Alles JuSos? Fans der Berlin Music Week © Berlin Music Week

„pop meets politics“: Diskursreste bei der Berlin Music Week

Steinmeier will runderneuerte GEMA und die KSK für alle Kreativen öffnen

In Köln wie in Berlin gleichen sich die Bilder: Es ist Post-Popkomm-Zeit. Die Folge: Viele Einzelkonzerte, nur wenige offene Treffpunkte jenseits der Kleinspektakel. Einzig die SPD lädt bei „pop meets politics“ noch zu einem Gespräch über das Zusammenwirken von Popmusik, Wirtschaft und Politik und stellt die Ergebnisse eines „Kreativpaktes“ vor.

 

Städtevergleiche und Hauptstadtdefizite: The Great Pub Rock Revival?

Es war kein Unken bei den Berichterstattungen hier bei LABKULTUR in den letzten Jahren: Berlin fühlt sich nicht recht wohl mit seinem Mega-Musikindustrie-Event. Die Konsequenz nennt sich Gesundschrumpfen, was aber vor allem daran liegt, dass die Berlin Music Week 2012 ohne die Popkomm-Messe auskommen muss – die im letzten Jahr eh nur noch ein recht hohler, formalisierter Branchentreff war. Die all2gethernow macht inzwischen ihren Part lediglich mit Workshops und Tipps für den Branchennachwuchs. Eine dezentrale Clubnacht gibt es. Und das Berlin Festival bespielt weiterhin die Hangars auf dem Tempelhofer Feld, vor allem für die Jetset-Mainstream-Hipster Europas. Dieses Festival ist im Grunde der einzige größere Unterschied zum Kölner Geschehen. Platzierte man quasi die Dortmund Music Week in die Domstadt zur c/o pop und peppte sie etwas auf – zack, Berlin hätte eine Sorge weniger.

Denn die Hauptstadt ist musiktechnisch im Grunde „Kleinstadt aus Überzeugung“, wie das Stadtmagazin zitty titelt. Die hinzugezogenen Kleinstädter lieben ihre Kieze und Nachbarschaftskapellen, so heißt es, die Popkomm sei „ein Fremdkörper“ gewesen, man wolle nun eine „Berlinale der Musik“ werden. Denn die großen Branchentreffs wie in Austin lebten nun einmal genau von dem Charme, dass man eine Kleinstadt okkupieren könne. Äh, was denn nun? Aha: Berlin ist eine Kleinstadt-Ansammlung, die eben nicht wie eine Kleinstadt funktioniert. Hauptstadt-Verweigerung. Kuschel-Business. Aber irgendwie doch so Berlinale-mäßig, bitte…

Irgendwie ist dieser Selbstfindungs-Trip spannend, andererseits kann man sich schon fragen, wo jetzt noch in der Öffentlichkeit gesprochen werden soll über Pop/Wirtschaft/Politik. Oder ist das Thema jetzt quasi erledigt? Brauchen wir nur noch auf Ergebnisse des Diskurses warten? Auftritt: die SPD.

 

Der Kreativpakt und Fragen des internationalen Miteinanders im FritzClub

Wo sonst Hipster-Olympiaden und (explizitere) TrashPartys stattfinden, tritt zunächst ein möglicher Kanzlerkandidat und Ex-Außenminister namens Frank-Walter Steinmeier ans Mikrofon. Thema: „Zukunftsmusik – Eine Kreativbranche im Umbruch. Wege und Möglichkeiten für junge Talente“. Hintergrund: Angeregt durch die Forderung „Wir brauchen einen Kreativpakt“ durch Leute wie Paul van Dyk, Sascha Lobo und Tim Renner im Jahre 2009 hat sich die SPD zusammen mit dem "Kreativpakt e.V." des Themas angenommen, das wiederum von Frank-Walter Steinmeier vorher schon lanciert worden war. Ein schöner Doppelpass von Lobbyisten und Partei also, dessen Ergebnisse nun vorgestellt werden. Der ehemalige Vizekanzler über die Mitglieder des e.V. übrigens: "Leute, die etwas anderes denken als das was ist."

