
Pauluskirche und Kultur: Eine Bastion gegen den Dortmunder Mainstream
Die kleinen Clubs und Kneipen in Dortmund haben es schwer gegen Fußball, Bierschwemmen und Kommerz. Das kleine gallische Dorf für die etwas netteren Konzerte ist in diesem Fall in einer Kirche zu finden. Ein Gespräch mit den Veranstaltern Joffrey Marc Kallweit und Matthias Meyer im (ebenfalls empfehlenswerten) Rasthaus Fink auf dem Nordmarkt.
Jens Kobler: Wie kommt man dazu, freier Konzertveranstalter in Dortmund zu werden?
Joffrey Marc Kallweit: Im Prinzip bin ich seit ich 14, 15 Jahre alt bin in Jugendgruppen in der Pauluskirche tätig gewesen. Und vor ein paar Jahren haben wir gemeinsam überlegt, mal etwas anderes anzubieten, um alles etwas mehr zu öffnen. Diesen Vorschlag haben wir dem Pfarrgemeinderat vorgelegt und konnten dann zunächst versuchsweise Konzerte veranstalten. Das geht nun seit etwa vier, fünf Jahren so, und zwar ohne finanzielle Mittel von der Gemeinde, einfach indem wir den Raum zu Verfügung gestellt bekommen.
Matthias Meyer: Als die Reihe begann war ich eher als eine Randfigur dabei. Im Laufe der Zeit haben sich dann einige Aktive zurückgezogen, und seitdem kümmere ich mich mit um die Veranstaltungen.
Joffrey Marc Kallweit: Damals haben wir gesagt: Gut, wir machen mit einem kleineren Team weiter, also auch mit kleineren, aber regelmäßigen Veranstaltungen. Im Moment bedeutet das in der Regel ein Konzert im Monat.
Matthias Meyer: Dabei geht es im Grunde um zwei Locations: Größere Konzerte finden im Kirchenschiff statt, mit dem Altarrraum als Bühne, kleinere auf der Empore.
Joffrey Marc Kallweit: Also Kapazitäten für 500 oder 50, 60 Gäste.
Jens Kobler: Als ich einmal zu einem Konzert da war, sprach ich mit einem Journalistenkollegen darüber, dass die Kirchen hier ja weniger werden, aber immer Orte sind, die eine Ausstrahlung, auch von Kultur, in ihre Viertel besitzen. Und wir fragten uns dann, warum in leer stehenden, aber auch in aktiven Kirchen nicht öfter Kulturveranstaltungen stattfinden. Außerdem müssten sich die Gemeinden doch generell in schwierigen Zeiten eher öffnen, ob aus missionarischen Gründen oder auch einfach nur, um den Mitgliederschwund aufzufangen. Warum passiert das so selten?
Joffrey Marc Kallweit: Ich glaube, das sind die Ängste. Mich persönlich kennen die konservativeren Kräfte im Kirchenvorstand, in dem ich auch bin, schon länger. Und so konnte ich sie überzeugen, mir zu vertrauen, dass da nichts passiert, was sie überrennen könnte in dem Sinne, dass die Kirche dann kein Gotteshaus mehr sei, sondern eine Art Disco oder so etwas. Das Inventar leidet manchmal sogar ein klein wenig, zum Beispiel wenn Leute mit ihren Nieten auf den Bänken sitzen oder einfach schweres Gerät transportiert wird. Aber das wird toleriert, weil alle Besucher sehr nett sind und nie Stress machen. Wir mussten innerhalb von vier Jahren zwei Leute entfernen – und das ist nun wirklich für niemanden ein Problem.
Jens Kobler: Zur Popkomm in Berlin gab es unter anderem ein Konzert in einer Kreuzberger Kirche, mit recht Folk orientiertem Programm. Da fiel mir auch auf, dass es da nicht zwingend Widersprüche geben muss zwischen jeweiligen Ansprüchen, aber erst recht nicht in punkto Atmosphäre und vor allem Akustik. Und Sitzkonzerte gibt es ja auch sonst außerhalb von Kirchen…
Joffrey Marc Kallweit: Wir haben natürlich fest montierte Bänke, außer auf der Empore, und die Leute nutzen das gerne, obwohl sie sich selbstverständlich genauso gut hinstellen könnten. Die Akustik in Kirchen ist für "gewöhnliche" Rockkonzerte übrigens nicht so geeignet, weil sich der Sound dann sehr überschlägt. Ein Schlagzeug ist kein Problem, aber es sollte halt alles in einer ruhigen Gangart geschehen.
