Pottspotting Teil 2 - RUHR.2010 war ein Arschtritt

Im ersten Teil des Interviews berichteten die Pottspotter Sven Neidig und Sven Stienen über die Entstehungsgeschichte ihres Projekts. In der Fortsetzung werfen sie nun einen Blick in die Zukunft, erzählen von unvergesslichen Begegnungen und erklären den Einfluss von RUHR.2010 auf die Off-Kultur der Region.


Der Start von Pottspotting ist augenscheinlich geglückt. Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

Neidig: Eine Menge. Erstmal werden wir jetzt damit anfangen, das modische Leben noch zu dokumentieren. „Stil in Berlin“-mäßig.

Stienen: Das läuft dann in der Kategorie „Leute“. Es gibt bereits die Kategorie „Locations“ und dabei natürlich die Leute, die an den Orten wirken, vorgestellt. Wir haben aber festgestellt, dass es viele Leute gibt, die coole Sachen machen, aber nicht an einen Ort geknüpft sind. Agenturen, Veranstalter, Handwerker et cetera. Die wollen wir auch vorstellen. Hinzu kommt noch die Kategorie „Veranstaltungen“, in der wir sporadisch auf einzelne Veranstaltungen hinweisen.

Letztlich soll eine „Digital-Map“ der Szene im Ruhrgebiet entstehen. Wir wollen im Prinzip nur sammeln und dokumentieren.

Neidig:
Wir müssen jetzt mal sehen, wie es 2010 so weiter läuft. Derzeit haben wir eine relativ stabile Leserschaft und wir gucken mal, wie viele „Fans“ sich noch generieren lassen.

Stienen: Es sind auch einige Events geplant. Da wird noch einiges passieren.


Fällt euch spontan eine Anekdote ein, die ihr seit Beginn von pottspotting erlebt habt und von der ihr sagt: „Krasse Geschichte!“?

Neidig: Ich war ziemlich begeistert von der Macherin des Café Budapest. Eine Frau aus Ungarn ist mit 50 Jahren arbeitslos geworden. Da ist man natürlich ganz, ganz schlecht dran. Aber anstatt sich hängen zu lassen und einfach nix zu machen, hat sie diesen Laden aufgemacht. Den gibt es jetzt seit acht Jahren und es ist wunderbar da drin.

Sie hat ihre eigenen Möbel dort hineingestellt, weil sie zu Beginn null Geld hatte und alle Gäste finden das jetzt so super, weil es aussieht, wie bei ihr zu Hause. Bei der Geschichte habe ich mir gedacht: Es geht doch etwas, man kann etwas verändern. An seinem eigenen Leben und an seinem Umfeld.

Stienen: Man hört das Gejammer, die schlechte Stimmung, Wirtschaftskrise, „der Pott ist scheiße“, bla bla bla… Aber dann geht man raus und sieht solche Beispiele, wie eben genanntes. Leute, die ihr Ding trotz aller Widerstände durchziehen und damit Erfolg haben. Das ist wieder so eine generelle Sache: Du gehst in die Viertel, sprichst mit den Leuten und jeder, der so einen Laden hat, hat eine Geschichte zu erzählen.

Total spannend und für mich im Zusammenhang mit pottspotting eine krasse Erfahrung. Du lebst in einer Stadt, aber du weißt gar nicht, was da los ist, bis du in die Läden gehst und mit den Leuten sprichst. Dort erfährst du, wie sich das Viertel entwickelt, wie es mit Anwohnern und dem Ordnungsamt ist.


Ihr betreibt nicht nur gezieltes pottspotting, sondern seid auch semi-privat auf zahlreichen Kunst- und Kulturveranstaltungen zu Gast. Welchen Eindruck habt ihr vom bisherigen RUHR.2010-Verlauf?


Neidig:
Vom offiziellen Verlauf habe ich fast gar keinen, weil ich nicht da war. Aber die Sachen, die Off-Location sind, sind cool. Es wird super viel gemacht, was nicht mit dem offiziellen Programm zu tun hat. Da sind eine Menge kreative Leute unterwegs.


Glaubst du denn, sie hätten ähnlich viel gemacht, wenn es parallel nicht die offizielle Kulturhauptstadt geben würde?


Neidig: RUHR.2010 war so ein bisschen ein Arschtritt.

Stienen: Ich glaube, gerade in Abgrenzung zur Kulturhauptstadt passiert unheimlich viel. Insofern ist RUHR.2010 wiederum wichtig, weil Underground und Off-Kultur etwas braucht, woran es sich reiben kann. Wenn alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, gibt es eigentlich gar keinen Bedarf laut zu sein. Die Kulturhauptstadt liefert da genug Reibungspunkte und treibt die Off-Szene voran.

Ich gehöre auch zu den Leuten, die die Kulturhauptstadt eher kritisch sehen, aber man muss schon sagen, dass in Ablehnung dazu viel passiert. Als Initialzündung war es schon ganz gut, um so eine Entwicklung in dieser Region überhaupt erstmal anzustoßen, die hoffentlich auch über 2010 hinaus weiter geht und dazu führt, dass man sich hier eine eigene Szene, eine eigene Identität und so weiter aufbaut und ein Kulturstandort wird, der auf der Landkarte wahrgenommen wird.

--> Teil 1


Fotos: Neidig/Blatt


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Mo, 02.08.2010 0

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05.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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