
Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen
Der "Tag des Urheberrechts" begann heute Morgen im Frühstücksfernsehen
- Serie: DIGITAL LIFE
Die Urheberrechtsdebatte hat den Mainstream erreicht. Zum „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ weckte uns die ARD heute mit einem Potpourri bunter Meinungen
Es ist 6:11 heute Morgen und ich bin, wie mit meinem Wecker verabredet, seit sechs Minuten wach. Der erste Griff geht immer zur Fernbedienung und ich schalte das Morgenmagazin ein. Ah, eine gute Woche! Die ARD ist dran und ich muss mich nicht schon am Montag über die Laienspielschar im ZDF ärgern. Als erste Information, die ich aufnehmen kann, wird mir eröffnet, dass heute der Tag des Urheberrechts ist. Ist ja interessant, dass die Debatte, die über Wochen in den Blogs und Foren im Netz stattfand, nun via Mainstream-TV den heimischen Frühstückstisch erreicht hat.
Das mit dem Urheberrecht hängt etwas verschämt am „Welttag des Buches“ und ist seit 1995 ein von der UNESCO eingerichteter Feiertag für die Kultur des geschriebenen Wortes und „auch“ für die Rechte ihrer Autoren, sagt Wikipedia. Von der Debatte allein der letzten vierzehn Tage konnte man 1995 rein gar nichts ahnen. Nichts davon, dass der Chefprogrammierer des Streamingportals kino.to zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde und dass der Gründer dieses Portals am 8. Mai vor Gericht steht. Nichts davon, dass die Verwertungsgesellschaft GEMA am vergangenen Freitag einen Prozess gegen die Videoplattform YouTube „gewann“, wie es die GEMA-Anwälte verstanden haben wollen. Und nichts davon, dass die Debatte um das Urheberrecht gerade auf fatale Weise mit der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung gekoppelt wird. Filesharing gehört sicher nicht kriminalisiert, wie der Ars Electronica Blog zuletzt noch letzten Freitag klarstellte, und Urheberrechtsverletzungen sind „keine schwere Straftat“.
Ebenfalls war 1995 noch nicht bekannt, dass dem Brötchen kauenden Zuschauer am heutigen Montagmorgen erst der Netzpolitik-Chef Markus Beckedahl, der Tatort-Drehbuchautor Jochen Greve, der Musikproduzent Matthias Arfmann (vor Jahren Teil des Duos Kastrierte Philosophen) und zu guter Letzt der Beauftragte für Urheberrecht der Piratenpartei, Bruno Kramm, präsentiert werden.
Apropos Brötchen. Eine Anwältin für Urheberrecht kommt mit dem Bäcker-Vergleich, der sich sein Brot ja schließlich auch täglich neu bezahlen lasse; dies gelte auch für Künstler und andere Kreative. Ach, sagt dazu der Pirat Bruno Kramm, geistiges und physisches Eigentum könne man doch nicht gegeneinander ausspielen; wer im Mediamarkt eine CD klaue, begehe eindeutig Diebstahl, wer nur Filesharing betreibe, nicht.
Im Übrigen, als erster Satz von Kramm: „Wir Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen!“ Allerdings wolle man die „kulturelle Schöpfung anders honorieren“, und außerdem verdienten an den langen Schutzfristen für geistiges Eigentum (70 Jahre) bloß die großen Verwertungsgesellschaften, und überhaupt seien die Menschen Jäger und Sammler und würden weiterhin neben den Downloads auch noch haptische Dinge wie Bücher kaufen, denn: „Die Menschen haben sehr viel Geld für Kultur übrig.“
Da steckt zwar auch viel Stuss drin, aber immerhin klingt das bedeutend moderater als die Pro-Piraten-Kommentare, die 16-Jährige gern posten und in denen Künstler, die von ihrer Arbeit und ihren Tantiemen leben wollen, mit Hartz 4-lern verglichen werden – diese ließen sich schließlich auch vom Staat und von der Allgemeinheit subventionieren. Meine Meinung zu diesem Unterpunkt: Der erfolgreiche Künstler soll von mir aus steinreich werden und vor Geld stinken – so taugt er als Role Model und Ansporn für viele Kids, die sehen, dass man „es“ durchaus mit Kultur schaffen kann. (Und sage niemand, das sei zynisch: Von Kagawa weiß auch jeder Zwölfjährige, wie viel er verdient, und geht trotzdem auf den Bolzplatz, um es ihm nachzutun – eine Stammplatzgarantie beim BVB ist damit nicht verbunden.) Und generell: Selbstverständlich haben Künstler bezahlt zu werden. Ich kaufe Bücher und zahle Downloads, weil ich will, dass dieser Krimiautor weiterschreiben und diese klasse neue Band weiter Songs aufnehmen kann. Wenn ich die nicht zahle, werden die Busfahrer – oder verkaufen Brötchen.
Teaserfoto: © Nmedia Fotolia.com
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