Physiker unter Starkstrom: Metal Hammer-Chefredakteur Christof Leim im Portrait

Ein studierter Physiker ist zugleich Musiker und Chefredakteur einer Hardrock-Institution: Christof Leim hat einen vollen Terminkalender und ist eigentlich dauernd auf Reisen. Trotzdem möchte er seinen Lebensmittelpunkt Bochum nicht missen.


Heavy Metal auf dem Lande


Der 36-Jährige ist bekennender Fan des Ruhrgebiets: „Ich mag die Leute und deren Einstellung. Es gibt hier kaum Menschen, die überkandidelt sind, so wie in den meisten deutschen Großstädten.“ Leim weiß, wovon er spricht, hat er doch schon in mehreren Metropolen gelebt und gearbeitet. Dabei war dieser Lebensweg nicht unbedingt vorhersehbar. Leim wächst in einem kleinen Dorf im Hunsrück auf, vom nahegelegenen Flugplatz Hahn aus startete die Billigfluglinie Ryan Air 1999 ihren deutschen Siegeszug.

Der kleine Leim hebt zuerst noch nicht so richtig ab, er wächst behütet auf, der Vater ist Manager im Gesundheitswesen, die Mutter arbeitet als technische Zeichnerin. Da seine beiden Geschwister jünger sind, kommt der Kontakt zur Musik wie so oft durch Freunde. „Eigentlich müsste ich meinem Kumpel Peter heute noch dankbar sein.“ Dieser Peter nämlich kopiert Leim Ende der Achtziger eine Kassette von AC/DC. „Blow Up Your Video“ mag zwar eines der schlechteren Alben der Australier sein, aber der Teenager ist sofort fasziniert von der Magie der Musik, die er da durch die eigene Anlage hört. Es ist die Grundlage für alles, was er seitdem beruflich gemacht hat. Ein Onkel von Peter nimmt ihm danach eine weitere AC/DC-Platte auf: „Let There Be Rock“, der Klassiker von 1977, ist bis heute Leims Lieblingsscheibe von Angus Young und Co. Eine weitere Initialzündung findet er im Edeka-Markt des Dorfes: Dort liegen jeden Monat exakt zwei Exemplare des deutschen „Metal Hammer“ im Regal. Das deutsche Hardrock- und Heavy Metal-Magazin, 1983 in Lüdenscheid gegründet und 1984 auf den Markt gekommen, findet genau zwei Abnehmer: Leim und seinen Freund Peter. Die Nachfrage ist komplett abgedeckt. Aber Lesen reicht ihm nicht: Der Gymnasiast will mehr und beginnt Gitarre zu spielen, „mit 15 Jahren, genau so spät wie Kirk Hammett von Metallica“.

Es ist noch nicht zu spät, er hat bald seine erste Band, die Punk spielt. „Die hieß Fridge, weil im Keller, den wir als Proberaum nutzten, ein Kühlschrank stand. Ich wollte ‚Heaven’s On Fire‘ von Kiss covern, die anderen aber ‚Religion‘ von Slime.“ Am Ende machen sie beides, und spielen auch Auftritte vor mehreren Hundert Zuschauern. In der Schule ist Leim trotz „scheiß Frisur“ kein Außenseiter, im Mathe-Leistungskurs und als Fantasy-Rollenspieler gefällt er sich, mit dem „Nerd-Faktor hoch zehn“ kommt er klar. Außerdem habe sich das bis heute nicht geändert, lacht er. Sein erstes Live-Konzert ist nicht unbedingt Metal-kompatibel: Klaus Lage in Saarburg bei Trier, auf der „Amtlich“-Tour. Der Grund ist weiblich und heißt Conny. 1991 sieht er endlich AC/DC live: auf der „Razors Edge“-Tour. „Das war spät, eigentlich bin ich damit wie ein ostdeutscher Jugendlicher aufgewachsen. Vor 1989 habe ich an Konzerten nichts mitbekommen.“


Zwischen Griffel und Gitarre


Er nimmt Gitarrenunterricht, lernt die Grundlagen bei einem Blues-Lehrer („typischer Sozialpädagoge“) und einem Jazzer („für die Grundlagen“). Der Rest ist Selbermachen. Nach dem Abitur mit 18 Jahren will er nicht erst studieren und dann eingezogen werden, sondern verweigert den Wehrdienst und leistet Zivildienst in einem Krankenhaus. Die Musik ruht nicht, Leim spielt weiter in lokalen Bands. Als er wegen des Studiums („Physik, konnte ich ganz gut“) nach Köln zieht, findet er nicht lange nicht die richtigen Gesinnungsgenossen für ein eigenes Projekt. Zuerst wollte er nach Heidelberg, dort ist es ihm zu langweilig, ihn interessiert die Kölner Musikszene mehr. „Fast wäre ich nach Karlsruhe gegangen, weil ich die deutsche Band Pink Cream 69 so toll fand.“

