Nazis - statt Fußballgucken
Gut, dass an diesem Samstag Bundesligaspielfrei ist. So kann sich in der Fußballhochburg Dortmund, die gleichzeitig das wichtigste deutsche Zentrum für die so genannten "Autonomen Nationalisten" ist, die komplette Stadtgesellschaft dem Aufmarsch der Neonazis widmen - und mit ihr die Polizei.
Der U-Turm protestiert gegen Neonazis
Die Neonazis nennen ihre jährliche Demonstration "Antikriegstag", und wollen damit das Gedenken an den Beginn des deutschen Angriffskrieges gegen Polen vom 1.September 1939 umdeuten. Deutsche als Opfer; das passte den Neonazis so in den Kram. Wissenschaftlich klingt das so: "Im Kern geht es den Autonomen Nationalisten darum, zentrale Ideologieelemente des Nationalsozialismus mit Blick auf gegenwärtige Feindbilder und Ressentiments zu aktualisieren, um sich auf diese Weise neue Zielgruppen zu erschließen" - sagt der Sozialwissenschaftler Alexander Häusler von der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf. Passend dazu wird am Samstag eine Videoprojektion über dem U-Turm laufen, einem ehemaligen denkmalgeschützten Brauereikühlturm von 1920, der als Wahrzeichen der Stadt gilt: „Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool."
Ideologie der Nationalsozialisten im neuen Gewandt
Seit Tagen schon ist die Stadt in Aufruhr, das Thema ist Stadtgespräch Nr.1 (wie gesagt, der BVB spielt an diesem Wochenende nicht). Dafür sorgen vor allem die Neonazis selbst, die mit den einfachen Methoden einer zeitgemäßen Stadtguerilla auf sich aufmerksam machen: Mit einem Überfall auf die Szene-Kneipe "Hirsch-Q", der vor allem in der linken Szene für mächtig Wirbel sorgte (und diese gleichsam gegen die Neonazis mobilisiert), mit Flugblattverteilaktionen vor Gymnasien und Gesamtschulen, mit Schablonen-Graffiti, die diesen 4.9. bewerben, und mit kleine Spontankundgebungen im ganzen Stadtgebiet. Seit über eine Woche schon tobt die kreative Propagandaschlacht der Autonomen Nationalisten, die damit eine Wirkung erzielen, die ihre tatsächliche Stärke (wir sprechen hier von ein paar Dutzend sozialrevolutionär gesinnter junger Männer) völlig überhöht. Ihr dauerhafter Aktionismus kommt vor allem bei jenen Jugendlichen an, die sich selbst von der Stadtgesellschaft ausgegrenzt fühlen. Auch kommen Sie ihrem Ziel, die Stadt thematisch zu besetzen, immer näher. Hinter der Maske des Jugendprotests, der vordergründig soziale Missstände anprangert, lauert die antisemitisch völkische Ideologie von Nationalsozialisten im neuen Gewandt. Das Äußere haben sie sich ohnehin von einer links orientierten Jugendkultur abgeschaut, so dass sie im Stadtbild kaum auszumachen sind. Das hilft ihnen.
Brauner Aktionismus stößt auf Gegenwehr
Mit ihrem Aktionismus erarbeiten sie sich außerdem den Respekt anderer sozialrevolutionär gestimmter freier Kräfte in ganz Deutschland, die schon längst eine eigene Dynamik entwickeln. Die Anführer dieser Szene, vor allem der rechtsextreme Veranstaltungsunternehmer Christian Worch aus Hamburg, aber auch der einflussreiche Kameradschaftsführer Thomas Wulff, gehören zu den Unterstützern der Dortmunder Gruppe.
In ganz Europa werden Neonazis mit Sympathie für diese jungen Wilden verfolgen, ob der "Antikriegstag" zu einem Erfolg wird.
In der Stadt stellen sich ganz unterschiedliche Gruppen, von der linksautonomen Antifa bis hin zum lokalen Unternehmerverand dagegen - wenn auch in ganz verschiedener Art und Weise. Von Anzeigen in den Lokalzeitungen über Kulturveranstaltungen und einem Trillerpfeifenkonzert - bis hin zur angekündigten Blockade gegen den Neonaziaufmarsch. Auch deshalb gilt es als unwahrscheinlich, dass die Autonomen Nationalisten eine massive Demonstrationspräsenz entfalten werden. Sie selbst wissen das, und setzen deshalb immer mehr auf unorthodoxe überraschende Aktionen. Seitdem es ihnen vor zwei Jahren gelungen ist, 1100 Neonazis in Dortmund zum so genannten "Antikriegstag" auf die Straße zu bringen, hat die Stadtgesellschaft dazu gelernt. Aber seitdem ist auch klar, dass sie "längst die im Stadtparlament vertretenden rechtsextermen Parteien in ihrer Bedeutung abgelöst haben", resümierte vor einem Jahr eine Forschergruppe der Universität Bielefeld, die das lokale Problem mit den Neonazis im Auftrag der Stadt wissenschaftlich untersucht hatten.
NPD schwindet aus dem Landtag
Spätestens seit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai ist die NPD (0,9 Prozent) für die "Autonomen Nationalisten" und ihr wachsendes Umfeld hier im ganzen Land kein ernst zu nehmender Bündnispartner mehr. Das haben sie innerhalb der Bewegung lautstark kommuniziert. Und so wird ihr Aufmarsch an diesem Samstag nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Demokraten - es wird auch ein beispielhaftes Kräftemessen mit den Institutionen der rechtsextremen Bewegung in Deutschland. Denn nicht nur im Ruhrgebiet gibt es viele Neonazis, die Lust auf ganz neue Aktionsformen haben, und mit dem parlamentarischen Weg der NPD nichts anfangen können. Die AN sind so etwas wie eine APO von rechts, von der niemand weiß, was sie als nächstes plant. Darin liegt ihre einzige Stärke.
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