Matthias Meyer: Es gibt also ganz klar auch vollständige Bands zu sehen, ebenso wie elektronische Acts oder auch einmal eine Lightshow.
Jens Kobler: Und von der Akustik her nehmen dann die Bands kurzzeitig – zumindest fast - den Platz des Pfarrers ein, auf den ja die ganze Akustik zugeschnitten ist,…
Joffrey Marc Kallweit: …, zumindest bei den Konzerten unten im Kirchenschiff, ganz ähnlich wie früher in den Amphitheatern, bei denen es dasselbe Prinzip gab, ja.
Jens Kobler: Also sogar optimaler als für eine Tanzparty.
Joffrey Marc Kallweit: Und das ist auch der Grund, der Klang, weshalb viele Künstler sogar bei nicht so gut besuchten Konzerten wie jetzt im Sommer sagen, dass sie schon deshalb gerne wiederkommen werden.
Jens Kobler: Kontemplation und Zuhören sind also manchmal eher gefragt als Szenegequatsche während des Auftritts und Gedrängel an der Theke. Das gilt bestimmt auch für die Bands selbst, oder? Wie reagieren die? Und gibt es in Dortmund – ähnlich wie in Essen – auch ein Defizit an guten Konzerten von Bands, denen man auch gerne zuhört, und die nicht nur von Bookingagentur-Abgreifern als Veranstaltern durchgeführt werden, die immer gucken müssen, dass sie bloß den aktuellen Nischen-Hype gebucht bekommen?
Matthias Meyer: Beim letzten Konzert im September haben wir drei Acts der Songs and Whispers Tour spielen lassen, die gerade zusammen auf Tour sind. Ansonsten gibt es Hinweise von Bekannten oder auch Bands, die direkt bei uns angefragt haben.
Joffrey Marc Kallweit: Es darf natürlich auch nicht zu laut oder blasphemisch werden. Der Walter Elf zum Beispiel mussten wir leider absagen für ihr Reunionkonzert. Ansonsten geben die Konditionen, die wir bieten können, der Terminplan der Kirche und auch die Möglichkeiten unseres Teams die Rahmenbedingungen ab dafür, was wir veranstalten können. Ich habe aus meinen Zeiten als P.A.-Verleiher eine Anlage, Matthias ist Grafik-Designer, dann müssen noch die Getränke organisiert werden, und all das neben der normalen Arbeitszeit… Da sind zwei Konzerte in einem Monat schon ein gewisser Aufwand, und es wäre schön, wenn wir all das auf eine breitere Basis an Helfern stellen könnten.
Die Bands jedenfalls finden sowohl den Ort sehr schön als auch die Tatsache, mit einem Team recht persönlich zusammen zu arbeiten. Das ist schon etwas anderes als an Orten, wo Angestellte nichts anderes machen, als permanent Konzerte und Partys zu betreuen. Bei uns werden die Brötchen noch von Hand geschmiert, und auch das wird bemerkt.

Matthias Meyer: Und was Dortmund betrifft: Das ist schon ein schwieriges Terrain.
Marc Joffrey Kallweit: Sogar professionelle Veranstaltungsorte haben hier Probleme, ein Publikum jenseits des Mainstreams zu finden.
Jens Kobler: Selbst nach dem letzten Juicy Beats haben sich bei mir DJs über das Publikum beschwert, weil ein relativ distinguiertes Programm anscheinend nicht zu der Konsumorientiertheit der Leute hier passt. Ausgerechnet in der sogenannten „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Dabei heißt es ebenso oft, es sei jetzt eine gute Zeit für Nischenmusik. Muss man Techno, irgendeine Spielart von Rock oder Oldie- und Pop-Partys machen, um im Ruhrgebiet als Veranstalter zumindest überleben zu können, ohne das Geld aus anderen Quellen in die Veranstaltungsorte zu blasen? Gibt es Widerstand nur noch im Ehrenamt?
