
Punk trifft Prophet
Interview mit Melih Kesmen von Style Islam
Mit seinem weltweit erfolgreichen Streetwear-Label Style Islam beschreitet der Designer Melih Kesmen aus Witten neue Wege. Er verbindet die Botschaften des Islam mit der Coolness der Streetculture. Dabei geht es ihm vor allem darum, dem negativen Islambild in der westlichen Welt etwas entgegenzusetzen. Im Interview spricht er über sein Verhältnis zur Religion, starke Frauen und das Leben zwischen zwei Welten. 
Melih Kesmen: Ich versuche realistisch zu sein. Religiosität ist wichtig für mich, aber sie ist nicht alles. Ich bin weder ein Mönch noch ein Imam. Sie ist ein wichtiger Bestandteil, weil ich an gewisse Werte glaube. Aber das Designer-Dasein, meine Ruhrgebiets-Identität oder meine türkische Identität sind für mich genauso wichtige Elemente und machen mich ebenfalls aus.
Warum hast Du Dein Label Style Islam gegründet?
Style Islam ist aus einem Bedarf entstanden. Ich hätte es gut gefunden, wenn ich gar keinen Grund gehabt hätte, diesen Spruch „I Love my Prophet“ auf meine Brust zu packen. Eigentlich lebe ich meine Religion privat, aber es gibt heute in der westlichen Gesellschaft krasse Missverständnisse und Zerrbilder des Islam, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Als jemand, der versucht, den Islam zu leben, habe ich es irgendwann als Muss empfunden, in irgendeiner Form nach außen in Erscheinung zu treten – mit meinen Designs und Statements. Damit bewegen wir mittlerweile einiges. Ich weiss nicht, was am Ende das Produkt sein wird, aber ich merke, dass diese Sache wächst.
"Punks" stellen Glaubenspraktiken der Eltern in Frage
Du machst Streetwear und bei Street- und Subkultur geht es immer auch darum, Traditionen und althergebrachte Ordnungen in Frage zu stellen, siehe etwa Punk oder Hip Hop – wo ist denn bei Euch der „Punk“?
Ich stelle die Glaubenspraktiken gewisser muslimischer Strömungen in Frage. Dazu gehören auch Glaubenspraktiken meiner Eltern. Da findet eine solche Vermischung mit Tradition und Volkskultur statt, dass es nichts mehr mit der islamischen Kernbotschaft zu tun hat. Und da sind wir quasi „Punks“: Wir sagen, die Art und Weise, wie der Islam in einem Großteil gewisser Volksgruppen praktiziert wird, ist nicht in Ordnung, das ist Mist.
Hast Du ein konkretes Beispiel?
Nehmen wir die patriarchalische Dominanz, die innerhalb der islamischen Gemeinden oft praktiziert wird. Der Islam selbst fördert die Frau. Ich gebe Dir ein Beispiel: Die erste Frau des Propheten war 40 Jahre alt, verwitwet und selbstständig. Der Prophet war 25 Jahre alt und unverheiratet. Sie hat den Propheten angestellt, er hat für sie gearbeitet; sie hat ihm den Heiratsantrag gemacht und bis sie gestorben ist haben sie glücklich miteinander gelebt. Wenn sich dann heute die Männer rausnehmen, ihren Töchtern und ihren Frauen Dinge zu verbieten und über sie zu bestimmen, denke ich: woher nehmen die das Recht?
Trotzdem gibt es bei Dir auch eindeutige Statements zum Kopftuch: „My Right, My Choice, My Life“
Richtig. Das machen wir ganz bewusst. Ich sage: Nimm niemanden das Recht, irgendetwas zu tun. So wie man den Leuten nicht irgendwelche Frisuren verbietet, so sollte man den Frauen auch nicht das Kopftuch verbieten. Aber das wird getan. Meine Frau und ich haben viele Freundinnen, die aufgrund ihres Kopftuches nicht als Lehrerinnen praktizieren dürfen, obwohl sie ihr Studium sehr gut abgeschlossen haben.
Kopftuch und die Missverständnisse
Das Problematische am Kopftuch ist ja, dass man nicht überprüfen kann, inwieweit tatsächlich eine freiwillige Entscheidung zugrunde liegt.
