Sie bietet Reibungsflächen, ist Ursache von Verzweiflung, Unmut und Sehnsucht und reizt daher zu Widerspruch, Protest und Defätismus. Provinz wurde und wird so zur Antriebsfeder zahlreicher literarischer Karrieren. Der Zusammenhang zwischen provinzieller Herkunft und Rebellentum, zwischen Kleinstadtmuff und Avantgarde-Ambitionen kehrt als Thema in vielen der versammelten Aufsätze wieder. Literarische Außenseiter und Nonkonformisten sind es in der Mehrzahl, die Gödden in seinen Streifzügen durch 400 Jahre regionaler Literaturgeschichte – ursprünglich erschienen in Feuilletons und Ausstellungskatalogen – aufgreift. Auf die als bedrückend erfahrene geistige Enge der westfälischen Provinz antworteten zur Zeit der Jahrhundertwende Autoren wie Gustav Sack, Peter Hille und Paul Zech mit einer künstlerischen Rastlosigkeit und Verweigerungshaltung, die derjenigen von heutigen westfälischen Songschreibern wie Jochen Distelmeyer und Bernadette La Hengst nicht unähnlich ist.
Ein Aufschrei gegen das "Weiter so"
Methodisch wählt Gödden einen sozialhistorischen Zugang. Durch die geschichtliche Situierung und Skizzierung der literarischen Milieus gelingt es ihm, die Wechselwirkungen von literarischer Kultur und gesellschaftlichen Zuständen aufzuzeigen. Beispielhaft geschieht dies in seinen Ausführungen zu Autoren der westfälischen Nachkriegsliteratur. Erst im Wissen um die allgegenwärtige Verdrängung des Nationalsozialismus im westfälischen Literaturdiskurs, um die „muffig“-katholische Atmosphäre im Münster der 1950er Jahre, offenbart sich der radikale gesellschaftskritische Gestus eines Paul Schallück, dessen Roman „Wenn man aufhören könnte, zu lügen“ eine neue Zeitrechnung in der hiesigen Literaturlandschaft einläutete. In der unmittelbaren Nachkriegszeit spielend, war das Buch ein verzweifelter Aufschrei gegen die „Weiter so“- Mentalität seiner Landsleute, atmosphärisch so nachtschwarz gestaltet wie die Farbe der Rollkragenpullover von Schallücks existentialistischen literarischen Vorbildern.
Pathologien im Wirtschaftswunderland
Während Schallücks Roman in den großen Literaturgeschichten noch heute als einer der Klassiker der „Trümmerliteratur“ geführt wird, ist ein anderer Meilenstein der westfälischen Nachkriegsliteratur heute beinahe vergessen. Gemeint ist Thomas Valentins Generationsroman „Hölle für Kinder“ (1961). Gödden erinnert an den Skandal, den das Buch bei seinem Erscheinen auslöste. Drastisch und direkt erzählte Valentin am Beispiel eines erfolgreichen Handlungsreisenden von den seelischen Verkrüppelungen als Folge der autoritären Erziehung des Dritten Reichs. Lange vor 1968 zeigte der Roman sozialpsychologisch die Pathologien auf, die unter der Oberfläche der heilen Wirtschaftwunderwelt fortwirkten. Im Verein mit Kirche und Politik polemisierten konservative Gralshüter der Literaturkritik gegen Valentins, als pornografisch gebrandmarktes, „Schmutzwerk“, ohne der von Valentin minutiös dokumentierten Kindheitshölle überhaupt Beachtung zu schenken. 
Anschluss an die Moderne
Dies gilt ähnlich für die Erinnerung an die Blütezeit der westfälischen Literatur zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Literaturgeschichtlich sträflich vernachlässigte Dropouts wie Peter Hille, Gustav Sack und Paul Zech setzten damals Maßstäbe und verhalfen der westfälischen Literatur zum Anschluss an die literarische Moderne in Berlin und München. Geschildert wird, unter welch widrigen Bedingungen dies geschah. Hille, Sack und Zech lebten und schrieben verarmt, verkannt und verzweifelt, allein ihr Schreibzwang und die Hoffnung auf einen literarischen Durchbruch trieb sie an. Schräg lesen sich Hilles Aktivitäten als Kabarettbegründer in der Berliner Boheme-Szene. Göddens Plädoyer für die drei Autoren gründet in ihrer literarischen Innovationskraft, dem experimentellen Charakter ihrer Werke und in ihrer kompromisslosen Lebenshaltung.

Dass Gödden einer der besten Kenner der westfälischen Gegenwartsliteratur ist, beweist der zweite Teil der Aufsatzsammlung. Neben renommierten Schriftstellern wie Ralf Rothmann und Hans-Ulrich Treichel befasst er sich in mehreren Aufsätzen mit den Vertretern des deutschsprachigen Diskurs-Pop. Nur wenige wissen, dass die Hamburger Schule ihre Geburtsstunde in der westfälischen Provinz feierte. Ausführlich rekonstruiert Gödden die Anfänge der Geschichte des „Fast Weltweit“-Labels, bei dem Distelmeyer, Bernd Begemann, Bernadette la Hengst und Die Sterne ihre ersten Songs veröffentlichten. Ein bisschen Größenwahn und eine Menge Verzweiflung über die westfälische Provinz-Tristesse lösten die zweite deutsche Pop-Welle Ende der Achtziger aus. Die Frage nach zeitgenössischen Bedingungen künstlerischer Produktion in der Provinz durchzieht leitmotivisch auch weitere Texte des Bandes. Gödden liegt dabei nichts ferner als ein Plädoyer für eine vermeintlich heile Provinzliteratur. Angetan zeigt er sich vielmehr von den produktiven Energien, die entstehen, wenn künstlerisch ambitionierte Freigeister sich an den engen Verhältnissen in der Provinz reiben. Die Vielfältigkeit ihrer literarischen Unternehmungen dokumentiert dieser Band eindrücklich.
Walter Gödden: querbeet 3. 72 neue literarische erkundungen in westfalen.
2011, ISBN 978-3-89528-881-4, 499 Seiten, kart. EUR 19,80
Text: Steffen Stadthaus
Teaserfoto: Dave Heuts, (Flickr)
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