
Privatsphäre im Internet – geht das heute noch?
Von Paul Smalera – Im Internet gibt es keine Privatsphäre – sie ist seit Jahren abhanden gekommen. Und sie wurde uns nicht nur genommen, wir haben uns sogar daran gewöhnt. Der Verlust der Privatsphäre ist der fundamentale Kompromiss, den wir alle beim Netzwerken eingehen müssen. Unsere Privatsphäre ist uns zugunsten der Social Tools, die wir alle so sehr begehren und ohne die wir plötzlich nicht mehr leben können, genommen worden. Wenn es die Verletzung der Privatsphäre nicht gäbe, gäbe es Facebook nicht. Oder Twitter. Oder sogar Gmail, Foursquare, Groupon, Zynga, usw.

Wie, Sie kennen Ihren Dienstleistungsvertrag nicht?
So sieht also unsere Privatsphäre heute aus. Es ist lächerlich, etwas anderes zu erwarten, wenn man das Internet liebt. Wie sollten diese Dienste ansonsten existieren, geschweige denn Geld machen? Diebstahl oder Missbrauch von Daten ist natürlich ein Verbrechen. Aber keine Social-Web-App – nicht eine – kann ohne intensive Datenanalyse der Datenmengen, die die User ihnen freiwillig zur Verfügung stellen, arbeiten. (Sie haben doch die Bedingungen des Dienstleistungsvertrages gelesen, oder?)
Und die Angelegenheit potenziert sich, wenn Leute ihre Websites miteinander verbinden. Dadurch, dass sie Twitter mit Facebook, Google+, Foursquare, Zynga, Instagram und ihrem iOS verlinken, verdichten die User ihr Leben, und das macht sie noch attraktiver für Vermarkter. Während Facebook, Twitter und andere Dienste Versuche gemacht haben, uns davor zu warnen, auf den “connect”-Button zu klicken, klicken viele von uns mit unglaublicher Unbekümmertheit auf diesen Button, ohne daran zu denken, wer sich auf der anderen Seite schon die Hände reibt.

Ein Bild von den Usern
Das ist eine Aktualisierung eines alten Medienmodells. Magazine und Zeitungen konnten jahrzehntelang nur raten, was ihre Leserschaft und deren demografische Struktur anbelangte. Jetzt aber wollen und können Social Media und neue Medien genau wissen, wer wir sind, bevor sie uns ihre Dienste umsonst benutzen lassen. Sogar Email-Newsletter-Dienste wie die immer populärer werdende Thrillist – die zu Beginn vielleicht einfach nur eine Emailadresse haben wollen – setzen Clicktracker, Pixeltracker, und andere Online-Datensammeltechniken ein, um sich ein Bild von ihren Usern machen zu können, sowohl individuell als auch als Gruppe. Ein Magazin wie Spy (1998 eingestelltes US-Satiremagazin – Anm. d. Übers.) konnte damals nur von derartig genauen Informationen über die Leserschaft träumen.
Ohne solche Strategien könnten derartige Social-Web-Firmen nicht existieren. Natürlich hat jeder User die Wahl, was Privatsphäre anbelangt. Aber in der Sekunde, in der Leute sich für Gmail, Facebook, Mint oder Gilt Group entscheiden, bekunden sie ihre Bereitschaft, eine Maus zu sein, die die Katzen jagen werden. Und die Katzen brauchen die Mäuse – denn sonst würden sie verhungern. Also versuchen sie, so gut es geht, ihre Absichten zu verbergen.

Die Grätsche zwischen Online und Offline
Darum ging es in den letzten fünf Jahren. Mark Zuckerberg zum Beispiel wollte, dass eine Ansammlung all unserer Facebook-Aktivitäten, die er Open Graph nannte, Teil unseres Lebens wird. Und jetzt – Überraschung! – ist das auch so.
Unser Leben ist zur Zeit eine Grätsche zwischen den beiden Extremen Offline und Online. Beide haben eigene Ansprüche und Realitäten in Bezug auf das Thema Privatsphäre. Offline gehören unsere Gedanken und Aktivitäten uns. Wenn man online eine Sache teilt, führt das zu einem Spiralen-Effekt, und bald teilt man dann alles mit allen. Offline haben wir unsere Privatsphäre, diese fast mystische Qualität des Urhebertums, des Besitzes, die wir so begehren. Online haben wir die extreme Stärke der Social Tools, die uns erlaubt, die ehemals linearen Eckpunkte unserer Existenz aufzulösen. Wollen wir unsere privaten Adresskarteien? Gut. Wollen wir die iPhone-App, die sagt, wo wir sind, direkt Coupons ausgibt und zeigt, wer unsere Freunde sind? Auch gut. Im Internet geht beides allerdings nicht. Es gibt keinen Mittelweg. Es ist wie in der Politik: das Internet ist ein Ort für Extremisten geworden.
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