
netz.macht.kultur - Interview mit Christian Henner-Fehr, Kulturmanager
- Serie: INTER.view, netz.macht.kultur
"Wie wirksam ist netzbasierte Kulturinformation" wird das Thema von Christian Henner-Fehr auf dem kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin sein. Er ist Gründer der Firma CHF Kulturmanagement und liefert Dienstleistungen im Bereich Projektmanagement, Kulturfinanzierung und Kommunikation. 2010LAB.tv befragte ihn vorab zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf Kulturpolitik.
Wie wird sich die Digitalisierung in Zukunft auf die Kulturpolitik auswirken?
In diesem Zusammenhang wird immer gerne auf Michel Foucault verwiesen. Er hat in seinem Vortrag „Andere Räume“ gemeint: „Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind (…) in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“
Es stellt sich also erstens die Frage, welche Einflussmöglichkeiten eine (Kultur-)Politik überhaupt noch hat, wenn die Dinge simultan ablaufen? Möchte ich das, was jetzt gerade passiert, beeinflussen, geht das nur, wenn ich zukünftige Ereignisse antizipiere, d.h. ich muss ein Gespür entwickeln für das, was kommt.
Kulturpolitik muss sich zweitens in Netzstrukturen bewegen können und steht vor der Herausforderung, in diesem „Gewirr“ gestalterisch tätig zu werden. Allerdings zeichnen sich Netzwerke dadurch aus, dass sie nicht hierarchisch angelegt sind und so Macht nicht mehr über Funktionen ausgeübt werden kann.
Diese Entwicklungen werden durch die Digitalisierung verstärkt, sind aber nicht durch sie hervorgerufen worden, denn das Zitat von Foucault stammt aus den 1960er Jahren. Eine zukünftige Kulturpolitik wird nicht mehr direktiv Vorgaben machen können, sondern soziale Räume eröffnen, in denen dann Innovation stattfinden kann. Das heißt, wir sprechen nicht mehr von gestalten, sondern von ermöglichen. Diese Aussicht mag im ersten Moment wenig verheißungsvoll für die (Kultur-)Politik klingen, aber das zukünftige Potenzial von Netzwerken und eine Beschleunigung bis hin zur Simultanität ist gewaltig.
Welche Maßnahmen muss die Kulturpolitik in Zeiten der Digitalisierung ergreifen?
Ganz pragmatisch gedacht sind es vor allem die folgenden Punkte, die in meinen Augen wichtig sind. Zum einen gilt es das Urheberrecht an die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre anzupassen und darüber hinaus auch den rechtlichen Rahmen zu schaffen für das, was noch kommt. Es gilt, sinnvolle Geschäftsmodelle zu entwickeln, die die illegale Nutzung künstlerischer Inhalte verhindern und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Urheber für ihre Leistungen entsprechend bezahlt werden. Allerdings ist die schlechte Bezahlung kein Thema, das erst mit dem Internet entstanden ist. Die Bezahlung künstlerischer Arbeit war schon in den Vorzeiten des Internets nicht besonders großzügig, das Internet hat dieses Problem allerdings noch verschärft.
In einer Zeit, in der das Internet immer wichtiger wird, ist aber auch darauf zu achten, dass nicht bestimmte gesellschaftliche Schichten von dieser Entwicklung ausgeschlossen werden. Die „digitale Kluft“ bezieht sich einerseits auf die Zielgruppe derer, die über künstlerische und kulturelle Angebote nicht mehr informiert wird, weil deren Bewerbung nur noch online erfolgt. Gleichzeitig gilt es aber auch, den Kunst- und Kulturbereich fit zu machen für das digitale Zeitalter. Gefragt ist nicht nur die Förderung künstlerischer Projekte, sondern notwendig sind Investitionen in die digitale Infrastruktur von Künstlern und Kultureinrichtungen.
Und ein letzter Punkt sei noch erwähnt: Die Digitalisierung geht einher mit der Globalisierung, einer Entwicklung, die für die europäische Kulturpolitik eine Herausforderung ist. Große Sprachräume sind im grenzenlosen Internet klar im Vorteil; die vielen Sprachen, die in Europa gesprochen werden, erreichen häufig nur eine kleine Zahl von Menschen. Europäische Kulturpolitik heißt vor dem Hintergrund der Ziele des EU-Kulturförderprogramms auch, die Voraussetzungen für die Verständigung über Sprachbarrieren hinweg zu schaffen.
Wie stark wird unsere Kultur durch die Digitalisierung beeinflusst? Befinden wir uns in einem Umwälzungsprozess, der so einschneidend ist wie die industrielle Revolution?
Alleine die Tatsache, dass wir heute dank einer hochentwickelten Technologie live Konzerte und Opernaufführungen aus aller Welt verfolgen können, entweder im Kino oder vor dem PC, bedeutet, dass sich unser kulturelles Angebot verändert hat und weiter verändern wird. Während wir als Nutzer solcher Angebote die Qual der Wahl haben, bedeutet das für die Anbieter von Kunst und Kultur eine immer größere Konkurrenz zum eigenen Angebot.
Kunst und Kultur werden also durch die Digitalisierung beeinflusst. Ob wir diesen Paradigmenwechsel mit den durch die industrielle Revolution hervorgerufenen Umwälzungen vergleichen können, lässt sich schwer abschätzen. Derzeit befinden wir uns inmitten einer Phase der Veränderung. Unser Kommunikationsverhalten ändert sich und hat zum Beispiel Auswirkungen auf das Marketing und die PR von Kultureinrichtungen.
Eine dieser Veränderungen: Wir müssen uns nicht mehr zu den für uns relevanten Informationen „hinbewegen“, sondern die Informationen kommen zu uns. Möglich wird dies durch die Netzwerke, die sich um uns herum bilden und für uns wichtige Informationen an uns herantragen. Das bedeutet, wir müssen Informationen nicht mehr nachrennen, was natürlich sehr hilfreich ist, wenn man die Unmenge an Informationen betrachtet, die im Internet zu finden sind.
Welche Frage ist für Sie die, die am dringendsten beantwortet werden muss für die digitale Gesellschaft der Zukunft?
Ich würde nicht von einer digitalen Gesellschaft sprechen, sondern denke, dass die Trennung zwischen realer und digitaler Welt nicht mehr lange ein Thema sein wird. Die Online- und die Offline-Welt werden immer mehr verschmelzen und irgendwann sprechen wir wieder von der Welt und von der Gesellschaft.
Was uns beschäftigen muss sind die alten Themen wie zum Beispiel Gerechtigkeit. Viele halten das Internet für ein demokratisches Medium, weil theoretisch jeder dort seine Meinung äußern kann. Dies wirklich allen Menschen zu ermöglichen, sowohl was den Zugang zu der entsprechenden Technologie betrifft als auch die Aneignung von Medienkompetenz, ist für mich die wohl größte Herausforderung. Dies unter anderem auch deshalb, weil die Politik, deren Aufgabe es ja ist, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, selbst noch nicht über das dafür notwendige Wissen verfügt.

Christian Henner-Fehr, Wien, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie an der Uni Erlangen, absolvierte nach zwei Jahren am IKM den postgradualen Lehrgang in Kulturmanagement Freiberuflich tätig im Kunst- und Kulturbereich. Seit 1997 eigene Firma CHF Kulturmanagement.
Kommentar hinzufügen
Ähnliche Beiträge
Letzte Kommentare des Autors
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets





























