Screenshot von Hipstamatic  by Elena Lunetta

Nostalgie für heute

Warum ist Faux-Vintage-Fotografie so populär?

In den letzten Jahren wurden Social-Media-Seiten dank Foto-Apps wie Instagram und Hipstamatic mit einem neuen Typ von Bildern überschwemmt: den Faux-Vintage-Fotos. Ihre Filter erlauben es dem Benutzer, seine Fotos, die oft mit dem iPhone gemacht werden, digital unter Verwendung von übersättigten Farben, ausgefransten Ecken oder geringer Schärfentiefe zu bearbeiten. Ohne Zweifel ein harmloser Spaß - aber warum sind Filter, die fast überflüssige Technologien wie den 35-mm-Film und Polaroid-Kameras nachahmen, heute so beliebt?

Der Wired-Mitarbeiter Clive Thompson, schreibt über den "Instagram-Effekt" und erklärt, dass diese Apps die Power haben, eintönige, profane Bilder in "emotional-schillernde" Bilder zu verwandeln - dabei wird die zugrunde liegende Behauptung, dass analoge Fotos eine bestimmte Qualität an emotionaler Tiefe oder Ausstrahlung aufweisen, kaum in Frage gestellt.

Kazyn Varnelis schreibt über Netzwerkkultur, wo das Thema weniger ein Individuum und mehr ein Produkt von mehreren sich überlappenden physischen und sozialen Netzwerken ist, und argumentiert, dass diese gefilterten Fotos "Individuen ermöglichen, den Momenten in ihren Leben den entsprechenden Rahmen zu verpassen, so dass diese authentischer aussehen".

Er gibt weiterhin zu bedenken, dass uns die Unfähigkeit, in der Gegenwart weltliche Erdung zu finden, uns in eine Vergangenheit treibt, die wir als stabiler und "realer" empfinden. Er ordnet dieses durchringende Gefühl von haltlosem Treiben zum Teil der Dematerialisierung von Geldmitteln zu, die mit der Abschaffung des Gold-Standards in den frühen 1970er Jahren einhergingen. Nachdem die Geldmittel von ihrer Verbindung zum materiellen Goldwert befreit waren, wurde Kapital zum puren Wert und mutierte in ein globales Netzwerk von flüssigen, immateriellen Kapitalflüssen, die unsere heutige Existenz formen.

 

Nostalgie für etwas materiell und physisch Präsentes durchzieht diese Fotos. In einem Essay für den Cyborgology-Blog zum Thema, argumentiert Nathan Jurgenson, dass ihre abgenutzte Patina auf die Vergänglichkeit der Zeit anspielt - ebenso wie ihre sandige Oberfläche, die verblassten Farben und die abgerundeten Ecken im Polaroid-Stil Zeichen für eine Materialität sind, wie sie nur ein analoges Foto besitzt.

 

Diese fühlbar materielle Qualität ist in analogen Fotos enthalten, da sie Produkt eine indexikalische Verbindung zum aufgenommenen Objekt haben, dessen Licht reflektiert wird und mit den fotosensiblen Chemikalien im Film reagiert. Ein Foto trägt also eine Spur eines Objekts, was vielleicht die Authentizität oder Realität erklärt, die Menschen damit verbinden.

 

Auf der Suche nach einem "authentischen" Look, sehen die Bilder jedoch alle irgendwie ähnlich aus, so dass der Prozess der Dokumentation an sich zu ihrem wahren Thema wird; sie sind sich ihrer selbst als Dokumente bewusst. Der für 2010LAB.tv tätige Autor Duncan White hat das bei einem Gespräch in der Chisenhale-Galerie als "Ästhetisierung der Mediation" bezeichnet, was ich als ästhetisches Privileg des Vorgangs der Aufnahme, Dokumentation und des Erfassens verstehe.

Die Hervorhebung der Mediation spielt wohl mit rein bei Kunstwerken, die Technologien von Bildprojektionen darstellen, sowohl bei aktuellen und veralteten. Rosa Barbas Arbeiten verwenden teilweise fünf 16-mm-Projektoren, die fast als Skulpturen positioniert werden, während die Präsentation der Hi-Tech-Monitorinstallationen von Hilary Lloyd genauso wichtig ist wie der Inhalt der Videos. Selbst der Hit-Film "The Artist" lebt von der Nostalgie einer längst vergessenen Technologie - dem  Stummfilm.

 

Aber warum wird Mediation selbst ästhetisiert?

Hillary Llyod Installation in der Raven Row Galerie

Jurgenson ist der Ansicht, dass "sich die Social-Media-User stets bewusst sind, dass das aktuelle Geschehen als potenzieller Inhalt von anderen konsumiert werden kann", was die endlose Selbst-Dokumentation unserer Leben für die Öffentlichkeit nach sich gezogen hat.

Diese gewohnheitsmäßige Dokumentation führt zur Verwirrung, was "jetzt" (aktuell) und was "vergangen" (worauf sich die Dokumente beziehen) ist, so dass die Gegenwart als eine Vergangenheit wahrgenommen wird, für die man Nostalgie empfindet. Es ist wichtig, das Gelebte, Gesehene und Gefühlte zu dokumentieren - es ist die Aufnahme der Erfahrung, die dem Ganzen Realität, Tiefe und Bedeutung verleiht.

 

Vielleicht offerieren diese Fotos die Möglichkeit, unsere eigene erlebte Erfahrung mit einer Qualität von Authentizität und Einzigartigkeit aufzuwerten. Walter Benjamin hält dagegen, dass keine Reproduktion die "Präsenz in Zeit und Raum, seine einzigartige Existenz an dem Ort, an dem es sich befindet" eines Objekts einfangen kann. Und dennoch zeigt die Beliebtheit der Faux-Analog-Fotos, dass wir uns zum Aussehen bzw. der Ästhetik der Reproduktion an sich als Wahrzeichen von Authentizität und Einzigartigkeit hingezogen fühlen, die unsere Echtzeit vielleicht nicht besitzt.

Di, 31.01.2012 0

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17.08.2011

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