Neue Musik & Science Fiction: Gordon Kampe & das e-mex ensemble in Herne

Neue Musik im Ruhrgebiet? Natürlich, zunächst kommt einem die Folkwang Hochschule in den Sinn, an der jahrzehntelang Nicolaus A. Huber unterrichtet hat, einer der wichtigsten Komponisten seiner Generation, an der Gerd Zacher, der große Interpret von Avantgarde-Orgelmusik, Professor war und wo das ICEM, das Institut für Computermusik und Elektronische Medien, heute ein wichtiger Impulsgeber ist. An der Folkwang Hochschule gibt es mit der november music ein hauseigenes Festival für neue Musik, immer wieder schließen Studierende sich zu Ensembles zusammen. Aber damit ist die Neue-Musik-Szene im Ruhrgebiet noch lange nicht erfaßt: In Dortmund hat beispielsweise das e-mex neue musik ensemble seinen Heimathafen. Das ist vielen vielleicht gar nicht bewußt ist, weil dieses Spezialensemble für neue Musik häufiger in Köln und auf Tourneen in aller Welt zu hören ist als im Ruhrgebiet.

Am vergangenen Sonntag war es aber wieder einmal so weit: Das e-mex ensemble, das sich ganz dezidiert und mit großem Engagement für jüngere Komponisten einsetzt, hatte ein Heimspiel in Herne, und zwar im zweifachen Sinne. Denn auf dem Programm des Konzerts in den Flottmann-Hallen standen ausschließlich Werke von Gordon Kampe: 1976 in Herne geboren, Schüler u.a. von Nicolaus A. Huber und einer der originellsten Komponisten seiner Generation. Unter dem Motto Aliens. Helden. Fraktale. Gassenhauer standen Stücke aus den letzten fünf Jahren und in verschiedenen Besetzungen – vom Solo-Klavier (Martin von der Heydt) bis hin zu einem fünfköpfigen, vom Komponisten dirigierten Ensemble – auf dem Programm. Man sieht es schon an den Titeln seiner Stücke: Gordon Kampe ist ein bekennender Science-Fiction-Fan und schlägt unerwartete Brücken zwischen den oft trashigen Filmen und seiner Musik. So ist eine ganze Serie von »Ripley-Musiken« von den irren Blicken von Lieutenant Ripley inspiriert, die sich ständig auf der Flucht vor Aliens befindet, oder – wie im Fall von »HALs Lullaby« – dem Bordcomputer aus Stanley Kubricks 2001.

Zwar sagt Kampe, daß man die Science-Fiction-Stories im Hintergrund keineswegs kennen müsse, um seine Stücke zu verstehen, er leitet daraus aber Metaphern für sein Komponieren ab, so etwa die ständigen Fluchtbewegungen und Neuansätze in der »Ripley-Musik V«. Die Science-Fiction-Welten, in denen andauernd Unerwartetes passieren kann, weil die Handlung keinen logischen Mustern zu folgen braucht, stehen so für das Ideal einer Musik mit möglichst viel Bewegung und unerwarteten Wendungen. Gordon Kampe sagt: »Mein Ziel ist, daß Musik, die ich schreibe, nicht vorhersehbar in eine bestimmte Richtung läuft, sondern daß da Dinge passieren können, Risse passieren, aufblitzen, das Stück sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, wie man das vielleicht gar nicht erwartet hat, und daß da Fremdkörper hineinkommen, die plötzlich eine Bedeutung bekommen.«

Von hoher Ereignisdichte war auch das Programm in Herne, gekrönt von der neuen »Gassenhauermaschinensuite«, geschrieben für das e-mex ensemble, das für dieses Stück sein Instrumentarium um Kinderinstrumente erweitern muß. Dazu kamen Videoprojektionen von Stefan Kreitmayer, die das musikalische Geschehen begleiteten, ohne es zu illustrieren: mal schlicht schwarzweiß, mal farblich opulent, mal abstrakt, mal mit konkrete Bilder zitierend – zusammen mit der effektreichen, ständig Haken schlagenden Musik ein geradezu explodierender Assoziationsraum. Kampe und das e-mex ensemble, beide international renommiert und doch im Ruhrgebiet beheimatet, sind ein schöner Beweis für die Lebendigkeit einer jüngeren Szene auch im Bereich der neuen Musik – die man nicht übersehen sollte, wenn die Kulturhauptstadt als »neue Musik für eine Metropole« die großteils jahrzehntealten Stücke eines 83-jährigen präsentiert.

Das e-mex neue musik ensemble ist übrigens schon bald wieder im Revier zu erleben, und zwar mit zwei Auftritten, die die Eröffnung des neuen Folkwang Museums am 28. und 29. Januar begleiten. Auf dem Programm stehen Werke von Klassikern der Moderne wie John Cage und Elliott Carter, aber auch von Salvatore Sciarrino und dem Essener Komponisten Nicolaus A. Huber.

 

Fr, 22.01.2010 0

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03.12.2009

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