
Pottspotting Teil 1 - Die Landkarte für gute Orte im Ruhrgebiet
- Serie: Ökonomie
Mit dem Ziel, eine Landkarte für „gute Orte im Ruhrgebiet“ zu erstellen, ging pottspotting.de im April 2010 online. Seit Anfang des Jahres reist das Duo Sven Stienen und Sven Neidig mit Aufnahmegerät, Fotokamera und reichlich Leidenschaft durch das heimische Revier, das ihnen erst im Detail eröffnet, wie fremd mitunter das eigene Zuhause ist. 2010LAB.tv sprach auf einem anonymen Hausdach entlang der S1-Bahnlinie mit den beiden Er(d)kundlern.
Wenn ihr auf dem nächsten Familienfest erzählt, womit ihr eure kostbare Zeit verbringt, kommt mit Sicherheit irgendwann die Frage: „Und Junge, verdienst du auch gut daran?“ – Eure Antwort?
Stienen: Mit den guten Sachen verdient man meistens kein Geld, oder es ist schwieriger als mit mittelmäßigen.
Neidig: Im Moment verdienen wir gar nichts. Aber wir haben eine langfristige Perspektive.
Stienen: Wir machen einfach unseren Kram und wenn man dranbleibt und versucht gute Arbeit abzuliefern, dann wird früher oder später – das ist zumindest mein Ideal – etwas dabei herauskommen.
Wie schaut es losgelöst vom finanziellen „verdienen“ aus?
Neidig: Jenseits des Geldes bekommt man eine Menge. Was wir jetzt an Orten, Künstler, Geschäftsleute, Barbesitzer und Kulturschaffende kennenlernen, das hilft natürlich auch. Vitamin B ist schon extrem wichtig und nun haben wir die Gelegenheit, eine Menge Leute zu treffen. Das ist schön und bestimmt irgendwann noch mal hilfreich.
Stienen (links): Was neben dem Netzwerken ebenfalls wichtig ist, ist – das klingt jetzt wie eine Phrase – die Erfahrung. Es ist krass, was du dabei lernst, indem du machst, was du machst, aber auch was du über die Leute und die Städte erfährst. Wenn du in die Viertel reingehst und mit den Menschen sprichst, erzählen sie dir unheimlich viel. Das ist auch eine Art Kapital. Du weißt dann unglaublich viel, kennst die Szene und die Stadt.
Neidig: Es ist auch gut für das Ego. Man zieht endlich mal etwas durch und Leute sagen dir: „Ey, das finde ich gut!“ Das fühlt sich super an.
Stienen: Es ist nicht zuletzt das schöne Gefühl, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und damit zufrieden sein zu können.
Wer ist bei Pottspotting für welchen Bereich verantwortlich?
Stienen: Die Arbeitsteilung ist bei uns ziemlich klar.
Neidig: Zum Glück.
Stienen: Sven (N.) macht eher die technische Seite, sprich die Fotos und den Admin-Kram für die Seite. Ich schreibe die Texte, spreche mit den Leuten und bin so ein bisschen der Netzwerker.
Warum bedurfte und bedarf es im Ruhrgebiet einer Seite wie pottspotting.de?
Neidig (rechts): Weil es sie noch nicht gab! Wenn man versucht hat herauszufinden, was im Pott los ist, ist man nur auf unbefriedigenden Seiten gelandet, die entweder total kommerziell waren, oder total unprofessionell. Es gibt Magazine, die berichten viel über Locations, aber das dann immer super kurz und nur mit einem Foto, das dann meistens nicht so pralle ist. In anderen Städten wie Berlin gibt es so etwas wie uns hingegen häufiger.
Wir haben uns vorher auch beschwert, dass hier nichts los ist. Aber es nicht so, dass nichts los ist, man weiß nur nicht, wo etwas abgeht.
Stienen: Das Ding ist auch, dass große Medien wie coolibri, Prinz, Heinz et cetera natürlich gute Arbeit leisten, aber alles nur bis zu einem bestimmten Grad abbilden. Wenn du wirklich einmal Off-Locations und Szene-Events haben willst, stehen die oft nicht in den genannten Magazinen drin. Das heißt, du bist darauf angewiesen, in einer Stadt und in der Szene unterwegs zu sein und die Leute zu kennen, um an die Infos zu kommen.
Das hat dann wieder den Nachteil, dass Bochumer nur in Bochum und Essener nur in Essen Bescheid wissen. Unsere Idee war es, dass wir versuchen diese Netzwerke in allen Städten zu erforschen und übergreifend für das ganze Ruhrgebiet abzubilden.
Nach welchen Kriterien wählt ihr die Cafes, Geschäfte, Ateliers usw. aus?
Neidig: Nach unserem Gefühl.
Stienen: Was ich immer gerne als Auswahlkriterium nenne: Man muss spüren, dass mehr dahinter steckt, als das reine Geldverdienen. Du kommst in den Laden rein und du merkst, wie die Leute mit dir umgehen und wie der Ort von der Atmosphäre her wirkt. Daran erkennst du sofort, ob jemand mit Leidenschaft und Herzblut etwas aufgebaut hat, oder ob es in erster Linie darum geht, Kohle zu machen.
Nach meinem Eindruck stellt ihr die „spotted“-Orte stets in einem positiven Licht dar. Gibt es keine individuellen Kritikpunkte, zum Beispiel hinsichtlich Preise, Angebot, Freundlichkeit?
Neidig: Die Sachen, die wir kritisieren würden, machen wir nicht. Dafür haben wir keine Zeit.
Stienen: Genau, die Kritik findet bereits bei der Auswahl statt. Alles andere ist Platzverschwendung. Warum sollten wir Läden aufnehmen, die wir kacke finden? Wir wählen aus und in dem Moment, wo etwas auf unserer Seite erscheint, ist es aus unserer Sicht etwas unterstützenswertes.
Aber fehlt es den „spotted“-Orten nicht trotzdem an etwaigen Grautönen?
Stienen: Klar finden wir nicht immer jeden Laden hundertprozentig toll und manchmal denken wir: „Der war jetzt nicht so nett“ – aber wir haben das Ziel, dass die Leute da hingehen. Deshalb verzichten wir darauf, einzelne Punkte herauszugreifen und zu kritisieren, weil es in erster Linie darum geht, eine Begeisterung und eine Motivation bei Leuten zu erschaffen, Orte zu erkunden und rauszugehen.
Neidig: Gejammert wird schon genug!
Stienen: Die Leute sollen sich ein eigenes Bild machen und wenn die den Laden kacke finden, können sie bei uns dazu gerne einen Kommentar hinterlassen. Da kann immer noch ein Dialog entstehen.
--> Teil 2!
Fotos: Neidig/Blatt
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Schlag ins Gesicht
Das hier proklamierte Alleinstellungsmerkmal der Pottspotting-Macher ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die seit Jahren im Internet in Sachen Ruhrgebiet aktiv sind und weder kommerziell noch unprofessionell den Pott mit all seinen Facetten darstellen.