New Relations in Art & Society - Eine Tagung zu partizipatorischer Kunst in Bochum

Am vergangenen Samstag gab es steile Thesen und interessante Einblicke in die moderne partizipatorische Kunst. Anlässlich der aktuellen Ausstellung „New Pott – 100 Lichter, 100 Gesichter“ von Mischa Kuball in der Kunstsammlung der Ruhr Uni Bochum fand dort die Tagung „New Relations in Art & Society“ statt. Es hatten sich zahlreiche Gäste von interessierten Studenten bis betagten Kunstfreunden eingefunden, um den Vorträgen verschiedener Kunst- und Kulturwissenschaftler zuzuhören.

Die kunstwissenschaftlichen Vorträge beschäftigten sich mit partizipatorischer Kunst und bezogen sich teilweise auf die ausgestellte Arbeit von Mischa Kuball. So sprach etwa die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Beate Söntgen (Bochum) in ihrem Vortrag „New Pott. Formen der Teilhabe im Interieur“ über die Rolle des Interieurs in „100 Lichter. 100 Gesichter“. Sie warf einen Blick auf die Decodierung von Kleidung, Körpern und Dingen in den Interviews, die Kuball mit 100 Ruhrgebietsbewohnern unterschiedlichster Herkunft in deren Wohnungen geführt hat. Dabei ging es ihr darum zu prüfen, ob man über die Betrachtung der Oberfläche (bzw. des Interieurs) Schlüsse auf das Innere ziehen kann. Die Hoffnung, dass man an den Räumen erkennen kann, wer darin wohnt, wird aber Beate Söntgen zufolge enttäuscht: „Letzten Endes können wir die Situation nicht lesen und erfahren nur sehr wenig.“ Was das Projekt eigentlich zeige, sei, dass „unser Entzifferungswahn hier gegen die Wand läuft.“


Dr. Gerald Schröder stellte partizipative Kunst rund um das Thema Kochen und Essen in den Mittelpunkt seines Vortrages „Kitchen Stories. Reflexion und Konstruktion sozialer Räume“ und streifte unter anderem die Eat Art der 60er und 70er Jahre.
Dr. Kristin Marek beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit Gregor Schneiders Projekt „Toter Raum“ und der Ästhetik von Tod und Sterben in der Kunst und kam zu dem Schluss, der Künstler solle, wie der „Schuster bei seinen Leisten“ doch bitte bei der Kunst bleiben und sich nicht als Sozialarbeiter oder gar Sterbehelfer versuchen – eine These, die eine engagierte Diskussion über ethische Grenzen der Kunst und die Aufgaben des Künstlers anregte.

Steile Thesen lieferte auch der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer, der in seinem Vortrag über die „Ungleichzeitigkeit und Unörtlichkeit des Potts“ die Arbeit Kuballs zum Anlass nahm, um über die allgemeine Situation im Ruhrgebiet nachzudenken. Er stellte eingangs die Frage, wie man eine Region „umformatieren“ könne und wie die Transformation einer Kernregion der Industrialisierung ins „emissionsfreie, postfossile Zeitalter“ funktionieren kann. Parallel zum Strukturwandel der Region, so Welzers These, müsse ein Wandel der „mentalen Infrastruktur“ geschehen. Dieser Wandel fehle jedoch im Ruhrgebiet: „Man glaubt noch, sich dort zu befinden, wo man gar nicht mehr ist.“ Auch die Kulturhauptstadt hat Welzer zufolge keine Ausgangspunkte für eine neue Geschichtenerzählung des Ruhrpotts über sich selbst geliefert – sie sei stattdessen in der Zelebrierung des Überkommenen aufgegangen.

Kuballs Arbeit offenbart diese Schwierigkeit für Welzer deutlich: während die Zugezogenen sich in der neuen Situation arrangieren und sie adaptieren, verharren die „Einheimischen“ in der Vergangenheit. Einzig das in Kuballs Arbeit thematisierte Tradierungselement der Einwanderung, so Welzer, mache das Ruhrgebiet zu einer Metropolenregion.
Die Chancen für die Region sieht Welzer in den Kernfragen Mobilität und Urbanität, nicht aber in dem von außen eingebrachten Thema Kreativität, die hier in der Region nicht gegeben und andernorts ohnehin bereits viel weiter ausgeprägt sei.



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Mo, 24.01.2011 2

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Kommentare

es war nicht das,

was er gesagt hat, sondern eher wie er es gesagt hat. da gab es einige leute, die sich daran gestört haben...
aber eigentlich tut es nichts zur sache, habs auch mal rausgenommen.

klingt...

gar nicht polemisch, was welzer gesagt hat. oder was war da noch?

Über den Autor

19.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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