new babylon in essen

Ein halbes Jahrhundert bevor auf Zollverein der Auftakt zum Kulturhauptstadtjahr stattfand, am 9. Januar 1960 wurde in Essen eine denkwürdige Ausstellung eröffnet. Constant: Konstruktionen & Modelle war der Titel, gezeigt wurde sie in der Galerie van de Loo. Der Münchener Kunsthändler Otto van de Loo, geboren in Witten an der Ruhr, unterhielt damals eine Zweigstelle in Essen und arbeitete mit Künstlern aus dem Umfeld der Situationistischen Internationale (SI) wie Asger Jorn, Pinot Gallizio und der Münchner Gruppe SPUR zusammen. Der niederländische Künstler Constant, Mitglied der SI, zeigte in Essen seine Vision von »New Babylon«, von einer Stadt, die einzig und allein zur spielerischen Zerstreuung ihrer Bewohner und Besucher errichtet werden sollte – radikaler Gegenentwurf zum zeitgenössischen rationalistischen Städtebau, der eine autogerechte Stadt und eine territoriale Trennung der Funktionen Wohnen und Arbeiten intendierte.

Situationistische Interantionale und die Krise des Urbanismus

Die Situationisten sagen: »Die Krise des Urbanismus verschärft sich immer weiter. In den alten Vierteln sind die Straßen in Autobahnen ausgeartet, während die Freizeit durch die Touristenströme kommerzialisiert und entstellt wurde. In den Neubaugebieten sind zwei Themen beherrschend: der Autoverkehr und der Komfort zu Hause. Das sind die erbärmlichen Ausdrucksformen des bürgerlichen Glücks, die kein Interesse am Spiel haben.« Constant fordert eine andere Stadt für ein anderes Leben: »Wir wollen das Abenteuer!« Über seine Vision sagt er: »Architektur ist das einfachste Mittel, um die Realität zu formen, um Träume zu erzeugen. In dieser Stadt kommt es andauernd zu zufälligen Begegnungen, die das Lebensgefühl bestimmen. Die ›bedeckte Stadt‹ ist das Gesamtkunstwerk des Situationismus, das Leben in ihr die universelle Poesie. Eine Theorie der gesamten Anwendung der künstlerischen und technischen Mittel, die zur vollständigen Konstruktion eines Milieus in dynamischer Verbindung mit Verhaltensexperimenten zusammenwirken.«

Architektur oder Kunst?

Im Vorfeld der Essener Ausstellung diskutieren Constant und Guy Debord, der Kopf der SI, Sinn und Risiko einer Galerieausstellung. Einig ist man sich, daß die Konzentration auf Architektur notwendig sei, um nicht vorschnell in die Schublade »Kunst« sortiert werden zu können. Otto van de Loo, so Guy Debord, sei der gefährlichste weil intelligenteste Kunsthändler. Als Debords Text für den Essener Katalog dort nur verkürzt wiedergegeben wird, reagiert er empört und wettert in der Zeitschrift der SI: »Der Sinn eines Textes über den unitären Urbanismus, der von Debord verfaßt und am 9. Januar 1960 durch eine Essener Kunstgalerie auf Deutsch veröffentlicht wurde, ist durch mehrere Auslassungen beträchtlich verfälscht worden. Ist es in diesem Zusammenhang nötig, daran zu erinnern, daß wir, denen jegliche Vorstellung des Privateigentums von Gedanken bzw. Sätzen fremd ist, folglich irgend jemandem erlauben, diese oder jene situationistische Schrift ohne Quellenangabe oder sogar mit einer beliebigen Zuschreibung vollständig oder teilweise zu veröffentlichen – nur nicht mit unserem eigenen Unterschriften? Es ist völlig unannehmbar, daß unsere Veröffentlichungen umgearbeitet werden und daß ihre Verfasser scheinbar weiterhin für sie verantwortlich sind.«

"New Babylon"

In derselben Ausgabe des SI-Organs findet sich auch Constants erste Reisebeschreibung eines Spaziergangs durch »New Babylon«. In seiner »Beschreibung der gelben Zone« heißt es: »Im westlichen Teil befinden sich das große und das kleine Labyrinthhaus mit Wasserspielen, Circus und großem Tanzplatz. Unter dem weißen Platz hängt der grüne Platz, von dem man eine herrliche Aussicht auf den darunter vorbeiziehenden Autobahnverkehr hat. Die beiden Labyrinthhäuser bestehen aus vielen Zimmern mit unregelmäßigen Formen, Wendeltreppen, verlorenen Winkeln, freien Geländen und Sackgassen. Durch ein längeres Verweilen in diesen Häusern wird so etwas wie eine heilsame Gehirnwäsche bewirkt.«

Revolutionäre Stadtplanung der Situationisten

Das Ruhrgebiet scheint der logische Ort für die Visionen von »New Babylon« zu sein. Im nächsten Jahr wird von 4. März bis 9. April in der Städtischen Galerie Bochum die Ausstellung Constant Amsterdam gezeigt. Am 6. April 1961 hält Constant im Auditorium Maximum der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Bochum einen Vortrag mit dem Titel »New Babylon, die Idee einer zukünftigen Stadt«. Auf seiner Übermalung einer Karte des Ruhrgebiets legt Constant spinnennetzartige Strukturen über die Stadtlandschaft. Der Bruch mit Guy Debord ist zu diesem Zeitpunkt bereits vollzogen. In Constants Ausstellungsaktivitäten sieht dieser einen Verrat der revolutionären urbanistischen Ideen der SI: » Seit sechs bis acht Monaten kann man Manöver besonders von Architekten und Kapitalisten in der BRD beobachten, die einen ›unitären Urbanismus‹ sofort und wenigstens im Ruhrgebiet einleiten wollen. Wenig unterrichtete und auf eilige Realisierungen erpichte Kaufleute meinten, die nahe Eröffnung eines U.U.-Laboratoriums in Essen (als Ergebnis der Veränderung der Kunstgalerie Van de Loo) akündigen zu können. Ein Dementi haben sie nur widerwillig und erst dann veröffentlicht, nachdem wir mit öffentlicher Enthüllung der Fälschung gedroht hatten.«

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03.12.2009

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