Nach fünf Jahren ohne Band findet er im Rheinland endlich Anschluss. Ende der Neunziger gründet er mit einigen Freunden die Metallica-Coverband Cunning Stunts, benannt nach einem Homevideo der Kalifornier. Damit brechen sie sogar im MTC, einem Kölner Club, den Zuschauerrekord. Eine tolle Zeit, wie Leim findet: „Wir sind in der Gegend rumgefahren, haben ein bisschen Geld gekriegt und viel gesoffen.“ Letzteres ist auch der Grund für seine journalistische Karriere: Auf einer Party gipfelt die Diskussion schließlich in der Erkenntnis, dass er sich die Daten, Zahlen und Fakten aus dem Hard- und Heavy-Bereich nicht ohne Grund mühelos merken kann: Also muss ein Praktikum her. Natürlich beim Marktführer in Sachen Starkstrom-Gitarren: beim „Metal Hammer“. Dort bewirbt er sich, vergisst aber anzugeben, wann er anfangen könne. Die Redaktion ruft trotzdem an und fragt nach. Eine gleichzeitige Initiativbewerbung beim Konkurrenz-Magazin „Rock Hard“ ist erfolglos, weil er zu wenig Erfahrung besitzt. „Tippse bei einer Schülerzeitung reicht nicht, es wurde jemand genommen, der schon ein eigenes Fanzine machte.“ Im April 1998 macht er ein vierwöchiges Praktikum in München, seit 1993 Sitz des „Metal Hammer“. Das Schreiben klappt gut, „nichts Preisverdächtiges, aber solide.“ Er wird NRW-Korrespondent des MH, nach mehreren Wechseln in der Chefredaktion bekommt er nach drei Jahren die Chance, als fester Redakteur erneut nach München zu gehen. Das Studium, das er während der freien Zeit als Schreiber etwas schleifen lässt, schließt er auf Raten des damaligen Chefredakteurs aber ab. Am Ende werden es 16 Semester. Jetzt kann er die Sache, die ihm sehr am Herzen liegt, endlich hauptberuflich ausüben. „Schreiben über Musik ist das Zweitbeste nach Rockstarsein.“ Sein Vater sieht das anders, aber seine Entscheidung steht fest: Im April 2001 zieht er nach München, um ein Volontariat beim „Metal Hammer“ zu beginnen. „Studium fertig, Trennung von der damaligen Freundin, der Zeitpunkt war im Nachhinein betrachtet ideal.“


Homebase Bochum


Nach der „singulär-besten Entscheidung“ seines Lebens und der abgeschlossenen Ausbildung bekommt er eine Festanstellung als Redakteur. 2004 die Zäsur: Mit 30 zieht er nach Donzdorf auf die schwäbische Alb zu seiner Freundin Anja, die bei der Plattenfirma Nuclear Blast arbeitet, Leim leitet als Chefredakteur das „Blast!“-Magazin. Er wird Vater einer Tochter, steigt 2005 bei den Traceelords, einer Mülheimer Band, und bei Sinner, ebenfalls eine deutsche Heavy Rock-Band ein; er schmeißt den Job im Ländle und zieht nach Bochum, macht sich selbstständig. Die Musik wird wieder zum professionellen Mittelpunkt. Das Schreiben läuft nebenher, er arbeitet für Gitarren-Magazine und betreut Künstler. Berührungsängste oder gar -Konflikte sieht er nicht, er trennt seit je her beide Professionen: „Ich bin niemand von der sogenannten ‚Muckerpolizei‘, ich verstehe natürlich, was und wie die Leute spielen, aber die beiden Jobs stehen sich nicht im Weg. Nur wenn man mit einer Band auf Tour geht und dann später deren Platte bewerten muss, fällt das schwer.“

Am 1. Januar 2010 übernimmt er den Posten des Chefredakteurs beim „Metal Hammer“, der nach Berlin zieht. Seitdem pendelt er. Im Ruhrgebiet, speziell in Bochum, fühlt er sich pudelwohl. Noch zu Kölner Zeiten fährt er ständig in die Zeche Carl nach Essen und nach Bochum in die Zeche oder den Rockpalast, wie die Matrix damals hieß. Dort sieht er viele seiner besten Konzerte, die Gig-lose Jugend ist vergessen. Auch Leim kann sich dem Klischee nicht entziehen: Sein erster Gedanke beim Ruhrgebiet-Debüt ist: „Mensch, ist das grün hier.“ Das Ruhrgebiet ist ihm sympathisch. Der Hauptgrund: Es ist immer viel los. Und es ist zentral: Die eine Band (Sinner) in Stuttgart, die andere (nach Auflösung der Traceelords gründet er 2008 The New Black) in Würzburg, der Job in der Hauptstadt: Leim ist ständig auf Tour, möchte dieses Zigeunerleben mit 50 nicht mehr machen, aber die dargebotene Chance nutzen.

Zwar wird es in den Zeiten von Internet und digitalen Downloads immer schwieriger, die Jugend an ein Magazin zu binden, aber Leim ist optimistisch: „Mittlerweile ist es egal, wo man ein Magazin macht, Hauptsache, in der Nähe passiert genug. Ob das nun Berlin, Hamburg, Essen oder München ist - egal. Die Ruhrgebietsverbindung des ‚Metal Hammer‘ besteht nur noch durch die Musik dort und einige Personalien.“ Seit Beginn des Jahrtausends erscheint das Blatt im Axel Springer Verlag, etwas ungewöhnlich, aber Leim möchte die vorhandene Infrastruktur und die möglichen Synergien mit der „Welt“-Gruppe nicht missen. „Klaus Meine von den Scorpions hat einmal gesagt, dass es früher keine Rockfans über 30 gab. Das ist heute anders. Metal und Rock werden alt, Bands treten ab, Musiker sterben. Aber der Nachwuchs ist vorhanden.“ Die Medien müssten sich überlegen, in welchem Forum sie etwas anbieten. Der junge Fan konsumiert nämlich anders und schnelllebiger als früher. Deswegen arbeitet Leim mit seinem Team weiter am Ausbau des Internetangebots. „Man muss das Lebensgefühl authentisch transportieren. Rock’n’Roll ist Jugendkultur, aber man muss neben der Begeisterungsfähigkeit auch herausstellen, dass Experten am Werk sind. Die findet man nicht in irgendwelchen Blogs. Journalistisches Können auch nicht.“

Fotos: Andy Buchanan, Matthias Schneider,
Severin Schweiger, Claudia Rose, Mirko Scheibeck

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Di, 22.02.2011 1

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Haha! Sehr geil! ;-D

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Über den Autor

17.02.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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