Marc Joffrey Kallweit: Schon als wir das Projekt gestartet haben, sagte einer von uns: „Selbst für relativ angesagte Bands, die woanders Hallen füllen, ist Dortmund schwierig.“ Und so haben wir uns immer vor allem darum gekümmert, Bands zu engagieren, die zu unserem Konzept passen. Man kann sich ja als potentieller Gast leicht vorher informieren, welche Musik die machen. Die Kultur, sich einfach mal eine Band – sogar bei freiem Eintritt – anzuschauen, die nicht von einem Bohlen oder Raab oder sonst wie über die Medien groß eingeführt worden ist, diese Kultur ist hier kaum vorhanden. Hinzu kommt, dass auf dem Land ein Konzert noch ein Event ist, weil es die Ausnahme ist - im Ruhrgebiet nicht. Man trifft hier eher auf eine Mischung aus Überforderung und Gleichgültigkeit.
Jens Kobler: Zum Glück nicht überall. Vielen Dank für das Gespräch!
Nächster Termin:
Mittwoch, 29.09.2010: Schöftland (CH) (http://www.schoeftland.com)
Beginn: 20 Uhr. Eintritt: 6 Euro.
Fotos: Kay Berthold (http://www.kayberthold.com)
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Joffrey Marc Kallweit: Also Kapazitäten für 500 oder 50, 60 Gäste.
Jens Kobler: Als ich einmal zu einem Konzert da war, sprach ich mit einem Journalistenkollegen darüber, dass die Kirchen hier ja weniger werden, aber immer Orte sind, die eine Ausstrahlung, auch von Kultur, in ihre Viertel besitzen. Und wir fragten uns dann, warum in leer stehenden, aber auch in aktiven Kirchen nicht öfter Kulturveranstaltungen stattfinden. Außerdem müssten sich die Gemeinden doch generell in schwierigen Zeiten eher öffnen, ob aus missionarischen Gründen oder auch einfach nur, um den Mitgliederschwund aufzufangen. Warum passiert das so selten?
Joffrey Marc Kallweit: Ich glaube, das sind die Ängste. Mich persönlich kennen die konservativeren Kräfte im Kirchenvorstand, in dem ich auch bin, schon länger. Und so konnte ich sie überzeugen, mir zu vertrauen, dass da nichts passiert, was sie überrennen könnte in dem Sinne, dass die Kirche dann kein Gotteshaus mehr sei, sondern eine Art Disco oder so etwas. Das Inventar leidet manchmal sogar ein klein wenig, zum Beispiel wenn Leute mit ihren Nieten auf den Bänken sitzen oder einfach schweres Gerät transportiert wird. Aber das wird toleriert, weil alle Besucher sehr nett sind und nie Stress machen. Wir mussten innerhalb von vier Jahren zwei Leute entfernen – und das ist nun wirklich für niemanden ein Problem.
Jens Kobler: Zur Popkomm in Berlin gab es unter anderem ein Konzert in einer Kreuzberger Kirche, mit recht Folk orientiertem Programm. Da fiel mir auch auf, dass es da nicht zwingend Widersprüche geben muss zwischen jeweiligen Ansprüchen, aber erst recht nicht in punkto Atmosphäre und vor allem Akustik. Und Sitzkonzerte gibt es ja auch sonst außerhalb von Kirchen…
Joffrey Marc Kallweit: Wir haben natürlich fest montierte Bänke, außer auf der Empore, und die Leute nutzen das gerne, obwohl sie sich selbstverständlich genauso gut hinstellen könnten. Die Akustik in Kirchen ist für "gewöhnliche" Rockkonzerte übrigens nicht so geeignet, weil sich der Sound dann sehr überschlägt. Ein Schlagzeug ist kein Problem, aber es sollte halt alles in einer ruhigen Gangart geschehen.
Matthias Meyer: Es gibt also ganz klar auch vollständige Bands zu sehen, ebenso wie elektronische Acts oder auch einmal eine Lightshow.Jens Kobler: Und von der Akustik her nehmen dann die Bands kurzzeitig – zumindest fast - den Platz des Pfarrers ein, auf den ja die ganze Akustik zugeschnitten ist,…
Joffrey Marc Kallweit: …, zumindest bei den Konzerten unten im Kirchenschiff, ganz ähnlich wie früher in den Amphitheatern, bei denen es dasselbe Prinzip gab, ja.
Jens Kobler: Also sogar optimaler als für eine Tanzparty.
