Nein zum Fleisch: Kochen ohne Knochen

Nicht nur das Thema Premium-Beef beschäftigt die kulinarisch interessierte Menschheit, auch das Gegenteil ist wahr: Soeben erschien die vierte Ausgabe des bekannten "Ox-Kochbuchs" mit noch mehr vegetarischen und veganen Punk-Rezepten. Es gibt viele gute und auch weniger gute Gründe, seinen Fleischkonsum einzuschränken oder ganz auf Fleisch zu verzichten. Seit diesem absurden Kopenhagener Klima-Pow Wow weiß die Westwelt, dass auch ihre übermäßige Fleischeslust zum Klimawandel beiträgt. Auch wenn informierte Kreise seit Jahren Mäßigung predigen und entsprechende Zahlen bereithalten, dürfte vielen "Endverbrauchern" (dieser Terminus wird immer passender, finde ich) erst kürzlich durch die Berichterstattung selbst in Boulevardpresse und Gaga-TV deutlich geworden sein, dass Rinderzucht in großem Stil Land und Ressourcen in inakzeptabler Weise verbraucht. Da hat vielleicht mancher Burger-Bürger mit dem Nachdenken angefangen. In diesem veränderten Rezeptionsklima nun erscheint das vierte Kochbuch des Solinger Ox-Fanzines mit neuen vegetarischen und veganen Punk-Rezepten. Punk deshalb, weil Ox ein Punk-Fanzine with attitude ist und natürlich auch beim Kochen die Haltung zählt. Als 1997 das erste Ox-Kochbuch erschien, waren Vegetarier noch eine bedauernswerte Minderheit und Veganer hielt man für Verwandte der Vogonen. Nach weiteren Kochbüchern in 2000 und 2004 zählen Uschi Herzer und Joachim Hiller, die Herausgeber, heute in ihrem Vorwort allein in Deutschland "je nach Quelle zwischen 1 und 7 Millionen Menschen, die kein Fleisch essen." Die folgenden "zehn tipps für smartes essen, gutes leben und spaß beim kochen" unterscheiden sich kaum noch von den entsprechenden Tipps in BILD, Brigitte und Bunte, sind mithin offenbar in den letzten Jahren Konsens geworden. Dass man nicht beim Discounter kauft, dass man Bio-Produkte vorziehen und immer das Kleingedruckte lesen sollte, dass kein Mensch Aromastoffe und Geschmacksverstärker im Essen braucht, dass man den engagierten Einzelhandel und fair gehandelte Ware unterstützen sollte, das könnte mittlerweile jeder wissen. Warum kaufen die Massen dann immer noch das Billigfutter und ernähren sich falsch? Es liegt bei den Punks, das mal grundsätzlich besser zu machen. Kulinarisch sind die vorgestellten Rezepte im neuen Ox-Kochbuch eher wenig aufregend. Es sind häufig variierte Low-Budget-Gerichte für die Studenten-WG und kulinarische Einsteiger, über weite Strecken aber eben auch Rezepte für grundsolide Alltagskost und in den besten Fällen so etwas wie Soulfood. Mehr will das Buch auch gar nicht: Es präsentiert mediterrane, orientalische, exotische und bürgerliche Rezepte, die Leser eingereicht und zum Teil auch fotografiert bzw. illustriert haben. Die Produkte stammen aus dem Biosupermarkt, aus dem Asialaden, vom türkischen Gemüsehändler oder vom Markt, und jedem Rezept sind Punksongs zugeordnet, die den Spirit des Gerichts treffen oder als Soundtrack beim Kochen taugen. Die fantasievoll betitelten Rezepte heißen "danse macabre auberginen türmchen" und "free-kassee", "süßkartoffelpogo" und "vegan stroganoff", manchmal gibt es irritierende bis inspirierende Kreationen wie "nudeln mit steckrübe" oder "pasta mit kastanien und rosenkohl". Auffallend sind die häufige Verwendung von Sahne sowie der Verzicht auf Luxusprodukte, die in diesem Kontext zum Beispiel exquisite Öle, Salze, Käse, Weine, Pilze sein könnten. Vielleicht sind Bandnudeln eher Punk? Spinnen wir den Fleischverzicht-Gedanken mit Punk-Attitüde jedoch weiter. In einem ZEIT-Artikel vom 10. Dezember 2009 berichtete Magdalena Hamm von der belgischen Stadt Gent, in der die Idee eines fleischfreien Tages in der Woche vom Projekt eines Vegetariergrüppchens zum von Stadt und Bürgerschaft mitgetragenen "Donderdad Veggiedag" wuchs. Städtische Kantinen, Schulmensen und viele Restaurants bieten donnerstags seitdem nur vegetarische Gerichte an; das Tourismusbüro verteilt Stadtpläne mit den Adressen vegetarischer Lokale. Das Beispiel Gent hat Schule gemacht, weitere Städte haben Delegationen nach Flamen geschickt und ihrerseits vegetarische Tage eingeführt. Was hindert die Kulturhauptstadt daran, diesem Beispiel zu folgen? Welche der 53 wird die erste Gemeinde sein, die mit dieser Idee punktet? Denn eins ist mal klar: gesunde Ernährung, gar Fleischlosigkeit (und sei sie auch nur punktuell) ist cool und sexy geworden. Friedensnobelpreisträger Rajendra Pachauri unterstützt und berät das Genter Projekt, Sir Paul McCartney hat die klimafreundliche Kampagne "Less meat, less heat" angestoßen. Es gibt nur einen Grund, solche Ideen nicht auch in Deutschland zu lancieren: die deutsche Bürokratie und Regelungswut. In Magdeburg etwa wurde, wie die ZEIT berichtete, "ein Antrag der kommunalen Fraktion aus SPD und Tierschutzpartei sowie den Grünen, einen vegetarischen Tag einzurichten, zunächst öffentlich von der Fleischerinnung kritisiert." Ach ja, die gute alte Fleischerinnung. Und die Scheu des Staates, gute Ideen für das Allgemeinwohl über Einzelinteressen zu stellen. Bestimmt gibt es auch in der Kulturhauptstadt genügend Bedenkenträger und Lobbyisten… Oder? Uschi Herzer + Joachim Hiller (Hg.): Das Ox-Kochbuch Vier, Ventil Verlag Mainz 2009, 196 Seiten, 9,90 Euro

So, 10.01.2010 0

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13.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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