Das Spiel läuft

Private Viewing

Millionen rücken defensiv zusammen, andere vereinzeln offensiv auf dem Sofa

Interaktives Fernsehen ist möglich. Wenn man sich als Fußballliebhaber dem Public Viewing verweigert, keine Karte für ein Stadion hat, einem die Kneipe zu laut ist und keine gleichgesinnten Freunde verpflichten kann, dann ist man „Deutscher – allein zu Haus“. Und dann kann man sich ausleben wie es sonst nur auf der Theaterbühne oder in Romanen geschildert wird. Da ist der Fernseher, ob Flachbildschirm oder alte dicke Kiste, der direkte Kontakt zum Ich im Wechselspiel von Reporter-vor-Ort zu Reporter-daheim. Und draußen an der Hauswand flattert immer noch das Meisterschaftsbanner des BVB. Ansonsten ist es still in der Straße wie am Heiligen Abend.

 

Es ist angerichtet

Es gibt Zeiten, da dominiert der Fußball. Europa- oder Weltmeisterschaften – da sind die Deutschen in der Regel dabei und gleichzeitig sind immer auch Kicker aus den Ruhrgebietsmannschaften mit von der Partie, wie es so schön heißt. „Meine Frau guckt schon mal mit“, hört man dann oft. Für einige sind es Ereignisse, die nebenbei zur Kenntnis genommen werden, aber um diese Klientel der „Ignoranten der Fußballschlachten der Nationen“ soll sich die FAZ kümmern oder wissenschaftliche Diskurszirkel, die über Fußball reden, als sei es einfach nur eine Sportart. Hier im Revier hält man sich zwar eher mit Tunnelblick an den Vereinsmannschaften fest, ohne die "Identität" fast völlig verschwinden würde; dennoch ist man dann doch deutscher Fußballfan, wenn der smarte Herr Löw auflaufen lässt. Und so sind eben auch manche Künstler phasenweise normale Menschen, die dem Treiben der unterschiedlichen Rasenkonzepte mit der Pulle Bier folgen wollen.

Auf den Autobahnen wird es leerer, je näher der Anstoß rückt. Ich hole alles aus der Kiste raus, um daheim noch Zeit zu haben, mir ein Fußballbütterken zu machen. Hungrig soll man nicht gucken. „Noch ein Mann neben mir im Raum wäre nicht schlecht“, denke ich mir. Wenn zwei schreien, hat das mehr Tiefe und es gibt einen Zeugen für die hervorquellenden Urtriebe des Menschen. Aber ein Versuch scheitert. Der Kollege sagt: „…ich glaub, ich komme nicht mehr von meinem Sofa runter.“ Also noch einer, der sich allein mit dem Spiel auseinandersetzen will. Also – alles anrichten, das Sofa und vor allem die Genussmittel in Reichweite. Vorher nochmal Pipi machen. „Ich grüße von hier aus alle Theatergänger und Abenddiensthabende mit großen Respekt“, denke ich. 

 

…und Recht und Freiheit

Ich gehöre zu der „aufgeklärten“ Generation, der das Mitsingen von Nationalhymnen Sünde war. Das war eine Haltung. Damals. Lange her. Auch meiner Freude Ausdruck zu verleihen, ist mir nicht immer gegeben. Es geht mehr nach innen. Das ist so in unserer Familie. Ich freue mich eher wie Cesar Menotti (früher mal Trainer bei Argentinien), der sich nach dem Tor eine Zigarette angesteckt hatte. Auch habe ich nie Fußball gespielt. Andere Jungs haben draußen gepölt, ich saß vor dem Radio und habe der englischen Top Twenty auf BFBS gelauscht oder WDR-Live Konzerten mit Free-Jazz oder vierhändigem Klavier. Allerdings war ich mal für drei Wochen Manager und Mäzen einer Thekenmannschaft, die „Gib mich die Kirsche II“ hieß.

Aber zurück zur Nationalhymne. Heute sehe ich die Spieler, die mitsingen und die, die nicht mitsingen und es befällt mich Mitleid. Je älter ich werde, desto mehr neige ich offenbar zu großen Feierlichkeiten, die etwas Erhabenes zu haben scheinen, und dieser Schein erfasst mich auf dem Sofa mit der angenehmen Sitzhöhe. Weder trage ich ein Trikot noch einen Trainingsanzug – wie das mal hieß – auch stehe ich bei der Hymne nicht auf, wie es viele in den eigenen vier Wänden tun, die heimlichen Verehrer der Nation. Aber ich gebe zu, dass ich denke: „Wir werden siegen.“ Allerdings setze ich da skeptisch kein Ausrufezeichen.

 

Es geht los und ist schnell zu Ende

Hier beim „Private Viewing“, beim privaten Glotzen, kann ich das Fernsehgerät anbrüllen und meine doch Thomas Müller, der es mir nie übel nehmen wird. Ich lasse mich gehen und brülle ins Zimmer: „Du blöder Hund! Was ist das denn?“ Immer wieder rufe ich „Ich fasse es nicht. Was ist das denn?!!!“  Da der Nachbar nicht auf den Kopf gefallen ist, wird er sich denken können, dass der da unten nicht etwa ein unerwartetes Geschenk erhalten hat. Aber vielleicht ist der Nachbar ja gar nicht im Haus, sondern draußen in der Welt des öffentlichen Schauens. Beim Public Viewing sieht es aus wie auf einem Volksfest. Da gehen viele hin, die eh nur Party haben wollen. Nix für mich. Ich rufe: „Nein, nicht Rumpelstilzchen, nicht Kroos!“ Und wenn Hummels was richtig macht, denke ich „BVB“ und wenn Neuer hält, denke ich immer noch „Schalke“.  Das Spiel ist aus. Es folgt von mir noch ein rasches und kurzes „Ja!“ Dann wende ich mich meinen Emails zu, rauche die erste Zigarette absichtlich, schaue auf die Straße. Alles ist so wie immer. Gut, dass mich keiner beobachtet hat.

 

Morgens war alles gestern

Am nächsten Morgen ist das von gestern Gesprächsstoff, auch für die in BVB-Farben gekleideten Reinigungskräfte der Stadt, die vor meiner Tür immer ein Päuschen einlegen. Von mir wird da nichts zu lesen sein, oder bin ich doch Teil des Ganzen als einer von über 20 Millionen Zuschauern, daheim vor dem Bildschirm?

Do, 14.06.2012 0

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03.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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