Steinmeiers kurz vorgetragene Analyse: „Faire Bezahlung und soziale Absicherung sind Fremdwörter geblieben für die Kreativbranche“, gleichzeitig werden von dieser „Projektarbeit und Unabhängigkeit“ gewünscht. Dies sei ein Widerspruch, so Steinmeier, den „die Politik nicht auflösen kann, aber sie kann helfen.“ Daher der Kreativpakt. Nun wird durchaus andernorts der Versuch betrieben, diesen „Widerspruch“ aufzulösen, zum Beispiel mit Selbstverpflichtungen von u.a. Verlagen zu Mindesthonoraren, mit dem französischen Modell, nach dem in Pausen von Projektarbeit Kulturschaffende einen Sockelbetrag erhalten (s. hier), usw. Von all dem findet sich in dem Kreativpakt aber nur bedingt Konkretes. Steinmeier führt an diesem Abend folgendes aus: Die Künstlersozialkasse sei für alle Kreativberufe zu öffnen. Existenzgründungen sollen erleichtert werden und die GEMA grunderneuert bei Stärkung des Urheberrechtes. Plus eine ausgedehntere Kultur- und Kreativwirtschaftsförderung. Klare Ansage Steinmeiers: Man wolle diese Ergebnisse „in Gesetzestexte gießen“. Der Text zum Pakt findet sich hier.

Beim in der anschließenden Runde vieldiskutierten Urheberrecht kommt bald die Frage auf, wie denn die GEMA für Gerechtigkeit sorgen will. Der in der Runde ebenfalls sprechende Michael Herberger merkt an, dass ihm bei all den Urheberrechten oft das Leistungsschutzrecht zu kurz kommt. Und wie global all dies durchsetzen? Soll eine deutsche Institution die Festplatten in südamerikanischen Diskotheken kontrollieren können? Und wie verfolgt man eigentlich die Verwendung illegaler Downloads in Kamerun? Tim Renner kann dazu nur sagen, er sei kein Jurist. (Ein guter Artikel zum Thema ist hier.) Dafür hat der Mann, der das Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie“ schrieb, eine Anekdote parat: Seine Tochter habe ja mit der Zweitstimme Piraten gewählt. Argument: „Meine Freunde und ich leben nun einmal vor allem in der digitalen Welt.“ Renner selbst ist neuerdings bei der IHK Berlin für den Bereich Kreativwirtschaft zuständig.

Spannend wird es jedenfalls sein, die Debatten um die Kreativbranche im kommenden Wahlkampf zu verfolgen, online wie offline. Ein einzelner Staat kann hierbei natürlich nicht alles im Alleingang lösen, erst recht nicht Fragen des globalen Güter- und Ideenverkehrs. Aber er kann zum Beispiel seine Sozialsysteme an die Gegenwart anpassen und Selbständigen generell die Freiheit zur Kreativität ermöglichen, die die Gesellschaft dringend braucht. Das könnte ja durchaus zu einer Art Standortvorteil werden.

Mo, 10.09.2012 1

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Kommentare

Update / Blick nach Frankreich

Da sich ja nicht nur die Frage stellt, was nach der nächsten Bundestagswahl mit der von Teilen der SPD angedachten Rentenversicherungspflicht für Selbständige wird, sondern auch wie es die neue Regierung in Frankreich mit ähnlichen Themen hält, hier etwas dazu (speziell im letzten Absatz): http://taz.de/Kulturpolitik-Frankreich/!101819/ Sarkozys Paläste sind also nicht mehr unsichtbare Zukunft, sondern eingestürzte Luftschlösser. Aber die Kreativschaffenden bleiben unterstützt wie im Artikel einmal mehr beschrieben. Wie wär's mal mit nem Interview mit Aurélie Filippetti? :)

Über den Autor

04.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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