"Im Tal der Könige " neu aufgelegt - Das Buch zum Ruhrgebiet

Unüberschaubar ist die Literatur über das Ruhrgebiet. Von der Geschichte des Bergbaus und der Arbeitskämpfe über Architektur und Stadtentwicklung bis hin zum popkulturellen Untergrund gibt es kaum noch thematische weiße Flecken. Nicht umsonst konnte in Essen der Klartext Verlag gedeihen, der als der weltgrößte Regionalverlag gilt. Wo die Aufmerksamkeit der offiziellen Geschichtsschreibung und der überregionalen Medien nicht selbstverständlich ist, dort hat Selbstvergewisserung eine besondere Bedeutung. Und dennoch: Trotz der Größe und Qualität dieser Bibliothek über das Ruhrgebiet fiele die Entscheidung leicht, dürfte man nur ein einziges Buch empfehlen oder mit auf eine Reise ins Revier nehmen. Kein Zweifel, das wäre Roland Günters Im Tal der Könige.
 

Erfinder der Industriekultur


Es gibt keinen besseren Kenner des Ruhrgebiets als den in der Oberhausener Siedlung Eisenheim lebenden Günter. Der 1. Vorsitzende des Deutschen Werkbundes, Hochschullehrer und publizistische Begleiter der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, der als einer der Erfinder der Industriekultur gelten darf, hat 1994 erstmals dieses »Handbuch für Reisen zu Emscher, Rhein und Ruhr« vorgelegt. In der erweiterten Neuauflage, die nun im Düsseldorfer Grupello Verlag vorliegt, heißt es nur noch schlicht: »Ein Handbuch für das Ruhrgebiet.« Und mit einem Reiseführer im geläufigen Sinne hat es auch wenig gemein. Man kann dem Buch weder die Öffnungszeiten des Ruhr Museums entnehmen, noch Empfehlungen für italienische Restaurants in Rüttenscheid.

Roland Günter bietet dem Leser aber nicht weniger als eine umfassende Darstellung, wie das Ruhrgebiet zu dem wurde, was es heute ist – wie die Geschichte der Industrialisierung die einzigartige Struktur der »Gemenge-Stadt« hervorbrachte, wie die Konzeption des Gartenstadt prägend wurde, wie die Stadtplanung in der Nachkriegszeit wütete, wie schließlich umgesteuert wurde und die IBA Weichen für die Zukunft stellen konnte.

Dieses Wissen präsentiert Günter seinen Lesern nicht in Form einer langatmigen Abhandlung, sondern in einer prägnanten, oft pointiert zuspitzenden Sprache, in übersichtlich gegliederten Kapiteln, die mit einer Vielzahl von »Orts-Hinweisen« aufwarten, welche die Hintergrundinformationen in der gegenwärtigen Stadtlandschaft verankern und einen Einstieg an eigentlich jeder Stelle erlauben.

Wer beispielsweise die Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen besucht, der wird auf einen Abschnitt in dem Buch stoßen, der von der Rettung dieses Industriedenkmals erzählt, des ersten in der BRD unter Denkmalschutz gestellten. Wer sich mit Hagen beschäftigt, der wird die Hintergründe des »Hagener Impulses« von Karl Ernst Osthaus erläutert finden. In allen Kapiteln, die übergreifende Themen, wie die Eisenbahngeschichte oder die Geschichte der Bürgerinitiativen in den siebziger Jahren behandeln, findet sich eine Vielzahl von Hinweisen auf konkrete Orte zwischen Kamp-Lintfort und Hamm. Das Buch ist ein gewaltiger Steinbruch. Und wer es noch genauer wissen will, findet zudem noch eine Fülle von Literaturhinweisen.
 

Das Alleinstellungsmerkmal des Ruhrgebiets


Der Titel Im Tal der Könige mag provokant gewirkt haben in einer Zeit, als es noch kein »Welterbe Zollverein« gab. Roland Günter wird bis heute nicht müde, auf die Bedeutung der Industriekultur als dem Alleinstellungsmerkmal des Ruhrgebiets hinzuweisen, darauf, daß Zukunft hier nur denkbar ist, wenn die industrielle Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. Seit den neunziger Jahren ist das ja durchaus auch ein touristisch tragfähiges Konzept, und alle nachhaltig erfolgreichen Initiativen wie beispielsweise die Ruhrtriennale haben seither mit dem Potential dieser Orte gearbeitet. Roland Günter warnt: »Immer wieder ist das Ruhrgebiet in Gefahr, dieser von manchen Seiten propagierten Vergeßlichkeit aufzusitzen und sich aus den Luftblasen von Werbe-Agenturen und Zeitungen die Regionalpolitik diktieren zu lassen.«

In einem für die Neuauflage geschriebenen Kapitel über die Zeit seit der Jahrtausendwende schreibt Günter: »Die Ästhetik der dezentralen Metropole Ruhr ist nicht das angenehm-lieblich Schöne, sondern das Interessante. Daher verlangt der Tourismus im Ruhrgebiet nach Intelligenz. Er ist kein Fall für bunte Bildchen, die alles vermeiden, was verstören könnte, die Bilder müssen vielmehr anregend und packend sein.« Leider ist das noch längst nicht in allen Rathäusern verstanden worden. Und eine Lehre aus der Katastrophe auf der Loveparade müßte ja auch sein, auf diese austauschbaren, von windigen Unternehmern propagierten Events zu verzichten und selbstbewußt mit den wirklichen Stärken der Region zu arbeiten.

Zeit nehmen für das Ruhrgebiet

Man muss sich Zeit nehmen für dieses Buch, wie man sich ja auch als Reisender Zeit nehmen muss für das Ruhrgebiet, das sich nicht erfahren läßt auf oberflächlichen Stippvisiten, beim Schlendern durch die eine oder andere Innenstadt. Man sollte kreuz und quer lesen, mit dem Ortsregister arbeiten – dann setzt sich nach und nach das Patchwork dieser Stadtlandschaft zusammen und man versteht besser, im Text der Ruhrstadt zu lesen, dieser »Pionier-Landschaft«.


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Do, 12.08.2010 0

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Über den Autor

03.12.2009

Letzte Kommentare des Autors

vor 1 Jahr 37 Wochen

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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