
Politisch per se
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Tamar Baumgarten-Noort. Alle Palästinenser, so schreibt die Filmemacherin Mai Masri in „This Week in Palestine“, haben ein imaginäres Bild im Kopf von Palästina, ein selbstgeschaffenes Konstrukt, das sich wieder und wieder anschauen lässt wie ein Film. Ohne eine solche Phantasievorstellung, so die Regisseurin, sei es gar nicht möglich, sich in einer von Unrecht und Verzweiflung geprägten Welt eine eigene Identität zu bewahren.
Der palästinensische Film ist tatsächlich eher ein gedankliches Konstrukt. Faktisch ist Filmproduktion in den palästinensischen Gebieten ohne Hilfe von außen kaum möglich. Da die Hilfe von außen so gut wie immer politisch motiviert ist, lässt sich unabhängiges palästinensisches Kino auf heimischen Boden nur schwerlich realisieren.
Der Blick von außen
Das liegt auch daran, dass die Grundvoraussetzung für eine lebendige Kinokultur fehlt: 1987, mit Beginn der ersten Intifada, musste das letzte Kino im Gazastreifen schließen. Seitdem werden Filme von Initiativen auf DVD vorgeführt – und die Auswahl der Filme hängt wohl auch hier eher von der politischen Motivation der jeweiligen Initiative ab. Dennoch haben palästinensische Kunstschaffende sich in den letzten Jahren durchaus das Medium Film ausgesucht für ihre Arbeiten. Es sind Filme entstanden über Menschen in den besetzten Gebieten, die oft, aber nicht immer den politischen Konflikt zum Kern haben. Produziert werden solche Filme jedoch meist im Exil. Palästinenser haben andernorts eine Heimat gefunden – allein in Amerika leben eine halbe Million Menschen aus den besetzten Gebieten. Sie tauschen sich aus mit anderen Kulturschaffenden und schauen von außen auf den Konflikt. Entsteht ein Film im Exil, zeigt er also niemals nur eine „inneres“ Bild – er bezieht den Blick von außen mit ein. Das ist nicht zuletzt auch eine Voraussetzung für die Förderung der Filme mit europäischem oder amerikanischem Geld: Die Finanzierung wird gewährleistet für Projekte, die einen möglichst objektiven Blick auf die Situation der Palästinenser werfen. Jedes Projekt wird politisch bewertet. So ist das palästinensische Kino per se politisch – noch bevor es überhaupt zum Dreh gekommen ist. Die Politisierung des Kinos hat im palästinensischen Filmschaffen aber eine lange Tradition. Ende der 1960er Jahre, als die ersten palästinensischen Werke entstanden, nutzten Filmemacher das Medium, um ihre Situation darzustellen. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) förderte aus dem libanesischen Exil Filmprojekte. Die Filmabteilung und das Archiv wurden jedoch 1982 bei der israelischen Invasion zerschlagen.
Ein Kino für die besetzten Gebiete
Seit Mitte der 90er Jahre sind einige Filmemacher aus dem Exil zurückgekehrt und versuchen, das Zentrum ihres Filmschaffens in die Heimat zu verlegen. Ziel ist es, sich nicht mehr ausschließlich mit Fragen der nationalen Identität auseinander zu setzen. Die 2004 gegründete Initiative Palestine Film Forum will die brach liegende kulturelle Infrastruktur in den besetzten Gebieten wieder aufbauen. Sie führen Filme vor und laden Regisseure dazu ein, sammeln Geld für Filmproduktionen und wollen in Zukunft auch ausbilden. Sie wollen ein Netzwerk bilden, um die über die ganze Welt verstreuten palästinensischen Filmemacher zusammen zu bringen. Ihr nächstes Ziel ist aber: In den besetzten Gebieten soll es wieder ein Kino geben.
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