Prag, offene Filmstadt

Von Werner Busch. Das tschechische Kino ist bis heute insbesondere im deutschen Fernsehen sehr präsent. Vor allem durch die Nachwirkungen der einmaligen intensiven Zusammenarbeit des WDR mit dem ČST, dem Staatsfernsehen der Tschechoslowakei in den 1970ern und 80ern. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit, besonders Kinderfilme und -serien wie PAN TAU, LUZIE DER SCHRECKEN DER STRASSE, DER FLIEGENDE FERDINAND oder DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL sind bis heute lebendige Beispiele für die besonderen Qualitäten der tschechischen Produktionen. Bis heute genießen sie auch beim Heimpublikum einen hohen Stellenwert. Mit Einnahmen-Anteilen zwischen 30 und 40% bei der Kinoauswertung in den vergangenen Jahren hat das tschechische Kino höchste Akzeptanz beim Heimpublikum. Diese Werte werden in Europa ausschließlich von Frankreich übertroffen.

Mitbeteiligt bei vielen nationalen und internationalen Produktionen sind die Filmstudios Barrandov, eines der größten und ältesten Studios Europas. Auch nach dem Auseinandergehen der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Staaten im Jahr 1992, erfreute sich das große Prager Filmstudio einem äußerst vitalen Fortleben und konnte nicht nur durch kostengünstige Produktionsbedingungen, sondern vor allem durch eine äußerst professionelle und umfassende Infrastruktur viele internationale Großproduktionen nach Tschechien führen. Darunter etwa Brian DePalmas MISSION IMPOSSIBLE, HELLBOY oder CASINO ROYAL. Dennoch wanderten in den vergangenen Jahren begehrte Großproduktionen weiter gen Osten ab, vor allem nach Ungarn und Rumänien. Ein im Sommer 2010 beschlossenes EU-gestütztes Fördergesetz soll verstärkt wieder kapitalträchtige Filme in die großen Studios führen und ihren Status als eines der infrastrukturell bestaufgestellten weltweit weiter festigen.

Die Studios Barrandov wurden 1931 von den Brüdern Miloš und Václav Havel gegründet, letzterer der Vater des späteren tschechischen Präsidenten. Schon zehn Jahre später wurden die Privatiers von den deutschen Faschisten entmachtet. Die 1941 gegründete Prag-Film AG verleibte sich die Studios ein und realisierte während der Kriegsjahre Filme im Sinne der NS-Propaganda. Darunter auch eine der letzten begonnenen Produktionen unter der NS-Diktatur, SHIVA UND DIE GALGENBLUME mit Hans Albers und O.W. Fischer. Die Nazi-Führung erweiterte das Studio mit drei großen Bühnen von mehr als 3.400m² Arbeitsfläche, um die Studios neben Berlin und München zu einem weiteren Filmzentrum zu machen. Diese Hallen werden bis heute genutzt.

Obwohl die Studios nach dem Krieg verstaatlicht wurden, waren auch systemkritische Filme trotz Repressalien möglich. Insbesondere in der Mitte der 1960er entstanden so auch international vielbeachtete Titel wie DER LADEN AUF DEM KORSO von Ján Kadár und Elmar Klos oder Jirí Menzels LIEBE NACH FAHRPLAN, die beide den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewannen. Diese bekannten Vertreter für die Neue Welle in der Tschechoslowakei waren künstlerischer Ausdruck für einen auch politisch zunehmenden Drang nach Liberalisierung und Demokratisierung. Dieser gipfelte im Prager Frühling von 1968, der aber vor allem durch seine gewaltsame militärische Niederschlagung in Erinnerung bleiben sollte. Zu dieser Generation von Filmemachern gehört auch Miloš Forman, dessen 1968 veröffentlichter Film DER FEUERWEHRBALL unmittelbar nach Niederschlagung der Reformbewegung verboten wurde. Als einziger tschechischer Regisseur konnte sich Forman zu einer festen und überaus erfolgreichen Größe in Hollywood etablieren. 1984 kehrte er für seinen Film AMADEUS in die Barrandov-Studios zurück.

Neben Paris war vor allem auch Prag ein Zentrum für die Kunstströmung des Surrealismus im vergangenen Jahrhundert. Der Bedeutung der Filmstadt gemäß, fand diese besonders auch im Kino statt. Zum Beispiel im kürzlich auf DVD wiederauferstandenen VALERIE – EINE WOCHE VOLLER WUNDER von Jaromil Jires. Unweit von Prag findet sich auch das Atelier von Jan Švankmajer, dem dienstältesten und bekanntesten surrealistischen Filmkünstler Europas. Seit den 1960ern arbeitet er mit seinen ihm eigenen ästhetischen Mitteln des Animationsfilms in den Welten des Unausdeutbar-Befremdlichen, mischt in seinen Kurz- und Langfilmen Komik mit Düsternis. Sein jüngster Film PREZÍT SVUJ ZIVOT (TEORIE A PRAXE) feierte im September 2010 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig Premiere.

Aber auch Tschechien hat ein großes internationales Filmfestival, häufig als „kleinstes Festival der A-Kategorie“ bezeichnet, das Karlovy Vary IFF. Das seit 1946 veranstaltete Filmfest, das insbesondere im vergangenen Jahrzehnt sein Profil als bedeutendes europäisches Festival, insbesondere auch für den osteuropäischen Film, schärfte, hätte die politischen Umwälzungen nach dem Fall des Ostblocks beinahe nicht überlebt, wurde aber im Jahr 1994 erfolgreich durch öffentliche und private Zuwendungen und eine umfangreiche organisatorische Neustrukturierung gerettet. Das Festival und die tschechische Filmindustrie insgesamt reiten weiterhin erfolgreich über die Höhen und Tiefen der Kinogeschichte.

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Do, 30.12.2010 0

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29.01.2010

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