Palaixbrut bringt inklusive Kunst ins Ruhrgebiet

Das Projekt palaixbrut will Kulturarbeit in der Rhein-Ruhr-Region strukturell um die Kombination Kunst und Behinderung erweitern und in einen internationalen Kontext stellen. Aktuell läuft noch bis Ende dieser Woche die Veranstaltungsreihe "metamorphopolis". 2010LAB.tv sprach mit Lis Marie Diehl, einer der Macherinnen hinter dem Projekt, über Ziele und Perspektiven ihrer Arbeit.

Worum geht es bei Eurem Projekt?

Lis Marie: Das Projekt heißt palaixbrut und die aktuelle Projektphase heißt metamorphopolis. Es ist ein interdisziplinäres, inklusives Kunstprojekt im Rahmen von Ruhr.2010 und TWINS. Inklusiv heißt in unserem Fall, dass Menschen unabhängig von Behinderung oder Nicht-Behinderung teilnehmen können, also es machen auch Leute mit, die in anderen Kontexten als behindert gelten würden. Wir arbeiten in mehreren Sparten, unter anderem Performance, Musik, Kunst, Video und Literatur. Ort des Geschehens ist eine ehemalige Industriehalle in einem Gewerbehof in Dortmund, dort können die unterschiedlichen Spezialisten schön zusammenarbeiten. Wir haben zwei Wochen lang unterschiedliche Sachen gemacht, zum Beispiel verschiedene Veranstaltungen in der Innenstadt, Kurzfilmabende, Live-Elektronik. Heute Abend gibt es noch eine weitere Performance im öffentlichen Raum und morgen dann ein Abschlusssymposium.

Was ist das Ziel Eurer Arbeit?

In den zwei Wochen haben wir das Ziel, Leute zu erreichen und interessante Prozesse anzustoßen. Es ist auch eine der Funktionen von metamorphopolis innerhalb des Gesamtprojektes, inklusive Kunstproduktionen hier im Ruhrgebiet bekannter zu machen. Viele Menschen hier kennen so etwas noch nicht oder denken, sobald jemand mit Behinderung Kunst macht, ist das gleich Therapie. Das Gesamtziel von palaixbrut ist es, solche inklusiven Kunstproduktionen hier dauerhaft zu etablieren, so wie es in Hamburg oder Berlin schon lange der Fall ist. So dass Menschen, die zum Beispiel in einer Werkstatt für Behinderte arbeiten, auch Künstler von Beruf sein können.

Habt Ihr Kontakte zu den Initiativen in Hamburg und Berlin?

Ja, wir haben in verschiedener Weise zu allen Gruppen Kontakt. Es gibt ein Künstlerkollektiv in Hamburg, die sich viel mit Musik beschäftigen, da arbeitet auch jemand von palaixbrut mit, das ist die engste Verbindung. Mit den anderen Gruppen besteht aber auch ein fachlicher und meist auch freundschaftlicher Austausch.

Kann das Ruhrgebiet ein fruchtbarer Boden für eine Initiative wie die Eure sein? Bist Du zuversichtlich was 2011 angeht?

Wir werden sehen – es hängt natürlich auch davon ab, wie sich die Kulturpolitik nach der Kulturhauptstadt gestalten wird. Wenn hier sämtliche Kulturförderung zusammenbrechen würde, hätten wir ein Problem, weil wir nicht in irgendein System der Behindertenhilfe eingebunden sind. Wir gehören zu keinem großen Träger, sondern sind ein kleiner Verein. Dass es die anderen Initiativen in Hamburg und Berlin schon seit Ewigkeiten gibt, ist natürlich ein Zeichen, dass es dort offensichtlich mehr Boden dafür gibt, im Sinne von Kulturförderung. Aber das inhaltliche Interesse an der Arbeit ist hier auf jeden Fall auch groß, das merken wir jetzt. Deswegen muss man da vielleicht etwas „rumdoktern“, um eine Lösung für so eine Institution zu finden, aber vom Interesse her haben wir kein Problem.

Was passiert bei Euch noch bis Ende der Woche?

Man kann heute Abend gegen 18.30 Uhr in die Rheinische Str. 143 kommen und gemeinsam mit uns in die Innenstadt fahren, oder gegen 19 Uhr in die Rheinoldikirche kommen. Da gibt es die letzte Performance im öffentlichen Raum, einen extra für diesen Abend entwickelten Fluxus-Chor.
Morgen gibt es ab 12 Uhr den ganzen Tag Shows und Gespräche über das Projekt und angrenzende Themen. Da kommen ziemlich interessante Leute, zum Beispiel der Carsten Helmich von Juicy Beats, die Leiterin des Dortmunder Kulturbüros und einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wer lieber feiern will, kann morgen zum Konzert von Harmonious Thelonious und zur Abschlussparty ab 20 Uhr kommen.

Die aktuelle Reihe läuft noch bis Samstag, den 11.9. in der Rheinischen Str. Hier noch mal ein Überblick:

10. September // 18.30 Uhr metamorphopolis_stadt und aktion
Kunstaktion im öffentlichen Raum von und mit Tobias Bade [Hamburg], Christian Fleck [Hamburg], Ersan Ocak [Istanbul], Melanie Schmitt [Frankfurt] u.a.

11. September // 12.00 Uhr metamorphopolis_wort und gedanke
Symposium mit Mitwirkenden der metamorphopolis sowie Fachleuten aus Kunst, Wissenschaft, Medien und Politik

11.September // 20.00 Uhr metamorphopolis_töne und tanz
Konzert und Party live: Harmonious Thelonious // DJ: Christian Fleck & Tobias Bade

Zum Abschluß der metamorphopolis gibt es ein rauschendes Fest. Bei Harmonious Thelonious handelt es sich um ein neues Projekt von Stefan Schwander [antonelli]. Wir sind gespannt auf sein Live-Set, das er selbst beschreibt als elektronisch und zu gleichen Teilen von frühen Minimalisten [60s american] und afrikanischen Rhythmen und Spielarten beeinflusst.
Fotos: Philipp Haas

www.palaixbrut.org


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Fr, 10.09.2010 2

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Kommentare

Ein sehr interessantes Thema...

...und ein schönes Interview. Inklusive Kunst war mir als Begriff bislang auch unbekannt. Lieber Sven, daran hast du nun einiges geändert :-)

Linktip

Dieser Link könnte zu dem Thema auch noch ganz interessant sein: http://www.inclusion-life-art-network.de/

Über den Autor

19.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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