Soziale Netzwerke sind Teil unserer Gesellschaft (c) daniel_iversen

Privatsphäre im Internet – geht das heute noch?

Von Paul Smalera –  Im Internet gibt es keine Privatsphäre – sie ist seit Jahren abhanden gekommen. Und sie wurde uns nicht nur genommen, wir haben uns sogar daran gewöhnt. Der Verlust der Privatsphäre ist der fundamentale Kompromiss, den wir alle beim Netzwerken eingehen müssen. Unsere Privatsphäre ist uns zugunsten der Social Tools, die wir alle so sehr begehren und ohne die wir plötzlich nicht mehr leben können, genommen worden. Wenn es die Verletzung der Privatsphäre nicht gäbe, gäbe es Facebook nicht. Oder Twitter. Oder sogar Gmail, Foursquare, Groupon, Zynga, usw.


Und trotzdem regt man sich über etwas auf, das bereits verschwunden ist. Diese Woche, wie die meisten anderen des letzten Jahrzehnts, brachte wieder neue skandalöse Zustände für die Verfechter der Privatsphäre an den Tag. Google hatte einige Wochen zuvor seine Datenschutzrichtlinien geändert, um die persönlichen Daten seiner Nutzer an 60 seiner Produkte weitergeben zu können – und wurde diese Woche wegen dieser Änderungen gegeißelt. Dieses Mal erfolgte der Aufschrei der Empörung in Form eines Gerichtsverfahrens. Das Electronic Privacy Information Center verklagte die Kartellbehörde, um sie dazu zu nötigen, die Änderungen bei Google zu blockieren – mit dem Argument, Google hätte vor weniger als einem Jahr ein Datenschutzabkommen unterzeichnet, gegen das sie verstoßen hätten. Doch es gibt auch andere Fronten: Man entdeckte, dass die Foto-App Path die kompletten iPhone-Adressbücher ihrer User auf den Servern der App speicherte – daraufhin entschuldigten sich die Verantwortlichen hastig... (bei der etwas weniger bekannten App Hipster wurde die gleiche Sünde begangen, man bekannte sich auch sehr schnell schuldig). Und der Börsengang von Facebook hat neue Bedenken in die Richtung hervorgebracht, dass Mark Zuckerberg kreative neue Möglichkeiten finden wird, um User-Daten für die gewünschte Umsatzsteigerung zu verwenden.

 

Wie, Sie kennen Ihren Dienstleistungsvertrag nicht?

So sieht also unsere Privatsphäre heute aus. Es ist lächerlich, etwas anderes zu erwarten, wenn man das Internet liebt. Wie sollten diese Dienste ansonsten existieren, geschweige denn Geld machen? Diebstahl oder Missbrauch von Daten ist natürlich ein Verbrechen. Aber keine Social-Web-App – nicht eine – kann ohne intensive Datenanalyse der Datenmengen, die die User ihnen freiwillig zur Verfügung stellen, arbeiten. (Sie haben doch die Bedingungen des Dienstleistungsvertrages gelesen, oder?)
Und die Angelegenheit potenziert sich, wenn Leute ihre Websites miteinander verbinden. Dadurch, dass sie Twitter mit Facebook, Google+, Foursquare, Zynga, Instagram und ihrem iOS verlinken, verdichten die User ihr Leben, und das macht sie noch attraktiver für Vermarkter. Während Facebook, Twitter und andere Dienste Versuche gemacht haben, uns davor zu warnen, auf den “connect”-Button zu klicken, klicken viele von uns mit unglaublicher Unbekümmertheit auf diesen Button, ohne daran zu denken, wer sich auf der anderen Seite schon die Hände reibt.

Warum wollen Social Media und digitale Infodienste unsere Daten haben? Weil wir uns weigern, ihnen Geld zu geben. Niemand will für das Privileg, mit einem Freund zu chatten oder einen Coupon einzulösen, bezahlen, und bis heute muss das auch niemand tun: geh doch einfach bei deinem Freund vorbei, oder greif dir den Prospekt mit den Coupons, der vor deiner Haustür liegt! Wenn du aber chatten und dafür Facebook oder Gmail nutzen willst, oder du einen Groupon, der 80% Rabatt für eine Botox-Behandlung bietet, einlösen möchtest, dann musst du diesen Anbietern einiges von dir preisgeben. Und diese Firmen werden deine Angaben dazu nutzen, ihre Angebote auf dich zuzuschneiden, um deinen Wert als User und Kunde zu vergrößern. Sie werden ihre Datenmengen in Millionen kleiner Scheibchen schneiden und diese Leuten – Werbern – zeigen, die ihnen Geld für das Privileg, diese Daten benutzen zu dürfen, zahlen, und sie werden dich danach mit ihren Angeboten nerven.

