
Nix passiert, mit Ausnahme von...
Prolog: Es ist Sonntagabend. Ich stehe im Duisburger Hauptbahnhof und warte auf meinen Anschlusszug. So eben habe ich mir mit meinen letzten 80 Cent Bargeld in der Tasche eine Tüte Marzipankartoffeln aus dem Automaten gezogen. Als kleine Belohnung für neun Stunden Arbeit, die so eben hinter mir liegen. Ich greife zum Telefon, um mich bei einer Freundin zu erkundigen, wie ihr Ski-Urlaub verlaufen sei. Sie wiederum fragt mich, was ich denn in den letzten Tagen so erlebt hätte. Nicht viel, kommt es mir spontan in den Sinn. Kaum den Gedanken in Sprache umgewandelt, fällt es mir wieder ein. Ich war doch drei Abende außer Haus…
Es ist Donnerstagabend. Ich habe die Hauptmahlzeit des Tages im Kopf schon vorgekocht, als mir einfällt, dass doch heute dieses obskure Teenage Angst Ensemble im Druckluft gastiert. Ein Blick auf die Uhr, einen auf den VRR-Fahrplan, einen ins Portemonnaie und ab geht es nach Oberhausen. Hätte das ganze Unternehmen auch entspannter angehen können, denn 20h heißt an diesem Tag 21h Beginn, heißt eine Stunde Zeit tot schlagen. Gar nicht so einfach, denn es ist so einiges zu erledigen. Punkt 1: Kurts Haus einen Tag vor dem Abriss die letzte Ehre erweisen! Punkt 2: Im Cafe einen mit veganem Burger(chen) und reichlich Salat prall gefüllten Teller für 2,50€ verputzen. Punkt 3: Dem bunten Malen/Zeichnen/Kreativ-Sein-Team der Scribble Gebibble-Brigade über die Schulter und auf dessen an einer Wäscheleine aufgehängten und quer durch den Raum verteilten Bilder schauen.
Es ist immer noch Donnerstagabend und im abgedunkelten Clubsaal öffnet sich vor den überschaubaren Augen der Betrachter des nun folgenden Spektakels eine Lichtung. Eben die des bereits erwähnten Teenage Angst Ensemble. Das Duo Daniel Nipshagen und Moana Köhring entführt die Anwesenden mittels einer Symbiose aus szenischer Lesung, DJ-Performance und Videoinstallation, kurz Modernes Theater, in die Welt des Sex. Alltagserlebnisse mag man meinen und lauscht den Ausführungen variierender Charaktere vom nymphomanen Schulmädchen bis zum Jedermann mittleren Alters. Die erzählten Geschichten aus der Ich-Perspektive machen für sich noch nicht allzu viel her, tragen aber ihr Puzzleteil zur Gesamtinszenierung bei, die letztlich mit „gelungen“, weil packend, unterschrieben werden darf.
Es ist Freitagabend. Heute wird daheim gegessen und zwei Stunden später als Tags zuvor gen Westen aufgebrochen. Ziel ist dieses Mal das AZ Mülheim und der angekündigte Auftritt von Vitamin X. Da zudem noch die mir zugegebenermaßen gänzlich unbekannten UK-Punks von The Restarts auf der Tagesordnung stehen, platz das nicht gerade kleine Cafe des Zentrums insbesondere zwischen den einzelnen Bands dank tausender Nieten aus allen Nähten. Aufgrund fehlender mentaler Vorbereitung ist mir das alles arg zu voll und so beschränkt sich mein Hauptaugenmerk fast gänzlich auf die niederländischen SxE-Hardcore-Punks. Circle Pit-Flatrate und Stage-Diving-Festivitäten in Ehren, aber irgendwie passe ich heute partout nicht zum Trubel um mich herum und trete nach gesehenem Auftritt frühzeitig die Rückreise an.
Es ist Samstagabend. Erneut gibt es eine warme Mahlzeit vom eigenen Herd, wieder kündigt sich Musik an, jedoch in einer anderen Stadt, einer anderen Umgebung und ganz anders gestimmten Stromgitarren. Kevin Devine & The Goddamn Band beehren das/den Bochumer Untergrund. Indie-Folk-Rock der gehobenen Sorte. Mr. Devine besticht nicht nur durch famosen Gesang, sondern auch selten erlebte Höflichkeit. Abseits der wunderbaren Musik sorgt übrigens im Vorfeld die vor Tour-Management übermittelte „Wohlfühlliste“ der amerikanischen Gäste für Schmunzeln. Darin bittet die Band neben Standard-Punkten wie: „für frisches Obst sorgen“, u.a. um lokalen Kaffee (ausdrücklich nicht vom Starbucks oder Dunkin Donuts!) und die aktuelle Ausgabe der New York Times.
Der Zuschauerzuspruch für Devine & Anhang fällt in Bochum zwar um einiges geringer aus, als noch am Vortag in Münster, doch Kevin bedankt sich ausdrücklich für die respektvolle Stille im Zuschauerraum und auch Bassist Mike ist die gediegene Atmosphäre im Untergrund um einiges lieber, als das Partyvolk vom Vortag. Eine sehr lehrreiche Ansichtssache und vielleicht ein Grund dafür, dass es erst nach beachtlichen 90 Minuten heißt: Auf Wiedersehen! Apropos Wiedersehen: Dieser Tage lohnt sich diesbezüglich definitiv ein Blick auf getaddicted.org. Denn da gibt es im Laufe der Woche ein, vorab im Backstage-Raum solo eingespieltes und exklusives Akustik-Set von Kevin Devine zu sehen und zu hören.
Epilog: Es ist Sonntagnacht und ein Blick auf die vorangegangenen Zeilen zeigt mir, dass ich vielleicht nicht immer ganz so vorschnell von einem ereignisarmen Wochenende sprechen sollte.
Fotos: Michael Blatt
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