Ovid hätte Punk gehört



Schöpfung ist bekanntlich kein Kindergeburtstag, erst Recht, wenn sie ex nihilo ist. Das wusste auch Ovid als er kurz nach Christus seine "Metamorphosen" schrieb. Die behandeln dann eben nicht nur, wie aus dem Chaos Ordnung wurde, sondern erzählen detalliert, wieso Schöpfung als Veränderung allem Sein zu Grunde liegt. 15 Bücher braucht das dann, eine wirklich schwere Geburt – und auf der Bühne auch gern mal schwer verdauliche Kost. Dass man sich dem Stoff auch mit mehr Gloria nähern kann, das beweist Leik Eicks Inszenierung im Theater unter Tage am Schauspielhaus Bochum.
 

Eine 6-köpfige Band spielt laute U-Musik, die Protagonisten trinken Hansa und sammeln natürlich auch den Dosenpfand. Und ja, als die Protagonisten noch nicht zur "Krone der Schöpfung" aufgestiegen sind, da zehren sie sich nach Döner und Frikadellen und schimpfen über 4,50 Euro für ne Tüte Pommes. Diese letzte Sequenz wirkt in der Tat etwas befremdlich (und steht, Überraschung, natürlich so nicht im Text), gewinnt aber im Kontext mit der Abschlussszene (siehe Video) Sinn. Denn auch Ovid (neben vielen anderen Menschen im 2010lab) hat sich mit dem Thema Vegetarismus befasst:

"Lasst uns nicht anfüllen den Bauch mit thyestischem Mahle! Wie zum Schlimmen gewöhnt, wie wird zum menschlichen Morde Jener Vermessne bereit, der die Kehle mit schneidendem Eisen öffnet dem Kalb und das Brüllen vernimmt gleichgültigen Ohres oder zu würgen vermag das Zicklein, welches Gewimmer, ähnlich dem kindlichen Laut, ausstößt, und den Vogel zu speisen, Den er fütterte selbst! Wie viel bei solchem Verüben Fehlt zum wirklichen Mord! Wohin lässt solches entarten!" (Ovid, Metamorphen, Buch XV, Vers 462ff)

Es irgendwie Mode zu sein, klassische Stücke in ein möglichst verrücktes Gewand zu kleiden, die "Metamorphosen" sind aber bereits im Originaltext nicht ohne Witz und Ironie. Und auch Ovid selbst wurde wegen für damalige Zeiten reichlich punkigem Verhalten (er hatte ein aufrührerisches Gedicht geschrieben) von Kaiser Augustus verbannt. Die entsprechende Aufbereitung des Textes ist also in diesem Fall mehr als berechtigt und keineswegs Selbstzweck. Das Thema verliert sich hier nicht, sondern es wurde vielmehr liebevoll als zerstörerisch umgesetzt. Die These sei hier gewagt, dass Ovid viel Freude an dieser schönen kleinen Pietätlosigkeit mit viel Witz, Energie und Schöpfung gehabt hätte.

Nächste Termine: 9.3. + 29.3., jeweils 19.30 im TuT am Schauspielhaus, Bochum - www.schauspielhausbochum.de

Videotrailer: Thomas Enbergs, stroms productions
Teaserfoto: Birgit Hupfeld Fotodesign, Rottstraße 5 (Hinterhaus), 44793 Bochum, Tel.: 0173-2746750


Do, 04.03.2010 0

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06.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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