 

Ein Bild von den Usern

Das ist eine Aktualisierung eines alten Medienmodells. Magazine und Zeitungen konnten jahrzehntelang nur raten, was ihre Leserschaft und deren demografische Struktur anbelangte. Jetzt aber wollen und können Social Media und neue Medien genau wissen, wer wir sind, bevor sie uns ihre Dienste umsonst benutzen lassen. Sogar Email-Newsletter-Dienste wie die immer populärer werdende Thrillist – die zu Beginn vielleicht einfach nur eine Emailadresse haben wollen – setzen Clicktracker, Pixeltracker, und andere Online-Datensammeltechniken ein, um sich ein Bild von ihren Usern machen zu können, sowohl individuell als auch als Gruppe. Ein Magazin wie Spy (1998 eingestelltes US-Satiremagazin – Anm. d. Übers.) konnte damals nur von derartig genauen Informationen über die Leserschaft träumen.

Ohne solche Strategien könnten derartige Social-Web-Firmen nicht existieren. Natürlich hat jeder User die Wahl, was Privatsphäre anbelangt. Aber in der Sekunde, in der Leute sich für Gmail, Facebook, Mint oder Gilt Group entscheiden, bekunden sie ihre Bereitschaft, eine Maus zu sein, die die Katzen jagen werden. Und die Katzen brauchen die Mäuse – denn sonst würden sie verhungern. Also versuchen sie, so gut es geht, ihre Absichten zu verbergen.

Es ist sogar so, wie ein langjähriger und bekannter Verfechter der transformativen Kraft der Technologie mir unlängst erzählte, dass wahre Gläubige wie Mark Zuckerberg zunächst aktiv radikale Standpunkte zum Thema Privatsphäre abstecken, und dann über sie reden, als ob sie natürlich oder normal wären. Das unterscheidet sich nicht groß von dem politischen Prozess, bei dem der beste Weg, eine Veränderung der Gesellschaft zu erlangen, der ist, so zu tun, als wäre sie bereits geschehen und danach Energie eher darauf zu verwenden, die Hebel der Macht in Richtung Veränderung zu bewegen als Zeit damit zu verschwenden, mit Leuten über die Auswirkungen zu streiten.

 

Die Grätsche zwischen Online und Offline

Darum ging es in den letzten fünf Jahren. Mark Zuckerberg zum Beispiel wollte, dass eine Ansammlung all unserer Facebook-Aktivitäten, die er Open Graph nannte, Teil unseres Lebens wird. Und jetzt Überraschung! ist das auch so.
Unser Leben ist zur Zeit eine Grätsche zwischen den beiden Extremen Offline und Online. Beide haben eigene Ansprüche und Realitäten in Bezug auf das Thema Privatsphäre. Offline gehören unsere Gedanken und Aktivitäten uns. Wenn man online eine Sache teilt, führt das zu einem Spiralen-Effekt, und bald teilt man dann alles mit allen. Offline haben wir unsere Privatsphäre, diese fast mystische Qualität des Urhebertums, des Besitzes, die wir so begehren. Online haben wir die extreme Stärke der Social Tools, die uns erlaubt, die ehemals linearen Eckpunkte unserer Existenz aufzulösen. Wollen wir unsere privaten Adresskarteien? Gut. Wollen wir die iPhone-App, die sagt, wo wir sind, direkt Coupons ausgibt und zeigt, wer unsere Freunde sind? Auch gut. Im Internet geht beides allerdings nicht. Es gibt keinen Mittelweg. Es ist wie in der Politik: das Internet ist ein Ort für Extremisten geworden.

 


Fotos (Teaser): daniel iversen (Flickr)

Foto 1 (im Text): _Max-B (Flickr)

Foto 2 (im Text): michperu (Flickr)

Foto 3 (im Text): Guillaume Paumier (Flickr)
Sa, 28.07.2012 0

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29.11.2009

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