Ja, aber dann muss man so fair sein und zu den einzelnen Frauen hingehen, wo man vermutet, dass da etwas nicht in Ordnung ist, und sie selber fragen. Ich verurteile das genauso und finde, die Männer, die ihre Töchter und ihre Frauen zu irgendetwas zwingen, müssen bestraft werden. Ein Koran-Vers besagt: Es gibt keinen Zwang im Glauben. Das ist eine göttliche Offenbarung und wenn diese Männer das ignorieren und ihre Dominanz auf die Frauen ausüben, dann finde ich das zum Kotzen.

Fast alle, das hat aber auch etwas mit der Zielgruppe zu tun. Drei Viertel unserer Kunden sind immer noch Muslime und darunter sind auch viele Kopftuch-Trägerinnen. Aber es sind auch viele dabei, die kein Kopftuch tragen.
Wäre es nicht ein deutliches Zeichen für mehr Offenheit, Models mit und ohne Kopftuch gleichermaßen einzusetzen?
Sicher. Wir haben ja auch Mitarbeiterinnen, die kein Kopftuch tragen. Da haben wir eigentlich kein Problem mit und versuchen, ein Gleichgewicht reinzubringen. Es gibt aber auch sehr viele Missverständnisse, was Frauen mit Kopftuch angeht. Viele denken, diese Frauen stünden zwangsläufig unter irgendeinem Joch und ordneten sich unter. Deshalb wollen wir mehr Frauen mit Kopftuch in den Vordergrund bringen, die schräge Sachen machen.
Mode als Medium
Zum Beispiel?
Zum Beispiel eine Freundin von uns, die Kopftuch trägt und deutsche Meisterin im Tae Kwon Do ist. Das Kopftuch steht ihr dabei nicht im Weg. Eine andere Freundin ist Architektin und entwirft super stylische Lampen. Wenn man ein Kopftuch sieht, hat man sofort ein gewisses Frauenbild im Kopf. Dem versuchen wir etwas entgegen zu setzen. Nicht weil wir Frauen ohne Kopftuch geringer schätzen, sondern weil das Bild der Kopftuch tragenden Frauen so schlecht ist.
T-Shirts sind ein super Medium. Egal ob Uni, U-Bahn, Arbeit, Schule – Du hast eine Botschaft auf der Brust. Mittlerweile gehen wir auch dazu über, das Produkt selbst als Statement zu sehen. Wie die Gebetsteppich-Tasche: Du kannst sie als Gebetsteppich oder einfach als Picknicktasche nutzen. Das macht die Leute neugierig und man kommt ins Gespräch. Das ist quasi eine Face-to-face-Aufklärung auf der Straße und da sind wir auch wieder bei der Streetculture.
Welche Rolle hat das Ruhrgebiet für Deine Entwicklung gespielt?
Ich habe hier Sensibilität für die jeweils anderen gelernt. Ich bin zwischen zwei Kulturen groß geworden. Unser Trainer beim Sport hieß Seppl, wenn wir auf Turniere gefahren sind, war der Bus voller Fressalien und ich habe auf einem Haufen Weißwurst geschlafen. Zuhause war es hingegen voll anatolisch – das waren zwei völlig unterschiedliche Welten. Ich glaube das ist vorteilhaft, denn dann kannst Du glaubwürdig für beide Seiten sein. Ich bin Muslim und trage dieselben Werte, nur ich habe nicht das Kopfghetto. Es bringt uns in dieser Gesellschaft nicht weiter, sich zu isolieren, immer die eigene Andersartigkeit zu betonen und sich als Opfer zu verstehen.
Die integrierten Muslime fallen auch nicht auf …
Das meinte ich ja zuvor: Eigentlich hätte ich lieber keinen Grund gehabt, dieses Label zu starten. Denn das würde in meinem Fall bedeuten, alles ist normal. Aber ich fand es eben irgendwann nicht mehr normal, einfach unter Generalverdacht zu stehen, ein potentieller Terrorist und Schläfer zu sein. Dauernd gefragt zu werden: warum trägt deine Frau Kopftuch? Warum hast du einen Bart? Warum jagen sich die Leute in die Luft? Ich versuche auch, ernsthaft darauf einzugehen und mit den Leuten zu reden, aber oft wollen die Leute die Antwort gar nicht wissen, sondern einem nur auf die Nerven gehen. Dafür ist Style Islam dann mein Ventil. Dort kann ich die ganze Energie verarbeiten, positiv wie negativ, und das macht das Arbeitsleben richtig lebenswert.

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