Kokerei Hansa (c) Stiftung Industriedenkmal

Neue Leipziger Schule in der Kokerei Hansa

Interview mit Kurator Dr. Bernhard Zünkeler

„White Cube, Dark Room, Dirty Hands“ heißt der Titel einer Ausstellung, mit der der Bochumer Kurator Dr. Bernhard Zünkeler die derzeit spannendsten Künstler der Neuen Leipziger Schule ab dem 1. Oktober in die Dortmunder Kokerei Hansa holt. Marcus Römer sprach für 2010LAB.tv mit dem Kosmopoliten, der in Bonn, Berlin und Los Angeles arbeitet – auch über das Revier als Standort für junge Kunst.


Bonn, Berlin, LA – warum haben Sie ausgerechnet die Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde als Ort Ihrer nächsten Ausstellung gewählt?

Bernhard Zünkeler: Die Kokerei zählt in meinen Augen zu den effektivsten und innovativsten Gebäuden, die ich kenne. Sie ist auch ein Symbol für Fortschritt und das Wirtschaftswunder. Interessant ist auch, dass das Gebäude in seinem ursprünglichen Zustand erhalten blieb und nicht wie andere Bauten der alten Industriekultur museumsreif renoviert wurde. Auf Dauer kann es so in Dialog mit den unterschiedlichsten Kunstformen treten. Es ist halt nicht so sehr clean wie die white cubes, die man mittlerweile überall auf der Welt antrifft. Die sind nämlich austauschbar.

Ihre letzte Schau, die auch in der Kokerei Hansa zu sehen war, befasste sich mit kubanischer Videokunst. Jetzt kommen die jungen Leipziger – ein großer Schritt.

Gar nicht so groß. In Kuba herrschen heute Verhältnisse wie im Deutschland der späten 1980er Jahre – das liegt Veränderung in der Luft. Das trifft auch auf die jungen Künstler aus Leipzig zu, die jetzt vor Veränderungen stehen; sie müssen sich gegenüber ihren großen Meistern wie Neo Rauch freischwimmen.

 

Nun scheint der Begriff „Neue Leipziger Schule“ vielen Kunstwissenschaftlern als unpassend, weil zu vage definiert. Haben die Recht?

Teil, teils. Als Marketinginstrument ist der Begriff sicherlich sinnvoll und wird tatsächlich auch dort gebraucht. Andererseits sehe ich schon Aspekte, die den Begriff „Schule“ rechtfertigen. Unter den jungen Leipziger Künstlern, darunter eben auch die Neo-Rauch-Meisterschüler, die ausstellen – Christian Bussenius, Robert Seidel, Tino Geiß und Martin Galle – gibt es eine Kollegialität und Solidarität, die ich woanders nicht erkenne.

Wie bewerten Sie das Revier als Standort für junge Kunst?

Sehr gut. Es gibt eine tolle Infrastruktur, die die Arbeit gerade für junge Künstler relativ preisgünstig macht. Anders als beispielsweise in Köln können sie sich leichter Ateliers mieten, das liegt auch an der alten Baustruktur. Darüber hinaus gibt es hier eine hohe Kompetenz, damit meine ich die hohe Dichte an bsp. professionellen Schlossereien, Brennöfen und anderen Gewerken, mit denen Künstler aus ganz unterschiedlichen Gebieten gut arbeiten können. In Berlin ist das momentan noch besser, aber das kippt bereits. Das Ruhrgebiet ist das coolste globale Dorf, das ich auf der ganzen Welt kenne. Direkt vor Los Angeles, das eigentlich auch ein Dorf ist. Wenn das Kirchturmdenken der Revierstädte irgendwann mal verschwindet und mehr Solidarität einkehrt, hat das Revier eine große Zukunft.

Die Ausstellung wird am 1. Oktober ab 18 Uhr mit einer Party eröffnet; zu sehen ist sie bis zum 31. Oktober.

Sa, 10.09.2011 0

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23.08.2011

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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