Professor Henning Walczak über Kreativität in der Krebsforschung

Kreativität spielt nicht nur in kulturellen Bereichen wie Musik oder Theater eine entscheidende Rolle, sondern auch in Bereichen, in denen man kreative Köpfe vielleicht gar nicht vermutet – in der Forschung beispielsweise. Professor Henning Walczak, Lehrstuhlinhaber für Tumorimmunologie am Imperial College in London, erforscht Krebszellen und ihre Wechselwirkung mit dem Immunsystem – und erklärt für 2010LAB.tv, weshalb Wissenschaft und kreatives Arbeiten in direktem Zusammenhang stehen (dieses Vorhaben ist gleichzeitig die Erklärung für die Länge des Interviews - manchmal ist mehr mehr...).

Henning, bevor wir zur Kreativität eines Forschers kommen, muss ich aus aktuellem Anlass fragen: Sprecht Ihr hier in Eurer Forschungsabteilung über das EHEC-Bakterium?

Professor Henning Walczak
Professor Henning Walczak
Auf jeden Fall! Zunächst fand ich’s erstaunlich, dass es so lange dauert, die Infektionsquelle ausfindig zu machen. Aber jetzt habe ich gelernt, dass bei EHEC-Ausbrüchen in der Vergangenheit die Quelle häufig nicht gefunden wurde. Im Moment geht man ja davon aus, dass Sprossen die Quelle der Infektion zu sein scheinen. Nach Gurken, Tomaten und Salat sind jetzt also die Sprossen dran... mal sehen, ob sich dieser Verdacht in den nächsten Tagen erhärtet oder vielleicht auch wieder verflüchtigt. Ich bin jedenfalls sowieso kein großer Sprossenfan; die schmecken für mich immer so erdig – kann ich ohne Probleme drauf verzichten.

Das sagst Du als Privatmensch. Wie ist die Sicht als Wissenschaftler auf die Infektion?

Da ist ein Bakterienstamm, der – wie in den Medien ja jeder verfolgen kann – sehr gefährlich wird. E. coli-Bakterien haben wir alle im Darm. Die brauchen wir sogar für die Verdauung, nur eben nicht solch einen gefährlichen Stamm, der giftige Stoffe freisetzt, das Blutbild zerstört, die Nieren versagen lässt und das Gehirn bleibend schädigen kann. Das ist alarmierend.

Zu Deinem Arbeitsalltag: Inwieweit ist Einfallsreichtum gefragt?

Praktisch ständig. Auf der Grundlage unserer Ergebnisse entwickle ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern in intensiven Gesprächen immerzu neue Ideen, wie etwas sein bzw. funktionieren könnte. Wir erforschen Neues; da müssen wir unsere Ergebnisse immer mit dem bisher Bekannten abgleichen. Dabei ergibt sich manchmal, dass wir das sogenannte „Dogma“ – also den bisherigen akzeptierten Stand des Wissens – nicht immer Eins-zu-Eins bestätigen können. Wenn sich, nachdem wir unsere neuen Erkenntnisse von allen Seiten geprüft haben, immer noch keine Deckungsgleichheit mit dem Dogma ergibt, dann wird’s interessant. In dem Fall müssen wir eine neue Erklärung dafür finden, wie zum Beispiel eine Entzündung entsteht. Diesen Prozess nennt man die Formulierung einer These. Anschließend müssen wir Vorgehensweisen entwerfen, anhand derer wir überprüfen können, ob die neue These stimmt oder nicht. Das sind in aller Regel wieder Experimente, manchmal neuartige Experimente, die man so noch gar nicht durchgeführt hat.

Was ist, wenn sich die These als falsch erweist?

Genau das geschieht in den meisten Fällen sogar. Häufig muss ich meine Vorstellung davon, wie etwas funktionieren könnte, an die Wirklichkeit anpassen, die sich uns durch die neuen Ergebnisse offenbart. Die Wirklichkeit ist oft anders, als es die am Anfang stehende These hätte erwarten lassen.

Ein kreativer Prozess...

... bei dem man ständig neue Szenarien im Kopf durchspielen muss. Es ist ein wenig wie beim Schach, nur dass man mitten im Spiel auf einmal entdeckt, dass neben den bekannten Figuren auch noch andere vorhanden sind: Neben Springer, Läufer und Turm gibt es auch noch einen Ritter, neben der Dame eine Nebenbuhlerin. Wie bewegen die beiden Neuen sich? Kann ich sie eventuell auch für meine Zwecke einsetzen? Wenn ja, wie? Das ist alles noch nicht bekannt und dies herauszufinden, ist das Spannende. Bei diesem Prozess trifft Kreativität auf technisches Know-how.

Was ist Dein Antrieb?