Joffrey Marc Kallweit: Und das ist auch der Grund, der Klang, weshalb viele Künstler sogar bei nicht so gut besuchten Konzerten wie jetzt im Sommer sagen, dass sie schon deshalb gerne wiederkommen werden.
Jens Kobler: Kontemplation und Zuhören sind also manchmal eher gefragt als Szenegequatsche während des Auftritts und Gedrängel an der Theke. Das gilt bestimmt auch für die Bands selbst, oder? Wie reagieren die? Und gibt es in Dortmund – ähnlich wie in Essen – auch ein Defizit an guten Konzerten von Bands, denen man auch gerne zuhört, und die nicht nur von Bookingagentur-Abgreifern als Veranstaltern durchgeführt werden, die immer gucken müssen, dass sie bloß den aktuellen Nischen-Hype gebucht bekommen?
Matthias Meyer: Beim letzten Konzert im September haben wir drei Acts der Songs and Whispers Tour spielen lassen, die gerade zusammen auf Tour sind. Ansonsten gibt es Hinweise von Bekannten oder auch Bands, die direkt bei uns angefragt haben.
Joffrey Marc Kallweit: Es darf natürlich auch nicht zu laut oder blasphemisch werden. Der Walter Elf zum Beispiel mussten wir leider absagen für ihr Reunionkonzert. Ansonsten geben die Konditionen, die wir bieten können, der Terminplan der Kirche und auch die Möglichkeiten unseres Teams die Rahmenbedingungen ab dafür, was wir veranstalten können. Ich habe aus meinen Zeiten als P.A.-Verleiher eine Anlage, Matthias ist Grafik-Designer, dann müssen noch die Getränke organisiert werden, und all das neben der normalen Arbeitszeit… Da sind zwei Konzerte in einem Monat schon ein gewisser Aufwand, und es wäre schön, wenn wir all das auf eine breitere Basis an Helfern stellen könnten.
Die Bands jedenfalls finden sowohl den Ort sehr schön als auch die Tatsache, mit einem Team recht persönlich zusammen zu arbeiten. Das ist schon etwas anderes als an Orten, wo Angestellte nichts anderes machen, als permanent Konzerte und Partys zu betreuen. Bei uns werden die Brötchen noch von Hand geschmiert, und auch das wird bemerkt.

Matthias Meyer: Und was Dortmund betrifft: Das ist schon ein schwieriges Terrain.
Marc Joffrey Kallweit: Sogar professionelle Veranstaltungsorte haben hier Probleme, ein Publikum jenseits des Mainstreams zu finden.
Jens Kobler: Selbst nach dem letzten Juicy Beats haben sich bei mir DJs über das Publikum beschwert, weil ein relativ distinguiertes Programm anscheinend nicht zu der Konsumorientiertheit der Leute hier passt. Ausgerechnet in der sogenannten „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Dabei heißt es ebenso oft, es sei jetzt eine gute Zeit für Nischenmusik. Muss man Techno, irgendeine Spielart von Rock oder Oldie- und Pop-Partys machen, um im Ruhrgebiet als Veranstalter zumindest überleben zu können, ohne das Geld aus anderen Quellen in die Veranstaltungsorte zu blasen? Gibt es Widerstand nur noch im Ehrenamt?
Marc Joffrey Kallweit: Schon als wir das Projekt gestartet haben, sagte einer von uns: „Selbst für relativ angesagte Bands, die woanders Hallen füllen, ist Dortmund schwierig.“ Und so haben wir uns immer vor allem darum gekümmert, Bands zu engagieren, die zu unserem Konzept passen. Man kann sich ja als potentieller Gast leicht vorher informieren, welche Musik die machen. Die Kultur, sich einfach mal eine Band – sogar bei freiem Eintritt – anzuschauen, die nicht von einem Bohlen oder Raab oder sonst wie über die Medien groß eingeführt worden ist, diese Kultur ist hier kaum vorhanden. Hinzu kommt, dass auf dem Land ein Konzert noch ein Event ist, weil es die Ausnahme ist - im Ruhrgebiet nicht. Man trifft hier eher auf eine Mischung aus Überforderung und Gleichgültigkeit.
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Mittwoch, 29.09.2010: Schöftland (CH) (http://www.schoeftland.com)
Beginn: 20 Uhr. Eintritt: 6 Euro.
Fotos: Kay Berthold (http://www.kayberthold.com)
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