
Private Viewing
Millionen rücken defensiv zusammen, andere vereinzeln offensiv auf dem Sofa

Es ist angerichtet

Auf den Autobahnen wird es leerer, je näher der Anstoß rückt. Ich hole alles aus der Kiste raus, um daheim noch Zeit zu haben, mir ein Fußballbütterken zu machen. Hungrig soll man nicht gucken. „Noch ein Mann neben mir im Raum wäre nicht schlecht“, denke ich mir. Wenn zwei schreien, hat das mehr Tiefe und es gibt einen Zeugen für die hervorquellenden Urtriebe des Menschen. Aber ein Versuch scheitert. Der Kollege sagt: „…ich glaub, ich komme nicht mehr von meinem Sofa runter.“ Also noch einer, der sich allein mit dem Spiel auseinandersetzen will. Also – alles anrichten, das Sofa und vor allem die Genussmittel in Reichweite. Vorher nochmal Pipi machen. „Ich grüße von hier aus alle Theatergänger und Abenddiensthabende mit großen Respekt“, denke ich.
…und Recht und Freiheit

Aber zurück zur Nationalhymne. Heute sehe ich die Spieler, die mitsingen und die, die nicht mitsingen und es befällt mich Mitleid. Je älter ich werde, desto mehr neige ich offenbar zu großen Feierlichkeiten, die etwas Erhabenes zu haben scheinen, und dieser Schein erfasst mich auf dem Sofa mit der angenehmen Sitzhöhe. Weder trage ich ein Trikot noch einen Trainingsanzug – wie das mal hieß – auch stehe ich bei der Hymne nicht auf, wie es viele in den eigenen vier Wänden tun, die heimlichen Verehrer der Nation. Aber ich gebe zu, dass ich denke: „Wir werden siegen.“ Allerdings setze ich da skeptisch kein Ausrufezeichen.
Es geht los und ist schnell zu Ende
Hier beim „Private Viewing“, beim privaten Glotzen, kann ich das Fernsehgerät anbrüllen und meine doch Thomas Müller, der es mir nie übel nehmen wird. Ich lasse mich gehen und brülle ins Zimmer: „Du blöder Hund! Was ist das denn?“ Immer wieder rufe ich „Ich fasse es nicht. Was ist das denn?!!!“ Da der Nachbar nicht auf den Kopf gefallen ist, wird er sich denken können, dass der da unten nicht etwa ein unerwartetes Geschenk erhalten hat. Aber vielleicht ist der Nachbar ja gar nicht im Haus, sondern draußen in der Welt des öffentlichen Schauens. Beim Public Viewing sieht es aus wie auf einem Volksfest. Da gehen viele hin, die eh nur Party haben wollen. Nix für mich. Ich rufe: „Nein, nicht Rumpelstilzchen, nicht Kroos!“ Und wenn Hummels was richtig macht, denke ich „BVB“ und wenn Neuer hält, denke ich immer noch „Schalke“. Das Spiel ist aus. Es folgt von mir noch ein rasches und kurzes „Ja!“ Dann wende ich mich meinen Emails zu, rauche die erste Zigarette absichtlich, schaue auf die Straße. Alles ist so wie immer. Gut, dass mich keiner beobachtet hat.
Morgens war alles gestern

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