Neugierde: ich will verstehen, wie Körpervorgänge ablaufen und was genau falsch läuft, wenn Krankheiten entstehen, um daraus neue Wege zu entwickeln, diese Krankheiten gezielter behandeln können. Das Gefühl, dass man noch nicht alle Vorgänge versteht, und der daraus resultierende Wille, herauszufinden, was noch fehlt und wie es funktioniert, das ist meine Antriebskraft. Dabei möchte ich neue Wege gehen; wie bei unserer zuletzt erschienenen Studie, bei der wir eine ganz neue Methode entwickeln mussten, um zu erkennen, was vorher verborgen blieb; so haben wir neue Strukturen entdeckt, die in einer ganz bestimmten molekularen Maschine in der Zelle notwendig sind, damit diese Maschine seine normale Funktion ausüben kann.

Diese Studie ist im Wissenschaftsjournal Nature erschienen: Linear ubiquitination prevents inflammation and regulates immune signalling. Was habt Ihr da rausgefunden?

Wir haben zunächst drei neue Eiweißstoffe an einem Rezeptorkomplex entdeckt und danach herausgefunden, was genau die dort machen. Das ist wie eben bei dem Schachvergleich: Wir konnten komplett neue Figuren ausmachen und haben herausgefunden, wie sie auf dem Spielfeld der Zelle agieren. Noch nicht in allen Details, aber eben doch die ersten wesentlichen Ansatzpunkte: Zusammen verhindern diese drei Proteine, dass ohne Grund eine Entzündung entsteht, und sie ermöglichen eine normale Entwicklung des Immunsystems. Das wusste man vorher nicht. Nun können wir die nächsten Fragen stellen: welche Rolle spielen diese Stoffe bei Autoimmunerkrankungen, welche bei Entzündungen, die mit Krebs zusammenhängen? Wie können wir da eingreifen, gibt es eventuell neue Ansatzpunkte für die Behandlung von Autoimmunerkrankungen oder sogar Krebs?


Siehst Du Deine Arbeit auf einer eher abstrakten Ebene oder hast Du auch echte Patienten vor Augen?


Ich wünschte, es wäre immer nur abstrakt, aber natürlich gibt es auch Menschen aus meinem privaten Umfeld, die von Krebs betroffen sind; dann ist man plötzlich ganz nah dran und es ist vorbei mit der Vorstellung, das Ganze sei nur eine spannende intellektuelle Herausforderung. Das zeigt mir dann auch wieder, was für ein langer Weg noch vor uns liegt. Ich kann mich über ein Paper in Natur zwar freuen, aber ich verwechsele da Freude ganz klar nicht mit Stolz. Stolz wäre ich genau dann, wenn ich mit meiner Arbeit und dem daraus resultierenden Wissen einem Menschen geholfen hätte, der sonst an Krebs gestorben wäre. Bis dahin freue ich mich über die Resultate unserer Forschung.

Hängt von einem Forschungserfolg bzw. dem Nature-Artikel auch die Finanzierung ab?

Sicher, unser Bereich finanziert sich vornehmlich aus eingeworbenen Fördermitteln. Aufbauend auf einer neuen Entdeckung – wie die der neuen Eiweißstoffe – entwickle ich Forschungsprojekte, für die ich dann z.B. beim Wellcome Trust, der EU oder dem Medical Research Council Fördermittel beantrage und hoffentlich auch bekomme, um unsere Forschung auf diesem Feld weiter vorantreiben zu können.

Wo kommst Du auf innovative Forscher-Ideen?

Ach das passiert überall – unter der Dusche, beim Fahrradfahren auf dem Weg zur Arbeit oder wenn ich bei Regen mal mit der tube zur Arbeit fahre und dieses daily free-Käseblatt durchblättere. In besonders intensiven Arbeitszeiten passiert es auch, dass ich früh morgens wach werde und aus dem Schlaf heraus eine Idee habe: so könnte es funktionieren! Dann komme ich hier ins Institut und trommele meine Leute zusammen; das ist natürlich besonders beliebt...

Wie schaffst Du Deinem Gehirn eine Auszeit?

Ich würde ja gerne „Sport“ sagen, aber dazu komme ich in letzter Zeit einfach zu wenig. Was ich aber tatsächlich mache und was mir hilft auszuspannen, sind Bücher, die weit weg von dem sind, was ich beruflich mache. Zum Beispiel die von Rebecca Gablé über mittelalterliche, zum Teil fiktionale Geschichte. Bei den Rosenkriegen des House of York mit dem House of Lancaster im alten England kann ich super abschalten.



Fotos: Imperial College London, section of immunobiology | Swantje Diepenhorst
Mo, 13.06.2011 0

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05.11.2010

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